• Lokremise St. Gallen
    Die Lage der Lokremise direkt am Gleis macht das Kulturzentrum auch für ÖV-Nutzer mit einer längeren Anreise gut erreichbar.  (Tatjana Schnalzger)

Eine Kulturlokomotive für St. Gallen

Seit sieben Jahren sind in der ehemaligen Lokremise St. Gallen drei Kulturveranstalter und ein Restaurant untergebracht. Seither treten sie unter einem gemeinsamen Namen auf. Die steigenden Besucherzahlen zeigen: Das Konzept mit Kino, Theater und Museum unter einem Dach kommt an.

Wo sich früher die Lokomotiven für die Fahrt aufwärmten, sitzen nun Gäste in einem Restaurant, schlendern durch die museale Ausstellung, besuchen ein Theaterstück oder das Kino. Seit der umfassenden Renovation 2010 wird der Industriebau als Kulturzentrum «Lokremise» genutzt. 

Ursprünglicher Charakter 
Die ursprüngliche Form des grössten noch erhaltenen Ringdepots der Schweiz wurde weitgehend beibehalten; die Fassade erstrahlt in neuem, frühzeitlichem Glanz und auch die Deckenstrukturen sind noch dieselben. Auf dem Boden sind die Gleise erkennbar, auf denen die Lokomotiven die Remise bis 1980 Richtung Rondelle verliessen. Auf der historischen Rondelle, die die Loks in die richtige Position brachte, befindet sich heute eine grosszügige Terrasse, auf der im Sommer ein Open-Air- Kino stattfindet. «Der Architekt verfolgte das Haus-im-Haus-Prinzip», erklärt Urs-Peter Zwingli, Assistent der Geschäftsführung der Stiftung Lokremise, bei einem Rundgang. So sind nicht nur ein Theatersaal sowie die sanitären Anlagen in zwei kleinen, in der Remise eingebauten «Häusern» untergebracht, sondern auch das Programmkino Kinok. In den weiteren ursprünglichen Gebäudeteilen befinden sich eine Ausstellungshalle, ein Restaurant sowie ein weiterer Theatersaal. Die Ausstellungshalle wird mit wechselnden, oft experimentellen Ausstellungen von Künstlern – in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum St. Gallen – bespielt, die Theatersäle werden vom Theater St. Gallen mit Tanzaufführungen und modernem Schauspiel als Aussenspielstätte genutzt. 

Kombination als Zukunftsmodell
Dass diese Kombination verschiedener Kulturangebote gut ankommt, weiss auch die langjährige Leiterin des Kinok und  Stiftungsrätin Sandra Meier: «Es ist ein Zukunftsmodell, Synergien von Institutionen zu nutzen.» So können die Besucher mit einem Kino- oder Theaterticket gleichzeitig auch die Ausstellung in der Lokremise besuchen. Dies gäbe es noch nicht so häufig, dass vier verschiedene Kunstrichtungen (Film, Theater, Tanz, Kunst) unter einem gemeinsamen Dach agieren. Alle vier Parteien würden gegenseitig voneinander profitieren, Probleme gäbe es praktisch keine. «Zuerst hatten wir schon ein bisschen Angst, dass wir nicht selbst die Atmosphäre bestimmen können», so Meier. Das Ergebnis sei jedoch äusserst zufriedenstellend. Der Ort erweist sich als sehr stimmungsvoll und die Besucher schätzen die gemütliche Atmosphäre. Dass das gastronomische Angebot und das Kino als Besuchermagneten wirken, ist sich Meier durchaus bewusst: «Zusammen mit dem Restaurant sind wir der Motor der Lokremise.» Mit täglich mindestens drei Filmvorstellungen zieht das Kino jährlich 50 000 Besucher an, die durch die gemeinsame Lokalität auch auf die anderen Angebote aufmerksam werden. 

Kampf um Erhaltung
Der Erhalt der Lokremise war lange Zeit ungewiss, wie Sandra Meier erklärt. Nach der Einstellung des Betriebs in den 80er- Jahren waren Bestrebungen im Gange, das Ensemble abzureissen. Lange Zeit stand das Gebäude leer, bis es von 1999 bis 2004 von der renommierten Schweizer Galerie Hauser & Wirth als Ausstellungsraum genutzt wurde und von 2006 bis 2009 als Provisorium für verschiedene Kulturveranstaltungen diente. 2010 kam es zu einer kantonalen Abstimmung über die Renovation der Lokremise. Diese war nach 1970 erst die zweite kulturelle Abstimmung im Kanton St. Gallen. «Es war eine grosse Zitterpartie, ob der Antrag durchkommt», erzählte Meier. Die Befürchtungen wurden nicht wahr und die Erhaltung der Lokremise wurde mit 57 Prozent Jastimmen befürwortet. Neben der Remise wurde auch der Wasserturm beim Haupteingang saniert, in dem sich seit ein paar Jahren eine abenteuerliche Dauerausstellung von Christoph Büchel befindet. Im angrenzenden Badhaus, das Waschmöglichkeiten für die Eisenbahnmitarbeiter bot, ist eine Wohnung für Künstler untergebracht, die in der Lok-
remise ausstellen. «In den letzten Jahren ist hinter dem Bahnhof mit der Lokremise und der Fachhochschule St. Gallen ein neues Bildungs- und Kulturviertel entstanden», sagt Sandra Meier. «Der Zugang zu Theater und Museum ist in der Lokremise zudem niederschwelliger als in den ‹Mutterhäusern› dieser Institutionen», sagt Zwingli. Kino- und Restaurantbesucher könnten sich spontan zu einem Besuch in Theater oder Museum entscheiden. Während die Stiftung Lokremise den Unterhalt und den Betrieb des Gebäudes sicherstellt, kümmern sich die einzelnen Partner um die laufenden Geschäfte. Mit einem Überschuss von 37 000 Franken, 83 000 Kulturgästen und 70 000 Gastronomiegästen pro Jahr (2016) kann die Stiftung mit Recht behaupten, es geschafft zu haben, die historische Lokremise mit neuem Leben zu füllen. Dies sieht auch Sandra Meier so: «Die Lokremise ist ein Beispiel für eine gelungene Umnutzung.» Und ganz nebenbei zeugt das Eisenbahndenkmal als Relikt von der boomenden Textilstadt St. Gallen. (mk)
 

26. Okt 2017 / 10:36
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