• Künstler Rainer Schoch in Weite
    Der WM-Baum des Künstlers Rainer Schoch (li.) fand auf Anhieb einen Platz im Skulpturenpark von Franz Bucher in der Weite.  (Daniel Schwendener)

«Die Leute dachten wohl, ich sei völlig gaga»

Der deutsch-Schweizer Künstler Rainer Schoch ist bekannt für seine realistischen Ölgemälde. Derzeit behängt er aber Bäume mit Uhren – wie etwa im Skulpturenpark Bucher in Wartau. Hinter der kurios anmutenden Idee steckt ein Schicksalsschlag und eine langjährige Freundschaft.

Fünftausend Uhren lagen über zehn Jahre auf dem Dachboden von Rainer Schoch. Damals gestaltete der Produktdesigner und Künstler Souvenirgegenstände für die Schweiz – als Deutscher. «Ich hatte einen anderen Blickwinkel darauf. Die Schweizer hatten immer nur solche Staubfänger wie Schlüsselbretter mit Edelweiss-Motiv», erklärt er lachend. Die Uhren, eigens von ihm designt, sollten anlässlich der Europameisterschaft 2008 von Fans getragen werden. Ausgeliefert wurden sie jedoch nie. Rainer Schoch wurde schwer krank und entging nur knapp dem Tod. Zehn Jahre vergingen, die Uhren blieben stets eingelagert: «Mein Frau sagte immer: ‹Wirf diese Uhren endlich weg!› Doch ich wusste, dass ich irgendwann ein Projekt daraus mache.» Nun sei die Zeit reif dafür, wie «der Phönix aus der Asche» sei sein WM-Kunstprojekt entstanden. Ein Zierapfelbaum hat er zusammen mit seiner Frau mit Hunderten von Fussballuhren behängt. Enthüllt wurde der Baum an seinem Wohnort in Stein am Rhein bereits Ende April. Der vier Meter hohe Baum machte sich dann auf einem Transporter auf den Weg nach Deutschland, ins

Museum MAC Art and Cars
in Singen. «Wir waren ein regelrechtes Verkehrshindernis, da wir nur 15 Kilometer pro Stunde fahren konnten», erklärt Schoch schmunzlend. Vor wenigen Tagen reiste der Baum weiter vom Museum in Singen zum Hotel Hirschen in Horn, auf der Halbinsel Höri am Bodensee. Durch die Reise durchs Bodenseegebiet verbindet der Baum Menschen aus dem Dreiländereck. Grenzen überschreiten, das sei das Ziel seines Projektes. Aber auch bürokratisch und transporttechnisch sei das Projekt keineswegs ein Kinderspiel. 

Länderübergreifendes Projekt
Grenzen, nicht nur landestechnisch, sollten aber weiter gesprengt werden: «Auch im Skulpturenpark gegenüber der Galerie Bucher, an der Hauptstrasse 60 in der Weite, haben wir Anfang Mai einen Uhrenbaum enthüllt», so Schoch. Das Ganze habe sich zum Selbstläufer entwickelt: «Die Leute dachten wohl zuerst, ich sei völlig gaga. Als sie dann aber die ersten Bilder vom Baum gesehen haben, wollten immer mehr mein Projekt aufgreifen.» Das sei auch das Ziel: An Galerien, Museen und andere Institutionen, auch aus anderen Ländern, sendet Schoch die Uhren per Post. «So kann überall ein WM-Baum entstehen», meint der Künstler. So zeigt die «Art Basel» Interesse daran, einen WM-Uhrenbaum pünktlich zur Eröffnung der Ausstellung und zum WM-Start am 14. Juni aufzustellen. Die «Art Factory» in Graz sowie Museen in Deutschland und Frankreich zeigen in den nächsten Wochen ebenfalls einen WM-Baum. Für Italien hat sich Rainer Schoch etwas ganz Besonderes überlegt: «Italien ist seit 60 Jahren zum ersten Mal nicht bei der WM dabei. Deshalb haben wir einen 1200 Jahre alten Olivenbaum in Cannobio am Lago Maggiore mit 60 Italien-Uhren behängt, quasi als ‹Trauerbaum›». So ein kleines Trauerbäumchen, geschmückt mit 60 Italien-Uhren, steht auch im Skulpturengarten von Galerist und Kunstmaler Franz Bucher. In fünf Ländern hat Schochs Projekt bereits Einzug gehalten – als sechstes Land soll nun Russland einen WM-Uhrenbaum bekommen. «Als Höhepunkt soll zum WM-Auftakt in Russland ein Uhrenbaum eingepflanzt werden», erklärt Rainer Schoch. Er hoffe aber, dass weitere Museen und Galerien in sein Projekt einsteigen.

Mehr Kultur für Wartau
Doch wieso kommt so ein WM-Baum gerade nach Wartau? Dahinter steckt eine Freundschaft zwischen dem Galeristen Franz Bucher und Rainer Schoch. An der Art Montreux vor drei Jahren hatten die beiden Künstler ihre Ausstellungsstände gleich nebenan. Schoch stellte an seinem gut besuchten Stand Libellen aus Bambus aus, die, lediglich auf einem Finger liegend, zu schweben scheinen. «Irgendwann sind wir ins Gespräch gekommen, als meine Frau so eine Libelle kaufte», erklärt Franz Bucher. Über die Jahre hinweg hätten sie immer wieder telefoniert und sich getroffen. Sie versprachen, sich bei grösseren Projekten gegenseitig zu unterstützen. So hängen derweil auch zahlreiche Gemälde von Schoch in der Galerie Bucher. «Ich bin sowieso immer auf der Suche nach spannenden Projekten – deshalb war ich sofort begeistert vom WM-Uhrenbaum. Denn Wartau ist, gelinde gesagt, kunsttechnisch eher auf dem Abstellgleis», meint der Galerist. Enthüllt wurde der Uhrenbaum gleichzeitig mit der Eröffnung der Skulpturenausstellung Bad Ragartz: Bis zum Ausstellungsende am 14. Oktober wird auch der Uhrenbaum im durchgehend geöffneten Skulpturengarten Bucher verbleiben. «Vielleicht kommen dann einige Interessierte auf dem Weg nach Bad Ragaz einen Sprung in meinen Skulpturengarten», erklärt Bucher.

Zum Nachdenken anregen
Die Öffentlichkeit zu erreichen, ist auch das Ziel der Projekte von Künstler Rainer Schoch. Nebst seinen fotorealistischen Ölgemälden, etwa von betagten Leuten in der Bilderreihe «Lebenslinien», widmet er sich Kunstprojekten. So stellte er vor einigen Jahren vier lebensgrosse Astronauten, einer mit Kantonswappen und einer mit Skiern, im Kongresshaus Zürich aus. Damit setzte er das Gerücht in die Welt, dass nicht ein Nasa-Astronaut 1969 der erste Mensch auf dem Mond war, sondern bereits acht Jahre davor ein Schweizer. «Die Leute fingen an zu spekulieren und zu diskutieren», so Schoch. Den Anspruch, zum Nachdenken anzuregen, hätten alle seine Projekte. Auch das WM-Projekt soll zur Diskussion anregen und die berühmten Grenzen in den Köpfen sprengen. «Für 2018 habe ich mir vorgenommen, mich mehr meinen Projekten als meinen Malereien zu widmen», sagt der Künstler mit Herisauer Wurzeln. Kaum hat das WM-Projekt begonnen, hat Schoch bereits eine nächste Idee. Er möchte das Uhrenland Schweiz repräsentieren: «Ich stelle mir vor, in Venedig einen ganzen Raum mit Tausenden von Uhren zu füllen, sodass man quasi darin baden kann.» (rar)
 

26. Mai 2018 / 07:00
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