• Barbara Ellenberger Interview 150609
    Die scheidende TAK-Intendantin Barbara Ellenberger.  (Daniel Ospelt)

«Liechtenstein hat eine tolle Mischung»

Acht Jahre lang hat sie die Geschicke des TAK geleitet. Jetzt verabschiedet sich Intendantin Barbara Ellenberger nicht nur vom TAK, sondern auch von Liechtenstein. Das tut sie mit einem lachenden und einem weinenden Auge – im Interview erzählt sie von den Eigenheiten Liechtensteins, den Herausforderungen des hiesigen professionellen Theaters und ihrer Rückkehr in die Heimat.

Der 30. Juni ist Ihr letzter Arbeitstag am TAK. Wie erging es Ihnen in Ihrem letzten Monat in Liechtenstein?
Barbara Ellenberger: Mitte Juni fing ich langsam an, zu begreifen, dass es jetzt tatsächlich dem Ende zugeht. Auf der einen Seite ist da eine grosse Aufbruchslust und ein neuer Job, auf den ich mich freue. Auf der anderen Seite bin ich wehmütig, zeitweise auch ein wenig traurig. Vor allem meine netten und engagierten Teamkollegen werde ich vermissen.

Nach acht Jahren Intendanz verlassen Sie das TAK. Weshalb?
Ich glaube, ich habe eine innere Uhr, der ich folgen muss. Ich war sieben Jahre in Hildesheim, davor sechs Jahre am Schauspielhaus – da zeichnet sich ein gewisser Rhythmus ab.

Fehlt nach acht Jahren am selben Ort die Energie?
Ich würde eher sagen, es entsteht eine Lust auf eine neue Herausforderung. Es gibt Leute, die ihre Stärke in der Kontinuität entwickeln. Ich dagegen bin jemand, der gut darin ist, Grenzen zu verschieben. Wenn ich hier am TAK nochmals etwas Substanzielles bewegen wollen würde, müsste ich wohl zuerst weggehen und dann wiederkommen, um diesen Aussenblick wieder zu erhalten.

Welche Ziele haben Sie sich vor acht Jahren gesetzt und wie zufrieden sind Sie mit deren Umsetzung?
Explizite Ziele hatte ich vielleicht nicht – dafür einen Ordner mit allen Kulturinstitutionen. Und davon habe ich eine nach der anderen besucht. Ich verspürte eine Lust, gemeinsam mit diesen Institutionen die Kulturlandschaft zu gestalten. In Liechtenstein gibt es einen Reichtum an Kulturinstitutionen und zum Glück auch an kulturell interessierten Menschen. Ausserdem wollte ich den Menschen vermitteln, dass jeder kompetent ist, ins Theater zu gehen. Dass es keine anderen Voraussetzungen braucht als Neugier, Offenheit und eine Lust am Austausch mit anderen. Und da finde ich, haben wir schon etwas erreicht. Dazu hat auch das Foyer des TAK beigetragen – das öffentliche Wohnzimmer Liechtensteins.

Zu Beginn Ihrer Intendanz bezeichneten Sie das TAK als Tante-Emma-Laden, der die verschiedensten Bedürfnisse abdeckt. Dieses Konzept wurde auch immer wieder kritisiert und dem TAK ein fehlendes Profil vorgeworfen. Wieso ist dieses Konzept für Sie das richtige?
Das TAK war schon immer sehr breit aufgestellt. Daran haben wir eigentlich gar nicht viel geändert. Und für diese Region finde ich dieses Konzept genau richtig. Das höhere Ziel ist es, einer Gesellschaft kreative Impulse zu geben und möglichst vielen Menschen den Zugang zum Theater zu ermöglichen.

Die neue Spielzeit haben Sie gemeinsam mit dem neuen Intendanten Thomas Spieckermann geplant. Wie unterscheiden Sie beide sich?
So intensiv haben wir uns gar nicht miteinander auseinandergesetzt. Aber ich habe ihn als jemanden erlebt, der sehr offen ist, sehr zugänglich und sehr uneitel, an der Sache interessiert. In dem Moment, als er als Intendant bestimmt wurde, habe ich mich zurückgezogen und ihm meine Unterstützung angeboten.

Trotzdem: Gibt es in der Planung der Spielzeit Unterschiede zwischen Ihnen?
Thomas Spieckermann ist Literaturwissenschaftler, daher hat das Literarische für ihn wahrscheinlich etwas mehr Gewicht als für mich. Auch im Bereich Schauspiel wird es mehr Projekte geben. Aber dadurch, dass er die gesamte Mannschaft übernommen hat, gibt es sicherlich eine gewisse Kontinuität.

Wie schwer fällt es, ein Theater in fremde Hände zu geben, dass man acht Jahre lang entscheidend mitgeprägt hat?
Ehrlich gesagt fällt mir das erstaunlich leicht (lacht). Weil ich spüre, dass der neue Intendant seine Sache sehr respektvoll und intelligent macht – das gibt mir ein sehr gutes Gefühl.

Welches waren Ihre persönlichen Höhe- und Tiefpunkte in den vergangenen acht Jahren?
Manches hat mich extrem beeindruckt. Zum Beispiel die Inszenierung «Verbrennungen» des Burgtheaters Wien, eine der Ersten, die wir eingeladen hatten. Die Regie adaptierte das Bühnenbild fürs TAK – als kleiner Abstecherort so ernst genommen zu werden, war schön. Und ein ganz grosser Höhepunkt zum Schluss war unsere Eigenproduktion «Rubel, Riet & Rock’n’Roll». Dass wir über einen längeren Zeitraum so akribisch und sorgfältig an diesem Projekt arbeiten konnten, generierte die Substanz des Stückes. Autor Stefan Sprenger ist es gelungen, Figuren zu kreieren, die aus einer anderen Zeit heraus agieren und argumentieren. Das Publikum wurde wirklich in die Zeit der 50er- bis 70er-Jahre zurückversetzt.

Gab es schwierige Zeiten?
Ein weiterer Höhepunkt war für mich das Morgenland-Festival im Jahr 2011 – das war ein Riesenabenteuer. Eine wirklich kleine Crew organisierte ein Forum mit internationalen Keynotespeakern, eine Messe, ein Schauspiel-, Konzert- und Performanceprogramm, bespielte einen öffentlichen Platz und organisierte die Küche. Und alles klappte wie am Schnürchen – das war gigantisch. Damals habe ich extrem viel gelernt – und im Rückblick hätte ich im eigenen Theater selbst gerne mehr umgesetzt. Aber dazumal bin ich eben an meine Grenzen gestossen.

Das TAK steht unter Dauerbeschuss des TAK-Gründers Alois Büchel. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
Alois Büchel hat Unfassbares geleistet. Ich war damals zwar nicht dabei, aber wenn ich mir das Gebäude und die alten Spielpläne anschaue und mir vergegenwärtige, was für eine Zeit das war – was er gemacht hat, ist genial. Ich habe immer versucht, ihm diese ganz grosse Wertschätzung zukommen zu lassen. Aber gelegentlich habe ich mich auch bedroht gefühlt. Da musste ich mir einfach sagen: Das alles hat nichts mit mir als Person zu tun.

Mussten am TAK während Ihrer Intendanz noch einige seiner Vorwürfe aufgearbeitet werden?
Nein, für uns ist das alles abgeschlossen, und das war es auch schon, bevor ich als Intendantin herkam. Zu allen Vorwürfen gibt es einen Gerichtsentscheid. Mittlerweile hat Alois Büchel nochmals Klage eingereicht, diese wurde aber ad acta gelegt.

Sie kamen als Zürcherin vor acht Jahren nach Liechtenstein. Gab es liechtensteinische Eigenheiten, an die Sie sich erst gewöhnen mussten?
Ehrlich gesagt habe ich mich hier sehr schnell wohlgefühlt. Liechtenstein hat eine tolle Mischung: Einerseits ist es dörflich und bäuerisch geprägt, andererseits sind die Menschen hier fast weltoffener als die Schweizer. Weil sie jedesmal über die Grenze müssen, wenn sie etwas wollen. Die Schweizer kommen mir da bornierter vor – sie können sich eher selbst genügen. Wenn du in Zürich bist, hast du ja alles. Was ich auch mag, ist das «Du». Man warnte mich zwar, dass ich als Ausländerin nicht gleich jedem Du sagen dürfe – ich habe es trotzdem einfach gemacht. Und jetzt muss ich mir das wieder abgewöhnen – in Zürich kannst du das nicht bringen (lacht)!

Und gab es auch etwas, das Sie schwierig fanden?
Ich glaube, Liechtensteinern fällt es schwerer, fremde Leute kennenzulernen. Da gibt es ja die berühmte Frage: «Wem ghörsch?» Und wenn du eben niemandem gehörst, haben die Liechtensteiner Mühe, dich einzuschätzen. Dadurch können sie auf Fremde und Ausländer schwer zugänglich wirken.

Was schätzen Sie an der liechtensteinischen Kulturlandschaft?
Die Vielgestaltigkeit finde ich sensationell. Die vielen Vereine und die Laienkultur, die es in fast allen Bereichen gibt. Ausserdem die Dichte an Institutionen. Als professionell agierendes Theater merkt man allerdings, dass es in dem Land keine bürgerliche Tradition gibt. Hier muss man das professionelle und subventionierte Kulturschaffen unverhältnismässig stark verteidigen. Als ich im Jahr 2007, noch vor der Finanzkrise, hierherkam, hatte ich das Gefühl, dass eine Öffnung stattfand. Man wollte sich international positionieren und wollte grosse internationale Orchester und Theatergruppen ins Land holen. Nach der Finanzkrise hat sich der Blick wieder gesenkt – ich hatte das Gefühl, man blickte wieder auf die Berge, die das Rheintal begrenzen, statt darüber hinaus. Das ist schade. Ausserdem hat Liechtenstein die Tendenz, Kultur als Accessoire zu betrachten – eine hübsche Sache, die man sich leistet, wenn man genug Geld hat. Dabei hat Richard von Weizsäcker einmal gesagt: «Kunst ist ein Lebensmittel, es ist nicht das Sahnehäubchen, sondern die Hefe im Teig.»

Wie sehr hat Ihnen als Zürcherin in den vergangenen acht Jahren das Städtische gefehlt?
Ich glaube, ich bin einfach extrem anpassungsfähig. Ausserdem vermisse ich vieles nicht aktiv, sondern nur passiv. Wenn ich in die Stadt gehe, denke ich schon: «Wow, ist das toll, das sollte ich viel öfters machen.»  Genau gleich geht es mir mit einem Spaziergang in der Natur – solange es nicht da ist, vermisse ich es auch nicht.

Worauf freuen Sie sich in Zürich und am Miller’s Studio besonders?
So ein Neuanfang hat immer etwas wahnsinnig Tolles. Es ist schön, auf der grünen Wiese zu planen und sich erst einmal noch nicht bewähren zu müssen. Und ich freue mich wahnsinnig auf den See. Ich habe so gerne Wasser – das habe ich manchmal vermisst.

Was ist die besondere Herausforderung Ihrer neuen Stelle als künstlerische Leiterin am Miller’s?
Das Miller’s hat nach einigen Fehlentscheiden eine schwierige Zeit hinter sich. Erst im vergangenen Jahr konnte eine Trendwende eingeläutet werden. Aber das Theater ist verschuldet. Ausserdem befinden wir uns am Ostende der Stadt – jetzt, wo das Westende von Zürich als Ausgehmeile boomt. Es wird spannend sein, zu versuchen, das Miller’s  wieder in die Köpfe und Herzen der Zürcher zu tragen.

Für Sie persönlich ist die Rückkehr nach Zürich auch eine Rückkehr in die Heimat?
Unbedingt. Und ich bin total froh, dass 15 Jahre vergangen sind, seit ich Zürich verlassen habe. Ich kehre in eine andere Stadt zurück – eine viel lebendigere und dynamischere Stadt. Gleichzeitig habe ich aber eine physische Vertrautheit mit den Plätzen und Orten dieser Stadt und kenne auch sehr viele Menschen dort. Und auch meine Familie ist in Zürich wieder etwas näher bei mir.

(Angela Hüppi)

29. Jun 2015 / 18:24
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