• Ausgrabungen in Gamprin
    Die Archäologin Patricia Hubmann bei der Ausgrabung in Gamprin, die mittlerweile abgeschlossen ist.  (Tatjana Schnalzger)

Eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit

Es ist weitaus mehr, als in der Erde herumzuwühlen, was Patricia Hubmann macht – die Archäologin forscht Erdschicht für Erdschicht nach spannenden Zeitzeugen. Aktuell gräbt sie in Triesen, zuvor forschte sie mit einem Team in Gamprin. Das Wetter meint es dabei mit der Archäologin nicht immer gut. Egal ob schweisstreibende Hitze oder unsägliche Kälte – die Forschungsarbeit muss stets auf Hochtouren laufen. Tut sie auch, wie ein Besuch in Gamprin zeigt.

Mit einem Spachtel kratzt Patricia Hubmann sorgfältig an der bereits abgetragenen Erdschicht. So reinige sie das Profil, erklärt sie in einer Position, die nicht wirklich bequem aussieht. Bequem sieht es auch wenige Meter neben ihr nicht aus: Katharina Zagajsek sitzt auf einem umgedrehten Eimer und dokumentiert die Schichtabfolge vor ihr. Der Holzfarbenkasten liegt direkt neben ihr, ein Lineal vor ihren Füssen. Die Archäologin zeichnet Stein für Stein im Massstab 1:20 ab – dies verlangt Genauigkeit in höchstem Masse. Und etwas weiter hinten auf der Baustelle arbeitet Marion Kirchler. Sie hilft Patricia Hubmann, das Grubenprofil zu reinigen, um die Erkenntnisse anschliessend sauber dokumentieren zu können. 

Aber apropos beqeum: So sieht es nirgends in dem 8 auf 4 Meter grossen Zelt aus, in dem seit Mitte September auf einer Baustelle in Gamprin eine spannende Zeitreise in die Vergangenheit stattfindet. Wegen eines Aushubs wurde sie notwendig. Drei Archäologinnen haben sich inzwischen in die Tiefe gegraben und sind dabei auf Überreste von Keramikgefässen aus der Bronzezeit gestossen. Bereits im Frühjahr hat das Team der Archäologie zwei Parzellen weiter oben bei einer Notgrabung interessante Entdeckungen gemacht. So lag es für die Experten nahe, dass sie auch hier, an der Badälstrasse, auf interessantes Erbe von Liechtensteins Zeitgeschichte stossen. «Im Frühjahr haben wir allerdings mehr Bronzeobjekte gefunden», erzählt Patricia Hubmann. Auf diesem Boden, wo, sobald die archäologische Notuntersuchung abgeschlossen ist, ein Mehrfamilienhaus und nebenan ein Einfamilienhaus gebaut wird, waren fast ausschliesslich Keramikfragmente zu finden. Keramikteile waren vor Jahrzehnten übrigens auch jede Menge auf dem Kirchhügel in Bendern zu finden – grüne, blaue, schwarze, mehrfach gemusterte. Darunter sind Teile grosser Ofenkacheln, wie es sie in Liechtenstein in diesem Ausmass nicht gegeben hat und die eine städtische Herkunft erahnen lassen. Eine Vermutung ist daher, dass sie von Feldkirch nach Bendern geschafft wurden und vielleicht sind dies sogar Spuren von erstem Mülltourismus. Die Archäologen erhoffen sich, im Rahmen der weiteren Auswertungen auf eine plausible Antwort zu stossen. 
Zurück zur aktuellen Ausgrabung in Gamprin: Patricia Hubmann zeigt auf eine schwarze Brandschicht: «Das deutet darauf hin, dass hier vielleicht einmal eine Feuerstelle war oder das Haus gebrannt hat.» Spricht sie von einem Haus, meint sie nicht das, was heute in den meisten Köpfen ist. Zu jener Zeit, also etwa 1000 Jahre vor Christus, gab es mehrheitlich einfache Einzimmerhäuser, meist aus Holz gebaut und mit Lehm verputzt. 

Liechtenstein hat eine lange  Archäologie-Tradition. Erste Ausgrabungen haben die Landesverweser und fürstlichen Verwalter bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchgeführt. Als sich der Historische Verein 1901 gegründet hat, haben dessen Mitglieder nach dem kulturellen Erbe geforscht. Zwischen Balzers und Ruggell gibt es tatsächlich viele bedeutende Fundpunkte – so wurden in dieser Zeit zum Beispiel das Lutzengüetle in Gamprin, der Borscht in Schellenberg, der Malanser und der Schneller in Eschen, der Krüppel sowie das spätrömische Kastell in Schaan und der römische Gutshof in Nendeln in Teilbereichen ausgegraben. Seit über 30 Jahren ist das Team der Archäologie stets auf jenen Baustellen präsent, wo in den Erdschichten Funde vermutet werden. Patricia Hubmann gehört momentan dazu, untersucht diese Erdschichten, bevor sie dem Bagger zum Opfer fallen. Seit zehn Jahren nun forscht sie von Baustelle zu Baustelle. Für ihre Familie nicht ganz überraschend: «Bereits als Kind habe ich immer im Dreck herumgewühlt, nach spannenden Gegenständen gesucht und diese gesammelt», erzählt die junge Frau. Dass sie später in Zürich Archäologie studiert hat, war dann die logische Konsequenz. Jeder Fund begeistert Patricia Hubmann: «Nur schon die Vorstellung, nach drei-, viertausend Jahren die Erste zu sein, die Teile von Werkzeug, Geschirr oder Schmuck wieder in den Händen hält, fasziniert mich.» Ebenso fasziniert sie an ihrem Beruf, dass sie nach all den Jahren immer wieder etwas Neues entdecken kann. Dass besonders in den ersten Tagen einer Ausgrabung die Arbeit auch auf den Körper schlägt, nimmt sie in Kauf – «So spar’ ich mir den Besuch im Fitnessstudio», sagt sie und lacht. Zugegeben, bei einer Grabung kürzlich in Balzers hat Patricia Hubmann dann nicht mehr so gelacht, als der anhaltende Regen die ganze Forschungsstätte flutete. Bevor sich das Archäologen-Team überhaupt hinter seine Forschungsarbeit klemmen konnte, musste das Grundwasser erst mühsam abgepumpt werden. Das alles gehört zum Archäologen-Job. Genauso wie schweiss-treibende Hitze oder unsägliche Kälte.

Besser geschützt sind da die Archäologen, Anthropologen und Restauratorinnen in ihren Büros und Labors an der Messinastrasse in Triesen. Hier landen die Ergebnisse, wenn die Grabungen ausgewertet, fotografiert und dokumentiert sind. Hansjörg Frommelt, Leiter der Archäologie Liechtensteins beim Amt für Kultur, lädt auf einen Rundgang durch jenes Haus, das die Landesverwaltung seit 1990 angemietet hat. In einem Raum bedecken unzählige Lagerbehälter drei langgezogene Tische. Darauf liegen fein säuberlich sortierte Keramikscherben. «Ordnung ist das A und O», sagt Restauratorin Kathrin Wüst. Ihre Aufgabe ist es, das Geschirr zu rekonstruieren, um es datieren und schliesslich dokumentieren zu können. Sie ist quasi wie eine «Berufspuzzlerin» – mit unglaublichem Feingefühl und zeitgeschichtlichem Wissen. Interessant – und auch ein bisschen gruselig – sieht es in der nächsten Abteilung aus, zu welcher Hansjörg Frommelt die Türe öffnet: Die Anthropologie. Auf einem Wandgestell reihen sich Schädel, darunter sind ganze Skelette aufgereiht. Auf dem Tisch am Fenster liegt ein grauer Haufen – mit archäologischen Augen gesehen hochinteressant. Das ist es auch, als die Anthropologin Christine Cooper und Hansjörg Frommelt dann erzählen, was da wirklich liegt: Die Überreste zweier Kinder, die vor einem Jahr bei einer Notgrabung in Mauren gefunden worden sind. Sie gehören zu den ältesten bekannten und noch erhaltenen Bestattungen in Liechtenstein, sind um 1150 v. Christus in einer Grube innerhalb der spätbronzezeitlichen Siedlung beigesetzt worden. Eigenartig, weil die Toten zu jener Zeit meistens verbrannt wurden. Die Archäologen haben das Grab auf der Baustelle in einem Gipsblock geborgen, damit es im Labor in Triesen in Ruhe freigelegt und dokumentiert werden kann. Um die Gebeine besser einordnen zu können, unterzog man den Block im Liechtensteinischen Landesspital in Vaduz sogar einer Computertomografie.
In einem weiteren Raum kümmern sich die Experten um die Fundbearbeitung, das heisst, sie reinigen die Objekte, inventarisieren, beschriften und archivieren sie. Und am Ende jeder archäologischen Untersuchung steht die Publikation der Forschungsergebnisse. Der vierte Bereich der Archäologie umfasst nicht nur die Auswertungs- und Forschungsarbeit, sondern auch die Bauüberwachung. Wegen der regen Bautätigkeit hat Letztere erste Priorität. Die Verantwortlichen koordinieren die Notgrabungen und kontrollieren die Baustellen des Landes, die sich im archäologischen Perimeter befinden. Ihr gesetzlicher Auftrag dazu ist im Kulturgütergesetz zu finden, das am 1. Januar 2017 in Kraft getreten ist.

In Gamprin ist die Ausgrabung zwischenzeitlich zu Ende gegangen, die nächste Station ist in Triesen an der Fingastrasse. Patricia Hubmanns Augen leuchten: Bereits vor fünf, sechs Jahren sind dort Kulturschichten aus dem Neolithikum angeschnitten worden – also aus der Jungsteinzeit. Damals hatten die Menschen noch nicht einmal Metallwerkzeuge. Entsprechend freut sich die Archäologin auf spannende Funde. Und auch Hansjörg Frommelt erwartet weitere spannende Entdeckungen, die bedeutende Zeitgeschichte erzählen. (bfs)
 

27. Okt 2017 / 06:00
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