Von blauen Schafen und der Liebe zur Kunst

Die Vorfreude ist gross. Am 9. Mai wird zum sechsten Mal die Bad Ragartz – die Schweizerische Triennale der Skulptur in Bad Ragaz und Vaduz – eröffnet. Es ist die grösste Skulpturenausstellung unter freiem Himmel in Europa, wenn nicht in der Welt. Die Fäden ziehen einmal mehr Esther und Rolf Hohmeister aus Bad Ragaz. Ein Besuch in der Schaltstelle der Triennale, wo zurzeit auch blaue Schafe wohnen.

Das blaue Schaf ist schon von Weitem zu sehen. Es guckt zwischen den Stäben des Balkongeländers auf die ankommenden Gäste und scheint zu lächeln. Im Garten gleich neben dem Eingang vom Haus der Hohmeisters stehen zwei seiner Kollegen – ebenfalls blau. Die Schafe stehen auch in Nachbarsgarten, ja in der ganzen Grossfeldstrasse. «Kunstschafende» nennen sie die Hohmeisters auf einer Werbekarte für die Bad Ragartz. «Bei weissen Schafen würde niemand schauen, aber blaue sind ein echter Hingucker», sagt Rolf Hohmeister. Darum haben sie sich für die Kunstschafe von Rainer Bonk und Bertamaria Reetz entschieden. Seit Monaten macht die «Blauschäferei» Werbung für das wohl grösste Kulturereignis der Region. Die Farbe Blau ist dabei Programm. Blau als bedeutende Farbe in der Kunst, als Farbe der Harmonie und Zufriedenheit, als Farbe der Sehnsucht, die sowohl bei Leonardo da Vinci wie auch bei Yves Klein oder Pablo Picasso eine wichtige Rolle spielte.

Etwas Feines für alle

Bei so vielen blauen Eindrücken verwundert es nicht, dass ein in blaues Glanzpapier gehüllter Osterhase auf dem Küchentisch steht. «Blaue Osterhasen für die Bad Ragartz, gemacht von Feinkost Käfer in München.» Rolf Hohmeister lacht und ist sichtlich stolz. Es wird auf Anhieb klar, dass die Hohmeisters Humor haben, dass sie Kunst nicht als etwas Elitäres, Abgehobenes ansehen, sondern als etwas Feines, das möglichst allen schmecken soll – so wie Schokolade.

90 Künstlerinnen und Künstler aus 13 Ländern verwandeln Bad Ragaz und Vaduz in ein grosses Gesamtkunstwerk unter freiem Himmel – insgesamt 450 Werke. 2400 Tonnen Kunst, die erst einmal an den Ort des Geschehens gebracht und montiert werden müssen. Insgesamt 120 000 Kilometer Transportweg – eine logistische und handwerkliche Meisterleistung, welche die Hohmeisters aber in die Hände einer Baufirma gelegt haben. «Am Anfang haben wir die Löcher fast selbst gegraben», erinnert sich Esther Hohmeister an die ersten Ausstellungen. Vieles hat sich verändert, ist professioneller geworden. Der Erfolg hat vieles einfacher gemacht, der Bekanntheitsgrad hat zur Folge, dass sich Künstler aus der ganzen Welt direkt bei den Hohmeisters bewerben. Auch die Unkenrufe sind längst verstummt, die der Bad Ragartz keine Fortsetzung zutrauten.

Einen Traum wahr gemacht

Nach 15 Jahren und fünf Ausstellungen können Esther und Rolf Hohmeister sich getrost an ihrem Küchentisch zurücklehnen. Sie haben es geschafft, sie haben ihren Traum wahr gemacht. Den Traum, Kunst für alle zugänglich zu machen, Hemmschwellen zu nehmen, den Menschen Glück zu schenken – Glück durch «das Sehen, Verstehen und Lieben der Kunst», wie es Rolf Hohmeister formuliert.
Aber die zwei lehnen sich nicht zurück. Ganz im Gegenteil, seit Wochen, Monaten, seit Jahren wird gearbeitet. Die sechste Ausgabe der Bad Ragartz darf in ihrer Qualität den Vorgängern in nichts nachstehen. «Wir wollen den Besucherinnen und Besuchern noch mehr bieten», sagt Rolf Hohmeister. Nicht nur anerkannte Namen aus der Kunstszene – wie David Bill, Sohn von Max Bill, Mimmo Paladino, einer der berühmtesten Bildhauer Italiens, oder Sophia Vari, die Ehefrau von Fernando Botero –, sondern auch Führungen, Workshops für Kinder, ein kultureller  Treffpunkt, positive Impulse für den Tourismus und die Wirtschaft in Bad Ragaz und der Region. Vor allem aber wollen sie Kunst bieten, Kunst zum Anfassen, zum Fühlen und im Herzen Spüren. «Kunst und Kultur ist das Elexier fürs Leben», sagt Rolf Hohmeister und betont die Bedeutung von Kultur für die Zukunft.

Endlich: Die Skulpturen kommen

In den nächsten Tagen werden die ersten Skulpturen in Bad Ragaz aufgestellt. «Für mich ist dies die schönste und spannendste Zeit», sagt Esther Hohmeister. Auch viele Einwohner von Bad Ragaz können es kaum erwarten, bis alle drei Jahre die Lkws anrollen, Kunstwerke aus der ganzen Welt anliefern und ihren Kurort verschönern. Die meisten tun sich dann auch schwer damit, wenn die Skulpturen Anfang November wieder verschwinden, zu sehr haben sie sich an die Kunst gewöhnt. Zurück bleibt eine Leere und eine umso grössere Vorfreude auf die nächste Ausstellung. Bad Ragaz ganz ohne Skulpturen ist im Zuge der Erfolgsgeschichte von Bad Ragartz kaum mehr vorstellbar.

Familienbande

Der Aufwand im Vorfeld der Ausstellung ist enorm. Esther und Rolf Hohmeister könnten die Arbeit «nie und nimmer» alleine stemmen, wie sie sagen. Müssen sie auch nicht. Vor allem die Familie hilft mit. Die drei Töchter, die Schwiegersöhne und die sechs Enkelkinder – alle packen mit an, ob es nun um das Adressieren von Kuverts geht oder kleine blaue Schäfchen als Promotion-Geschenke verpackt werden müssen. Die Familienmitglieder sitzen auch im Stiftungsrat.
Die Arbeit scheint nicht auszugehen. Auch an diesem Sonntag im März stapeln sich Briefe, Einladungen und Broschüren rund um den Tisch. Sympathisch, bodenständig und zugänglich. Hier wird nichts Pompöses und Eingebildetes hinter verschlossenen Türen geschaffen. Am Küchentisch treffen sich Esther und Rolf Hohmeister mit den Künstlern, sprechen mit Sponsoren, Gönnern, Freunden und Presseleuten. «Der Küchentisch ist des Pudels Kern», zitiert Rolf Hohmeister aus Goethes Faust. Was beeindruckt. Immerhin geht es um die grösste Skulpturenausstellung unter freiem Himmel in Europa, die jedes Mal knapp eine halbe Millione Besucher anzieht und mit einem Budget von 1,5 Millionen realisiert wird. Kein Pappenstiel.

Eine neue Sinnlichkeit

Die Hohmeisters wissen um die Finanzen, die es braucht, damit die Triennale realisiert werden kann. «Geld sammeln ist Kochenarbeit», gibt Rolf Hohmeister offen zu. In den vergangenen Jahren sei es nicht einfacher geworden, viele ursprüngliche Sponsoren hätten sich aufgrund der wirtschaftlichen Lage zurückgezogen. Dafür sei das Engagement im privaten Bereich gewachsen, freut sich der Arzt und Kulturmäzen. Es sei spürbar,  dass Menschen neben dem Stress und Druck im Alltag etwas anderes suchen. «Anleitungen zum Kultivieren der Sinne sind notwendig, um unsere Köpfe zu lüften, um Hals und Kopf frei beweglich zu halten, damit unsere Gedanken und Sinne in alle Richtungen denken und fühlen können. Gefragt ist eine neue Sinnlichkeit», schreiben die Hohmeisters in ihrer «Philosophie» zur Bad Ragartz 2015.

Auf Promotion-Tour

Es gibt wohl niemanden, der Bad Ragaz mit all seinen Details besser kennt als die Hohmeisters. Mit offenen Augen und offenem Herzen spazieren sie oft durch die Strassen und Gassen ihres Heimatdorfes und können gar nicht mehr anders, als sich vorzustellen, wo und wie Skulpturen hängen, stehen, fliegen, sitzen oder schwimmen könnten. Oder sie fahren mit ihrem Bad-Ragartz-Mobil. Ein Piaggio mit abnehmbarem Dach. «Genau das richtige Gefährt», sagt Rolf Hohmeister und präsentiert die neue Anschaffung auf dem Vorplatz des Hauses. Das richtige Gefährt, nicht um Neues zu erfinden, aber vieles zu entdecken, ganz im Sinne der Bad Ragartz.

(Janine Köpfli)

6. Schweizerische Triennale der Skulptur vom 9. Mai bis 1. November 2015
Eröffnungsfeier am 9. Mai, 16.15 Uhr in Bad Ragaz; Eröffnungsfest in Vaduz am 10. Mai um 17 Uhr
Eröffnung des Festivals der Kleinskulpturen im Alten Bad Pfafers, Taminaschlucht, am 10. Mai um 11 Uhr, Ausstellung bis 8. Oktober.

30. Mär 2015 / 18:07
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