• Kurt Scheidegger
    Kurt Scheidegger: «Mein Herz ist in den vergangenen Jahren definiv zu kurz gekommen. Ich habe meine Mitarbeiter immer wieder gelobt – mich selbst aber nie.»  (Julian Konrad)

«Das weinende Auge hat es vor drei Monaten gegeben»

Am 31. August feierte Kurt Scheidegger seinen 63. Geburtstag – und den Beginn seiner Pension. Zehn Jahre lang prägte er als Geschäftsführer das Kulturleben beim Schloss Werdenberg. Sein Rücktritt kommt plötzlich – nicht zuletzt auch für ihn. Trotz Herzblut sei ihm aber klar geworden, dass er nun seinem Körper Ruhe gönnen und ein paar Gänge zurückschalten muss. Auf die neue Lebensetappe freut er sich – und blickt ebenso gerne zurück.

Von Bettina Stahl-Frick

Herr Scheidegger, im Juni hat der Verein Schloss Werdenberg informiert, dass Sie bereits 
im August in Pension gehen. Kam dieser Entscheid kurzfristig?

Es wäre gelogen, wenn ich nun sagen würde, dass ich mich schon lange darauf vorbereitet habe. Gewissermassen war die Entscheidung dann doch eher kurzfristig. Ich habe einfach gemerkt und auch eingesehen, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Mein Körper hat begonnen zu rebellieren und mir wurde klar: Ich muss ein paar Gänge zurückschalten und mir Ruhe gönnen. So sehr ich meinen Job geliebt habe: Die Gesundheit geht vor. 

Dann verabschieden Sie sich als Geschäftsführer noch diesen Monat?
Richtig – und zwar exakt heute an meinem 63. Geburtstag. Ich muss wirklich sagen: Es gibt fast kein besseres Geburtstagsgeschenk!

Bevor wir nun aber über Ihren Ruhestand sprechen, wollen wir noch einmal Revue passieren lassen, wie Sie das Kulturleben insbesondere in Werdenberg geprägt haben. Womit ist Ihnen ein Meilenstein gelungen?
Kurz bevor ich als Geschäftsführer beim Schloss Werdenberg angefangen habe, hat der Kanton St. Gallen einen kulturellen Schwerpunkt auf Werdenberg gelegt. Somit war es mein grosser Auftrag, internationale Kunst in das Schloss zu bringen. Ich durfte mit einem Museumsteam das einstige Wohnmuseum zu einem moderneren, grösseren Museum weiterentwickeln. Entsprechend wurde das Schloss dann neu bespielt und in meinem ersten Jahr konnten wir 2009 mit der Ausstellung von der weltberühmten Werdenberger Künstlerin Pipilotti Rist die Besucher begeistern. Bereits ein Jahr später haben wir eine Opernwerkstatt auf die Beine gestellt. Kurzum, ich hatte den Auftrag, grosse Kunst zu zeigen, und zwar in einem neuen, bedeutungsvolleren Museum. Beide Aufgaben habe ich erledigt. 

Das heisst, Sie können getrost ein grünes Häkchen darunter setzen?
Absolut. Aber: Es ist nicht nur mir gelungen. Gelungen ist mir, dass ich als Geschäftsführer eingestellt wurde, ich stets dabei geblieben bin und die richtigen Menschen an meiner Seite hatte. Wie beispielsweise Mirella Weingarten. Zwar hatte ich vom Neumarkt-Theater in Zürich gute Beziehungen zu Schauspielern. Die Musik wie auch Bilderausstellungen waren für mich hingegen Neuland. 
Wie Sie bereits angetönt haben: Sie waren, bevor Sie nach Werdenberg kamen, Geschäftsführer des Theaters am Neumarkt in Zürich. Was hat Sie an dem kleinen Schloss Werdenberg gereizt?
Es war ganz klar die Herausforderung. Denn eigentlich hatte ich überhaupt nicht vor, auf dem Land zu leben. Ich wusste nicht einmal, wo Buchs ist (lacht). So bin ich mit der farbigen Eisenbahn nach Buchs getuckert, alles andere war bei diesem Nebelwetter grau. Ein bisschen enttäuscht von der Umgebung bin ich die Bahnhofstrasse entlang gelaufen. Bis ich beim Restaurant Traube um die Ecke auf das wunderschöne idyllische Schloss gesehen habe. Ich war mir sicher: Dort möchte ich die verantwortungsvolle Aufgabe des Geschäftsführers übernehmen. Beim Vorstellungsgespräch konnte ich überzeugen – vielleicht nicht zuletzt wegen meiner «Züri-Schnurra» (lacht).  

Egal wodurch, Hauptsache, Sie haben Ihre Vorgesetzten überzeugt. Wie haben Sie denn in der Vergangenheit die Künstlerinnen und Künstler überzeugt, ins kleine Werdenberg zu reisen, um dort vor noch kleinerem Publikum aufzutreten?
Mit Qualität und ehrlichen Absichten. Ich habe Herzblut bewiesen, und zwar so, dass es mir auch jeder und jede abgenommen hat. Nach und nach ist eine kleine freie und feine Kulturszene entstanden, die von berühmten Künstlern heute sehr geschätzt wird. Und geschätzt wird sie auch von den Besuchern – die Skeptiker sind verstummt und das neue Konzept im Schloss Werdenberg hat Akzeptanz gefunden. Das ist der Verdienst von einem gut funktionierenden Team. 

Wie Sie erzählt haben ist Ihnen mit der Ausstellung von Pippilotti Rist ein grandioser Start gelungen. Ging es in Ihrer Karriere als Geschäftsführer so weiter oder hat es auch mal Stolpersteine gegeben?
Eigentlich muss ich sagen, ich habe alles immer hingekriegt. Auch beim Personal hatte ich Glück und ich musste in der ganzen Zeit nie jemanden entlassen. Es ist so gut gelaufen, dass ich ganz sicher nicht freiwillig aufgegeben hätte. Wären da nicht die gesundheitlichen Probleme ... Intern hingegen gab es den einen oder anderen Stolperstein. Zum Beispiel war es mit dem künstlerischen Leiter, der als Generalintendant von der Oper Frankfurt geholt wurde, nicht einfach. Ihm fehlte eben dieses Herzblut, woraus er auch keinen Hehl gemacht hat. Nach zwei Jahren hat man sich dann wieder von ihm getrennt. Seine Nachfolge Mirella Weingarten war ein Segen für das Schloss Werdenberg. 

Gab es finanzielle Stolpersteine?
Das Schloss Werdenberg wird von Gemeinden und dem Kanton St. Gallen unterstützt. Etwa 15 Prozent konnten wir durch Einnahmen von Bistro und Eintritten und ebenso viel vom gesamten Kapital haben wir von Stiftungen bekommen, denen ich an dieser Stelle ein Kränzchen winden möchte. Enttäuscht hingegen bin ich von den Banken und grossen Unternehmen der Region, die sich weder auf eine langfristige noch auf grössere Unterstützungen einliessen. Das Schloss Werdenberg ist auf finanzielle Hilfe angewiesen. Schliesslich müssen zwei Museen, ein Bürohaus, ein Künstlerhaus, ein Bistro und ein Empfangsbüro unterhalten werden. 

Man kann wohl zweifelsohne behaupten, dass Kurt Scheidegger ein Macher ist. Wer ein Macher ist, ist allerdings auch immer Kritik ausgesetzt. Inwiefern ist Kritik an Sie herangetragen worden?
Manche haben sich beispielsweise aufgeregt, wir hätten ein zu teures Programmheft dru-
cken lassen, andere nervten sich an den angeblich zu vielen Flyern. Wiederum andere kritisierten, das Team beziehungsweise die Projekte seien zu wenig in der Zeitung. Ich habe alles ernst genommen – aber leider wurde die Kritik nicht immer bei mir direkt deponiert – ich habe auch viel hinten rum erfahren. Ich habe dann jeweils versucht, mit diesen Menschen in Kontakt zu treten. Die wenigsten sind dann aber auch wirklich auf einen Kaffee vorbeigekommen, um darüber offen zu sprechen. 

Inwiefern hat Sie die Kritik zermürbt?
Prinzipiell konnte ich ganz gut damit umgehen. Die dauernde Kritik, wir würden zu wenig für die regionale Kultur tun, hat allerdings genervt. Ständig wurde gefordert, mehr für die Menschen von hier anzubieten. Aber genau das haben wir ja gemacht, zum Beispiel mit der neuen Dauerausstellung im Schloss und auch mit der Schlossmediale. 

Kurt Scheidegger, was macht Sie stolz?
Ich bin nicht jemand, der auf seine eigene Leistung besonders stolz ist. Aber ich muss zugeben, auf die Schlossmediale bin ich schon stolz. Weil ich denke, ich war genau der Partner, der die Berlinerin Mirella Weingarten gebraucht hat. Gemeinsam haben wir eine tolle Geschichte aufgezogen. Und stolz bin ich auch auf das Bistro. Ich habe vehement dafür gekämpft, dass es so aussieht, wie es heute aussieht. 

Inwiefern lacht Ihr Auge beim grossen Abschied nun als Geschäftsführer und inwiefern gibt es auch Freudentränen?
Das weinende Auge gibt es nicht mehr. Das hat es vor drei Monaten gegeben und jetzt weiss ich: Das Wichtigste bin ich selbst. Es geht um meine eigene Gesundheit. Und ich begebe mich wieder auf den Pfad, den ich einst begonnen habe, als ich im Kinderdorf Pestalozzi aufgewachsen bin. Ich war nie traurig, dass ich in einem Heim aufgewachsen bin, ich habe schon immer nach vorne geschaut. Ausserdem war es sehr bereichernd mit Kindern aus dem Tibet, Finnland, Griechenland, Ungarn, Korea und weiteren Ländern aufzuwachsen. Die verschiedenen Religionen haben mich schon damals fasziniert. Und diesen Religionen möchte ich mich wieder widmen. Es gibt einfache Übungen, wie ich mich ganz auf meinen Körper, meine Seele und mein Herz konzentrieren kann. Mein Herz ist in den vergangenen Jahren definitiv zu kurz gekommen. Ich habe meine Mitarbeiter immer wieder gelobt. Mich selbst aber nie. Nun gehe ich einen neuen Weg – einen sehr spannenden Weg. Der Pfeil ist abgeschossen.

Und haben Sie schon eine Ahnung, wo Sie dieser Weg hinführen wird?
Nein, das weiss ich wirklich nicht und ich will es auch nicht wissen. Mein Ziel ist, künftig bewusster mit mir umzugehen. So beschäftige ich mich auch mit der Ernährung. Aktuell nehme ich den Wok genauer unter die Lupe. Obwohl es gesund ist, beim Tee trinken bin ich übrigens noch nicht (lacht). Ich bin selbst gespannt, wo mich dieser neue Weg hinführen wird. 
 

02. Sep 2018 / 07:00
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