• Portrait Joachim Batliner
    Balders-Ross-Sänger und Jurist Joachim Batliner.  (Daniel Schwendener)

«Wir möchten ja, dass die Leute irritiert sind»

Joachim Batliner arbeitet als juristischer Mitarbeiter beim Amt für Volkswirtschaft. Nebenbei ist er Sänger beim Duo «Balders Ross», das sich auf Musik von Brecht und Schlager aus den 1920ern spezialisiert. Im Interview erzählt er, warum seine Show manchmal Irritationen auslöst.
Vaduz. 

Herr Batliner, Sie treten mit Balders Ross am 1. April im Gasometer in Triesen auf. Was für ein Programm erwartet das Publikum?
Joachim Batliner: Das sind deutsche Lieder, zum grossen Teil von Bert Brecht. Ansonsten ein Sammelsurium von Schlagern aus den 20er- und 30er-Jahren, insbesondere Hafenlieder. Dazu vielleicht ein paar alte, romantische Lieder. 

Sie interpretieren also vorwiegend ältere Musik. Warum?
Es ist eine musikalische Welt, die ich immer schon kannte. Als ich ein Kind war, lag eine Kassette in der Stereoanlage meiner Eltern, wo Hana Hegerová ein Brecht-Lied gesungen hat, das von einem Kutschenpferd handelt, das auf der Strasse krepiert. Dieses Lied wollte ich immer mal singen. Brecht-Lieder hatte ich immer schon sehr gern. Die Schlager aus derselben Zeit sind dann später dazugekommen. Diese haben ähnliche Themen, sind aber sprachlich aus einer völlig anderen Welt. Aus dieser Kombination lässt sich etwas machen, wenn man sie nebeneinander vorspielt, gegeneinander ausspielt. 

Sie sind ja der Sänger von Balders Ross. Wie sind Sie denn zum Singen gekommen?
Mit Mama beim Abwaschen, beim Abtrocknen, beim Autofahren, da wurde gesungen. Dann war ich beim Schul- und später beim Studentenchor dabei. 15 Jahre lang war ich auch Strassenmusiker. Die Leute dazu zu bringen, stehenzubleiben und einem zuzuhören, ist eine schwierige Sache. Man lernt da einiges auf der Strasse. Und jetzt bin ich Präsident des Kirchenchors. (lacht)

Wann haben Sie mit dem Duo Balders Ross angefangen?
Das wird vor fast 25 Jahren gewesen sein. Ich suchte schon lange jemanden, der mit mir das Lied «O Fallada, da Du hangest», das Lied vom krepierenden Ross, einübt – und mit meinem damaligen WG-Kollegen Markus B. hab ich ihn gefunden. Seitdem sind wir uns treu. 

Möchten Sie in der Band lieber anonym bleiben? Sie verwenden nicht Ihre ganzen Namen.
Es ist so, dass diese zwei Figuren von Balders Ross eigentlich nur Puppen sind, die auftreten. Es sind beides Kunstfiguren, die diese Band haben. Da ist es nicht so relevant, wer dahintersteckt.  

Oft reagieren die Leute irritiert – Sie singen ältere deutsche Musik, tragen gleichzeitig transparente Oberteile und roten Lippenstift. 
Das ist tatsächlich so. Wir möchten ja, dass die Leute irritiert sind. Dass das Geschlecht dieser Puppe nicht so ganz klar ist, entspricht ja dem Programm. Da treten Matrosen auf, Zimmermädchen, ein Huhn, ein Karpfen, alles mögliche, und natürlich ein Ross. Ich liebe diese Songs, aber da ist viel Sexismus drin, unerträgliche Volksbelehrung, Kriegsverherrlichung – so ist das eine angespanntes Liebe. Ich kann nicht sagen, das ist meine Musik. Es ist nicht meine Weltanschauung. Deshalb möchte ich, dass es eine schiefe Bühne ist. Dass man sich fragt: Sind das Fake-News? Kann man das glauben? Wir stellen ein Bild hin und überlassen es dem Publikum, wie es das annehmen möchte. Der Volkserzieher Brecht hätte keine Freude daran.  
Gibt es eine Reaktion des Publikums, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Es gab Situationen, wo wir im privaten Rahmen spielten und die Leute schockiert waren und den zweiten Teil nicht mehr hören wollten. Auch unser alter germanischer Name – Baldur ist ein germanischer Gott – führte schon zu Missverständnissen: Da kamen Neonazis zu unseren Konzerten und sahen ihre Erwartungen dann nicht erfüllt. 

Brecht lebte bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Hätten Sie gerne zu dieser Zeit gelebt? 
Ich glaube nicht. Ein grosser Teil der Bevölkerung Deutschlands hatte viel zu leiden, wirtschaftlich und politisch. Inmitten dieser Misere der 20er- und 30er-Jahre gab es kulturelle und wirtschaftliche Eliten, die sich ein gutes Leben machen konnten. Aber mich fasziniert die Sprache aus dieser Zeit. Sie ist oft plakativ, radikal, es ist manchmal unangenehm, sich das anzuhören, es ist so überdeutlich. Aber sie hat eine Stärke, die vielleicht mit dem damaligen Chaos zu tun hat. Die Sprache muss sich selbst behaupten – gegen die Lügen der Gesellschaft oder der Politik. Damit wären wir bei den damaligen Themen, die gerade jetzt wieder einigermassen aktuell sind. 

Sie selbst arbeiten als juristischer Mitarbeiter beim Amt für Volkswirtschaft. Nebenbei ­treten Sie auf der Bühne auf. In welcher Rolle fühlen Sie sich wohler? Und weshalb?
Die Juristerei ist wirklich mein Beruf – mein richtiger Beruf, den ich machen will, an den ich mein Herz verloren hab. Es gab aber auch eine Zeit, in der ich Schauspieler werden wollte – von der Bühnenarbeit leben wollte. Aber ich weiss nicht, ob das gut rausgekommen wär. (grinst)

Sie wollten Schauspieler werden?
Ich war oft bei Theaterprojekten dabei, aber immer als Laie. Als ich jung war, träumte ich davon, einmal Schauspieler zu werden. 

Warum hat es nicht geklappt?
Ich hab wohl Bewerbungen für Schauspielschulen geschrieben, die aber gar nicht abgeschickt. Rückblickend ist es mir nicht mehr ganz klar, wie ernsthaft ich das wirklich wollte. Jedenfalls: Im Amt, wo ich jetzt bin, habe ich etwas zu tun, und das tue ich sehr gern. Anerkennung dafür zu erhalten, ist eine wunderbare Sache. Auf der Bühne geschieht das unmittelbar: Man verausgabt sich, dann öffnet man die Arme und erhält den Applaus.

Für den einen oder anderen scheinen diese beiden Tätigkeiten mehr Gegensätze zu sein. Sehen Sie das auch so? Oder wie lassen sich diese zwei Rollen vereinen?
Es ist beides das Gleiche. Wortarbeit. Es geht um die Interpretation von Text. Auf der Bühne ist mir jedes einzelne Wort wichtig, jede Silbe. Bei der Juristerei fragt man nicht: Wie kommen die Konsonanten heraus aus dem Mund? Dennoch geht es um dasselbe: Das Wort gestaltet die Welt und macht die Welt erfahrbar. 

Ist das bei ihrem Bühnenpartner auch so?
Markus B. arbeitet in der Schweiz bei einem Amt für Statistik. Eine genaue Dis­ziplin. Auch das Klavierspiel ist eine präzise Kunst. Auf Amtsdeutsch hiesse das: Schon kleinste Abweichungen im Zentimeterbereich sind geeignet, eine ­Beeinträchtigung der Gehörfälligkeit herbeizuführen. 

Was heisst es für Sie als Liechtensteiner, in Triesen ­aufzutreten? Gibt es da einen Unterschied zu Auftritten in grösseren Städten im Ausland?
Ja, ich bin viel nervöser. Dabei geht es nicht um die Frage, ob wir auch einen guten Auftritt hinkriegen werden – diese Nervosität plagt mich ohnehin jedesmal. Aber hier kommt halt dazu, dass ich da Leute einlade, die ich aus ganz anderen Zusammenhängen bereits kenne, dass ich ihnen sage, wie sehr ich mich freuen würde, wenn sie kämen, und dabei nicht weiss, ob auch sie sich freuen werden, wenn sie dann kommen. Aber es gilt: Ich freue mich.  

«Balders Ross» mit Joachim Batliner spielt am 1. April um 20 Uhr im Gasometer in Triesen.

31. Mär 2017 / 14:31
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