• Ihre Hände haben die Gartenarbeit nicht vergessen. Ihren Sohn erkennt sie nicht mehr – aber das ist den Blumen egal.

Demenz im Kunstmuseum

«Da war doch was!» ist der Titel der Ausstellung im Seitenlichtsaal im Kunstmuseum Liechtenstein, die am 7. September mit einer Vernissage beginnt und einen Monat lang geöffnet bleibt. Die Ausstellung beleuchtet das Thema Demenz auf einfühlsame, unterhaltsame und gleichzeitig informative Art. Und sie tut vor allem eines: Sie regt zum Nachdenken an. Nachdenken über Erinnerungen, die man um alles in der Welt behalten möchte. Erinnerungen, die sich nie verwässern sollen.

Ihre Hände haben die Gartenarbeit nicht vergessen. Zwar erkennt sie ihren Sohn nicht mehr – aber das ist den Blumen egal. Zu sehen ist diese Frau auf einem Foto von Georg Vith, das Teil der Ausstellung «Da war doch was!» ist. Die Ausstellung – eine Kooperation von Demenz Liechtenstein und dem Kunstmuseum – erforscht sowohl die Wahrnehmung von Menschen mit Demenz wie auch den bewussten Umgang mit eigenen Erinnerungen. Erinnerungen, die später einmal wichtig sein könnten. Aber: Woran genau will ich mich später einmal erinnern? Welches Erlebnis will ich auf keinen Fall jemals vergessen? Ist es die Party, die ich am Wochenende mit all meinen Freunden gefeiert habe? Oder ist es jener Moment, als Mutter die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen hatte und ich friedlich eingeschlummert bin? Oder der erste Kuss? Was auch immer – die Ausstellung lädt die Besucher ein, mit ihren ganz persönlichen Erinnerungen ihre eigene kleine Ausstellung zu gestalten. 

Erinnerungen festgehalten

Leere Einmachgläser sind die Mini-Kunsträume oder quasi Vorratskammern, die mit Erinnerungen verschlossen werden. Erwachsene, Jugendliche und Kinder legen persönliche Gegenstände in das Innere des Glases und beschriften seinen Inhalt. Im Laufe der Ausstellung werden die Inhalte gewechselt – ohne jede Planung füllen und leeren sich die Gläser, werden neu beschriftet oder auch vergessen. Was aber für immer bleibt, ist die Erinnerung. Und noch schöner macht sie die Tatsache, dass jede Erinnerung ein Unikat ist. Fünf Vorarlberger Schulen haben sich auf die Suche nach diesen wertvollen Erinnerungen gemacht – entstanden ist die Ausstellung ursprünglich durch die Aktion Demenz Vorarlberg, eine Partnerorganisation von Demenz Liechtenstein, und wurde vergangenes Jahr im Vorarlberg Museum gezeigt. «Jede Erinnerung ist ein Unikat» ist ein Buch voller Erinnerungen von Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren, welche auch in 50 Jahren noch im Archiv des Vorarlberg Museums nachschauen können, was sie damals, im Jahr 2016, nie vergessen wollten. Einen Monat aber wird das Buch das Archiv in Vorarlberg verlassen und die Besucher werden es im Rahmen der Ausstellung im Kunstmuseum Vaduz wiederfinden. 

Knarzende Laute 

Auch für Matthias Brüstle, Geschäftsführer von Demenz Liechtenstein, wird der Ausstellungsmonat eine spannende Zeit. Besinnt er sich selbst auf seine schönsten Erinnerungen, fällt ihm eine aus seiner Kindheit ein, wie das einzigartige Holzhaus seiner Grosseltern – die gefühlt immer zu Hause waren, auch wenn er unangekündigt dort vorbeischaute –, dessen Böden bei jedem Schritt knarzende Laute von sich gaben und wo jeder Raum einen unverkennbaren Geruch hatte. Besonders das Wohnzimmer, wenn es eingeheizt war, habe wunderbar nach Arve gerochen. Da wird ihm noch heute das Herz ganz warm ...
Matthias Brüstle freut sich, dass es gelungen ist, die Ausstellung nach Vaduz zu bringen. Nicht zuletzt war es auch mit dem Transport nicht so einfach. Nun steht aber fest: Am 7. September fällt mit der Vernissage der Startschuss. Neben Bildern, dem Buch der Schüler-Erinnerungen und einer Vorratskammer mit persönlichen Andenken der Besucher ist auch eine Installation mit Gläsern zu sehen, die mit Wasser gefüllt sind. Sie stehen am Boden und über die vier Wochen der Ausstellungsdauer wird das Wasser verdunsten. Zurück bleibt ein feiner Kalkrand an den Innenwänden der Gläser. Was mit dem Geist passiert, ist Teil der Naturgesetze – die entscheidende Frage für den Menschen selbst ist nur der Zeitpunkt. 
Auf einer vier Meter langen Wand können sich die Ausstellungsbesucher mit der Frage beschäftigen: Bevor ich sterbe, möchte ich noch ... Über die Wochen sollen berührende, kuriose und überraschende Listen entstehen mit Vorsätzen für das Leben vor dem Tod. 

Vitalisierende Kraft der Musik

Ausserdem wird im Rahmen der Ausstellung zu bestimmten Zeiten der Film «Alive inside» zu sehen sein. Dabei geht es um eine filmische Erforschung der Fähigkeit der Musik, die Seele wiederzuentdecken und die Tiefen des Menschseins aufzudecken. Ein Musiktherapeut wird jeweils an den Wochenenden vor Ort sein und Angehörige von Menschen mit Demenz über die enorm revitalisierende Kraft der Musik beraten. Weiters werden drei Workshops angeboten: Basale Stimulation (14. September), Musik für Menschen mit Demenz (20. September), Ins Bild setzen – Zeichnen im Kunstmuseum (21. September) und Patientenverfügung (28. September). 

Den Blumen egal

«Ziel der Ausstellung ist eine Sensibilisierung für die Krankheit Demenz», sagt Matthias Brüstle. Dafür sollten so viele Menschen wie möglich erreicht werden. Denn die Sensibilisierung beginnt erst dann ihre Wirkung zu zeigen, wenn vom Busfahrer bis zur Verkäuferin, vom Schulkind bis zum Pfarrer alle schon einmal davon gehört haben, dass ein verwirrter Mensch im öffentlichen Raum eventuell an Demenz leiden könnte und Unterstützung braucht. Wie auch jene Frau auf einem Foto von Georg Vith, deren Hände nicht vergessen haben, wie Gartenarbeit geht. Ihren Sohn erkennt sie jedoch nicht mehr. Aber dies kümmert die Blumen ja nicht. (bfs)

25. Aug 2017 / 06:00
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