• Barbara Geyer, Planken
    Barbara Geyer mit ihrer Camera Obscura.  (Tatjana Schnalzger)

Eine Hommage an uralte Gestalten

Egal ob Birnen- oder Apfelbäume, Kastanien oder Buche, Föhren oder Tannen: Für Barbara Geyer sind Bäume bedeutende Kraftorte. In Planken hat sie verschiedenste fotografiert. Und zwar mit einer umfunktionierten Blechdose – einer «Camera obscura».

Wenn die Künstlerin Barbara Geyer mit einer Keksdose durch Planken schlendert, verteilt sie etwa nicht selbst gebackene Krömle, wie man hierzulande sagt, sondern sie macht Fotos. Insbesondere von Bäumen. Mit einer Dose zu fotografieren, klingt für einen Laien etwas kurios. «Camera obscura» nennt sich aber tatsächlich die Art von Kamera, mit der sie das Licht einfängt und durch Reflexion schliesslich ein Negativbild entsteht. Diese Art von Lochkamera ist keineswegs eine Erfindung der Neuzeit – erste Versuche mit dieser Kamera wurden von Arabern bereits vor über tausend Jahren angestellt. Mit der Camera obscura möchte Barbara Geyer durch die Umkehrung die Seele des Baumes darstellen. Denn Bäume spielen in ihrem Leben eine sehr wichtige Rolle. Beeindruckt blickt sie von der Holzbank neben dem Brunnen auf dem Gemeindeplatz aus auf den alten, grossen Birnbaum gegenüber des Gemeindehauses in Planken. So oft sie als Plankner Einwohnerin diesen Baum schon gesehen hat, so oft durchlebt sie immer wieder die gewisse Faszination aufs Neue. Das Vertraute. Das heimische Gefühl. Und die Geborgenheit. 

Fotos einmal anders gemacht
Barbara Geyer räumt die Tragtasche aus, die sie mitgebracht hat, und stellt dabei eine Dose nach der anderen auf den Holztisch. Keine ähnelt der anderen, darunter sind auch Kartonschachteln und ein kleiner Eimer aus Metall. Die Künstlerin öffnet den Deckel ihrer Lieblingsdose. Was drauf steht, ist allerdings nicht drin: Mandelkekse. Stattdessen ist die Dose leer, dafür innen schwarz lackiert. Auf der Dosenoberfläche sind zwei kleine Löcher zu erkennen, zirka je ein Millimeter im Durchmesser. «Das bedeutet, diese Dose hat zwei Linsen, was sie für mich besonders macht, denn diese Kamera ermöglicht dadurch eine Verdoppelung des Motivs auf demselben Bild», sagt Barbara Geyer. Beide in eine Alufolie gestochenen, stecknadelgrossen Löcher, welche die Funktion optischer Linsen übernehmen, bilden zusammen mit ihrer lichtdichten, schwarz ausgemalten Schachtel, Kiste oder Dose eine sogenannte Camera obscura. Und schon kann das Abenteuer losgehen! Jedoch dauert mit einer Lochkamera das Fotografieren ein bisschen länger. Ein Prozess, den Barbara Geyer allerdings geniesst. Sie wählt sich das Objekt aus. Für ihre Hommage an die Plankner Bäume waren es in den letzten Wochen und Monaten entsprechend verschiedenste Sujets. Während zwei bis drei Minuten fängt sie das Sonnenlicht ein. Dieses wird durch das kleine Loch, quasi die Linse, seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend auf das an der gegenüberliegenden Seite an die Kamerarückwand befestigte, lichtempfindliche Fotopapier projiziert. Dadurch entsteht ein Fotonegativ, das heisst, die hellen Partien des projizierten Bildmotivs erscheinen auf dem in der Dunkelkammer entwickelten Fotopapier schliesslich grau bis schwarz, die dunklen Stellen hingegen hell bis weiss. Weil die Kamera, um ein scharfes Bild zu erhalten, während des Fotografierens nicht bewegt werden darf, stellt die Künstlerin die zur Kamera umfunktionierte Dose auf den Boden, einen Sockel oder auf einen anderen festen Gegenstand. Dabei achtet sie gleich auf mehrere Faktoren. Zum Beispiel auf die Distanz zum Objekt. Oder darauf, wie das Sonnenlicht einfällt. 

Bearbeitet wird im Badezimmer
In ihrem Badezimmer zu Hause an der Dorfstrasse in Planken hat sich Barbara Geyer eine Dunkelkammer eingerichtet. «Mein Mann und meine Kinder müssen manchmal ganz schön viel Verständnis für meine Kunst aufbringen, wenn dann mal wieder das Bad besetzt ist», schmunzelt sie. Wo sich andere duschen, föhnen, schminken, belichtet Barbara Geyer die Bilder, die sie mit ihrer Lochkamera eingefangen hat. 
Anschliessend hat die Künstlerin die Bilder am Computer eingescannt und mithilfe 
eines Bildbearbeitungsprogramms die Grautöne blutrot eingefärbt. «Damit wollte ich Assoziationen zur Lunge oder zum Blut beziehungsweise dem Herzkreislauf wecken», erklärt sie. Denn die «Baumlunge», wie Barbara Geyer es nennt, nähre und erhalte die Menschen am Leben. «Menschen sind Teil der Natur, sind eingebettet in den Kreislauf der Natur und sozusagen auf Bäume angewiesen, also abhänging von ihrer «Lunge und Energie», glaubt Barbara Geyer. Ungern erinnert sie sich, wie vor ein paar Jahren in Planken 60 Obstbäume dem Feuerbrand zum Opfer gefallen sind. Darunter war auch ein Baum aus ihrem Garten, ein Quittenbaum. «Er trug noch so viele Früchte und ich konnte mich nicht einmal von ihm verabschieden», sagt Barbara Geyer traurig. Als sie an jenem Tag gegen Mittag nach Hause kam, sei der Baum bereits umgesägt und abtransportiert gewesen. 

Ungewöhnliche Materialien
Wie Bäume ist Barbara Geyer mittlerweile auch in Planken verwurzelt. Aufgewachsen ist die Künstlerin in Graz. Studiert hat sie an der Universität für Kunst in Linz und verwirklichte sich später im Kunstschaffen in Japan und Amerika. Bevor sie mit ihrem Mann Martin Walch und ihren zwei Töchtern nach Liechtenstein kam, lebte die Familie lange Zeit in Wien. 
Schon während ihres Studiums entdeckte Barbara Geyer ihre Faszination für das Arbeiten mit einer Lochkamera. Die Künstlerin kann sich aber für vieles begeistern. So auch für künstlerische Arbeiten mit ungewöhnlichen Materialien wie zum Beispiel Wursthaut, Schlauchgummi, Draht, Brot oder Haare. Das Material hängt dabei oft mit der Lebensrealität der Künstlerin zusammen. Während eines Aufenthalts in New York zum Beispiel inspirierte sie der Mangel an und die Sehnsucht nach gehaltvollem Brot. Sie reflektierte über Verwurzelung und Herkunft, dachte über bestehende Werte und neue Orientierungen nach. Entstanden sind schliesslich Brothäuser. Das Interessante: Barbara Geyer kaute das Brot, bevor sie die Masse modellierte. «Der Akt des Brotkauens an sich vermittelt Innigkeit und Intimität», sagt die Künstlerin. Mit ihrer Arbeit thematisierte sie das Beheimatet-Sein in der Heimatlosigkeit.
Oder sie filzte ihre Haare zu einem 51 Meter langen Seil zusammen. Siebeneinhalb Jahre lang liess sie ihre Dreadlocks damals wachsen. In einem individuellen und rituellen Vorgang hatte die Künstlerin während eines Aufenthalts in Kirgisien an einem sorgfältig gewählten Ort in der Natur ihr Haar geschnitten. 
Apropos rituell: Barbara Geyer hat ausser ihrem Kunststudium die Ausbildung zur Visionssucheleiterin gemacht. Dabei begleitet sie Menschen in Übergangsritualen. Übergangsrituale können beispielsweise die Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen sein. Vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Vom jahrelangen Arbeitnehmer zum Pensionisten. In der Natur begleitet sie diese Menschen und bereitet sie auf ihre neue Lebensphase vor. 
Ihre Hommage an die Plankner Bäume hat Barbara Geyer einen Monat lang bis Ende April im Kunstkeller des Gemeindehauses in Planken ausgestellt. «Die Feedbacks der Besucher waren sehr positiv», freut sich die Künstlerin. 
Ebenso freut sich die Künstlerin aus Planken auf verschiedenste künftige Projekte, wie beispielsweise ihre Teilnahme an der visarte.li-Triennale im kommenden Sommer, bei der sie ihre Camera-obscura-Bilder ausstellen wird. In Schaffhausen wird sie dieses Jahr zudem an einer Ausstellung beteiligt sein und nächstes Jahr steht für die Künstlerin dann ein grosses Ausstellungsprojekt im Kunstraum Engländerbau in Vaduz an. (bfs)

 

29. Jun 2018 / 07:00
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