• Küefer-Martis-Huus, Ruggell
    Besonders die symbolische Aussteckung des Küefer-Martis-Huus sorgte für Gesprächsstoff.  (Tatjana Schnalzger)

«Geschichte bzw. Kulturgüter kennen keine Altersgrenzen»

Im Küefer-Martis-Huus in Ruggell dreht sich derzeit alles ums Thema Sammeln und Konservieren. Junge Ruggeller Kunstscha.ende kuratierten zur Frage «Was bleibt?» eine Ausstellung, die den Wert des gesammelten Kulturguts kritisch hinterfragt.
Ruggell. 

Sammeln und Konservieren steht im Zentrum Ihrer aktuellen Ausstellung. Sammeln Sie privat?

Dominic Spalt: Ja. Ich sammle Visitenkarten von Restaurants, in denen mich das Essen und der Wein inspiriert haben.

Damiano Curschellas : Ja.

Simon Egger: Ich sammle viele kleine Dinge, die ich schön finde, und bewahre auch allerlei Kram auf, den ich denke, evtl. noch gebrauchen zu können. Das Einzige, was ich seit einigen Jahren sammle, sind Zuckerbeutel. Auf allen meinen Reisen lasse ich den Zucker des Kaffees bzw. Tees in meiner Brusttasche verschwinden und nehme ihn mit nach Hause.

David-Johannes Buj Reitze: Nein, zumindest nicht gezielt.

Wie sind Sie als junge Menschen auf das Thema Kulturgütersammlung gekommen?

Buj Reitze: Geschichte bzw. Kulturgüter kennen keine Altersgrenzen (lacht). Zudem ist dies ein Themenkomplex, der uns alle unbedingt etwas angeht. Geschichte spielt bei jedem Menschen in der Konstruktion eines Narrativs mit. Vielleicht veranschaulicht es dieses Beispiel et was: Letztens im Städtle fragte mich ein Tourist, wo denn die Altstadt sei. Schnell fragt man sich in diesem Moment zumindest nach dem architektonischen Kulturgut ...

Curschellas: Die Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsort diente uns als Ausgangspunkt. Wir trafen uns regelmässig im Küefer-Martis-Huus, in dem unter anderem Kulturgegenstände vom Dorf ausgestellt wurden. Umgeben von diesen Gegenständen, stellten wir uns Fragen nach der Relevanz solcher Gegenstände.

Egger: Ich finde besonders die Thematik des Aufbewahrens interessant. Es gibt Dinge, die man nicht mehr braucht, von denen man sich aber nicht so einfach trennen kann. Dies, weil sie entweder besondere Erinnerungen in sich tragen, weil sie wertvoll oder gehaltvoll sind oder einfach, weil sie nützlich sind und man sie mitunter noch einmal brauchen könnte. Diese Dinge stehen dann in Dachböden, Abstellkammern, Depots, Lagerräumen etc. und warten auf ihren erneuten Einsatz.

Spalt: Der «Stein» hat im wahrsten Sinne das Thema ins Rollen gebracht.

Ein Stein?

Egger: Als wir uns mit dem Konzept der Ausstellung befasst haben und erstmals im Ruggell Gemeindearchiv waren, wurden wir auf einen grossen Stein aufmerksam. Niemand wusste, woher er kommt und was er dort soll. Das Rätsel um diesen Stein hielten wir von Anfang an für sehr gehaltvoll. Der Stein wurde schlussendlich zum Begleiter des Projektes und ist nun auch Teil der Ausstellung. Ob dieser nun fälschlicherweise oder absichtlich in der Sammlung ge landet ist ? für uns ist die alleinige Tatsache Grund genug, ihn als erhaltenswertes Objekt in unserer Sammlung aufzunehmen.

Buj Reitze: In einer so durch und durch erfassten, kategorisierten und bürokratisierten Zeit grenzt dies beinahe an ein Wunder.

Curschellas: Über diesen Stein gibt es keine weiteren Informationen und niemand macht sich die Mühe, mehr über ihn herauszufinden. Er wird archiviert, aber niemand weiss wieso. Für mich ist er ein Speicher, der seine Informationen nicht preisgeben möchte.

Entwickelte sich bisher schon eine Diskussion zu den gestellten Fragen bzw. aus dem o.enen Archiv?

Curschellas: Ja. Meistens waren die Fragen und das offene Archiv ausschlaggebend für den Beginn einer Diskussion, die bald in verschiedene Richtungen ging.

Spalt: Die Diskussion wurde bisher mehrheitlich innherhalb des Kollektivs abgehalten. Dies wird sich aber, so erhoffen wir es uns, durch die Diskussionsrunde vom 28. Januar zum Thema sammeln ausweiten.

Besonders die Aussteckung des denkmalgeschützten Küefer-Martis-Huus sorgte für Aufregung. Wie erklären Sie sich das?

Spalt: Interessante Frage. Diese haben wir uns im Kollektiv auch gestellt und haben keine endgültige Antwort darauf gefunden. Was wir jedoch sagen können, ist, dass die Aufregung häufig über das Thema des Geldes kam, welches in das Haus gesteckt wurde. Selten jedoch hörten wir Stimmen über einen möglichen Identitätsverlust von Ruggell bei einem allfälligen Abriss und Neubau. Ist das Küefer-Martis-Huus wirklich nur zum «Kultur gut» geworden, weil es für mehrere Franken saniert und erweitert wurde?

Curschellas: Ich fand das einer der interessantesten Momente. Diese Geste funktionierte wie eine Art Vorbote, ein unsicherer Moment, in dem es Platz für Spekulationen, Platz für die Wahrheit, aber auch für Fiktion gab.

Egger: Sehr viele haben die Aussteckung mit Humor aufgenommen und selbst begonnen, ihre eigenen Geschichten dazu zu erfinden. Minarett, Hochhaus, Kulturbau, Abriss ? es war auf jeden Fall einige Tage richtig was im Busch. Den Aussagen war jedoch nicht immer klar zu entnehmen, ob sich das Verantwortungsbewusstsein auf das schützenswerte Küefer-Martis-Huus oder die Steuergelder bezog. Unsere Idee war es nicht, mit den Leuten einen Jux zu machen, sondern mit der Ausstellung nach aussen zu treten und im Dorf sichtbar zu sein. Wir entschieden uns ganz bewusst für eine verhältnissmässig übergrosse Kubatur, sodass auf den zweiten Blick klar sein soll, dass ein Neubau an diesem Ort und in dieser Grösser eher unwahrscheinlich ist.

Zum Schluss steht die Phase des Konservierens. «Was bleibt» letzten Endes?

Buj Reitze: Die Erinnerung, auch wenn sie uns manchmal einen Streich spielt. In physischer Form die Publikation.

Egger: Letzten Endes bleibt eine Publikation. In ihr werden wir die gesamten inhaltlichen und bildlichen Materialien zusammenbringen und den Diskurs um die Themen der Leere, des Sammelns und Konservierens bündeln.

Spalt: Vieles geht?... der Stein bleibt.

27. Jan 2017 / 22:11
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