• Diese Arbeit hinter Glasvitrinen dokumentiert Anna Hiltis Recherchen in Pennsylvanias Archiven und Bibliotheken.  (Anna Hilti)

Von der Vergangenheit zur Gegenwart

Am 8. März kommt eineinhalb Monate lang Leben ins Landesarchiv Vaduz. Bis Ende April lädt das Amt für Kultur zur Ausstellung mit Beiträgen vom Historischen Verein und dem Verein Schichtwechsel. Insbesondere wird die liechtensteinische Künstlerin Anna Hilti ihre Kunstwerke ausstellen. Die Idee: Das Archiv mit Kunst zu verbinden.
Vaduz. 

Frau Hilti, wie lässt sich Ihrer Meinung nach die Kunst überhaupt mit einem Landesarchiv verbinden?

Anna Hilti: Künstlerinnen und Künstler haben einen anderen Umgang mit Archivmaterial als Wissenschaftler, was zu neuen oder alternativen Perspektiven auf das Material führen kann. Da ich mich schon länger mit historischen Biografien und Themen auseinandersetze und es mich interessiert, wie Geschichte konstruiert wird, lässt sich meine Arbeit sehr gut mit dem Archiv verbinden.

Wie sieht Ihre Arbeit denn konkret aus?

Ich habe mich einerseits mit den im Archiv vorhandenen Fotografien zum Thema Auswanderung beschäftigt. Aus einer Auswahl von Bildern sind grosse Siebdrucke entstanden, wobei oft nur Ausschnitte der Originalbilder zu sehen sind. Diese zeigen die Welt der Auswanderer durch meinen Filter. Des Weiteren bringe ich aber auch einen Ausschnitt aus meiner bereits länger andauernden Beschäftigung mit der liechtensteinischen Auswanderungs geschichte ins Archiv, bestehend aus Zeichnungen und Recherchematerial.

Dass Sie sich mit Auswanderungen beschäftigen, hat einen persönlichen Hintergrund. Wer oder was hat Sie zu diesem Thema angetrieben?

1881 ist mein Ururneni Fidel Büchel ausgewandert und nie mehr zurückgekehrt. Vom Heimweh gepackt, entschloss er sich bereits kurz nach seiner Ankunft in Guttenberg (Iowa) zur Rückkehr. Die 1600 Kilometer nach New York wollte er zu Fuss zurücklegen, wobei sich irgendwo in Pennsylvania seine Spur verliert. Laut Überlieferung wurde er tot am Eisenbahngleis gefunden. Aufgrund fehlender Dokumente und Beweise und der Hoffnung seiner Familie, dass er vielleicht doch noch leben könnte, blieb der Fall ein gewisses Mysterium und die Faszination dafür hat sich über Generationen erhalten. 2015 entschloss ich mich dann, selbst nach Pennsylvania zu reisen und nach ihm zu suchen.

Praktisch mit null Informationen haben Sie sich auf die Suche begeben nach einem Menschen, den Sie in Ihrem Leben noch nie gesehen haben. Wie sind Sie vorangekommen?

Eine Verwandte aus Idaho, Susan Buchel, hörte von meiner geplanten Reise. Wir kannten uns nicht, beschlossen aber spontan, unsere Kräfte zu vereinen und uns in Philadelphia zu treffen. Kurz vor unserer Reise fand sie in einem Online-Archiv einen Zeitungsartikel mit der Information, dass ein unbekannter Deutscher am 18. Juli 1881 in Coatesville vom Zug überfahren wurde. Wir wussten nicht, ob es sich um unseren Fidel handelte, aber Coatesville wurde daraufhin der Ausgangspunkt für unsere Suche.

Ausgangspuntk für eine ho.entlich erfolgreiche Suche?

Erst mal war es eine sehr schwierige Suche. Wir durchforsteten alle Archive, Bibliotheken und Friedhöfe der Umgebung und fanden immer mehr Material zu diesem deutschen Immigranten. Leider war sein Name nie erwähnt. Als wir die Hoffnung fast aufgegeben hatten, fanden wir auf Mikrofilm einen weiteren Artikel. Darin waren zwei Briefe, die bei dem Unbekannten gefunden wurden, in voller Länge und auf Englisch übersetzt abgedruckt. Es waren Briefe von Fidels Frau und Sohn, die ihn baten, wieder nach Hause zurückzukommen, da sie ihn so sehr vermissten. Die Inhalte geben auch Aufschluss über das damalige Leben in Balzers und den Stellenwert des Geldes, das von Amerika nach Liechtenstein geschickt wurde. Es war ein berührender Moment, diese Briefe zu entdecken.

Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Schliesslich sind Sie ja auch Ihren persönlichen Wurzeln ein Stückchen nähergekommen. Apropos Wurzeln: Könnten Sie sich vorstellen, auszuwandern?

Nein. Ich wohne in Zürich und bin oft in Liechtenstein ? und diese zwei Orte sind mir im Moment die liebsten.

Zurück zur Ausstellung im Landesarchiv: Welche Relevanz, glauben Sie als Künstlerin, hat ein Archiv überhaupt noch in der heutigen Zeit?

Ich glaube, dass das Archiv in einer Zeit von medialer Überschwemmung und Fake News sogar eine sehr hohe Relevanz hat. Denn hier sind professionelle Leute mit der seriösen Bewahrung und Betreuung unserer Geschichte beschäftigt. Die Besucher der Ausstellung sollen daher begeistert sein von der Annahme, dass die Betrachtung der Vergangenheit einen produktiven Blick auf unsere Gegenwart und auf unsere Zukunft ermöglicht.

Und was wird Ihr persönliches Highlight bei dieser Ausstellung sein?

Vielleicht die Ausstellung an sich. Für mich war es immer wichtig, Kunst nicht nur in Kunsträumen zu zeigen. Und da ich schon länger an historischen Themen arbeite, war die Anfrage des Amts für Kultur ein Glücksfall für mich.

27. Feb 2017 / 18:48
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