• Jan Sellke
    Für die TAK-Programmplanung besucht Jan Sellke zahlreiche Theater und vertieft sich in Bücher und Zeitschriften.  (Daniel Schwendener)

Vom Kabarettist zum Dramaturg

Jan Sellke arbeitet seit zehn Jahren beim TAK Theater Liechtenstein als Dramaturg. Dabei ist ihm besonders der persönliche Kontakt zum Publikum wichtig und das gemeinsame Live-Erlebnis im Theatersaal. Wie man zu der Arbeit als Dramaturg kommt, was sie beinhaltet und wie das Theater einen Beitrag zum Kulturleben in Liechtenstein leisten kann, erzählt er im Interview.

Interview: Mirjam Kaiser

Sie sind seit fast 10 Jahren Dramaturg beim TAK. Erklären Sie uns kurz: Was macht ein Dramaturg?

Jan Sellke: In dieser Funktion gibt es drei Schwerpunkte: Planung, Produktion und Kommunikation. Planung umfasst die Spielplanmitgestaltung, die Auswahl von Künstlern, Themen oder Formaten. Produktion bezieht sich auf die Begleitung von Theaterinszenierungen und umfasst je nach Stück die Konzeptmitentwicklung, die Probenkritik, Recherche zu Themen und Hintergründen des Stoffes. Kommunikation bezieht sich auf den Kontakt zum Publikum und den Medien, wie zum Beispiel Stückeinführungen oder das Erstellen von Programmheften oder Spielzeitbroschüren. Da das TAK überwiegend ein Gastspielhaus ist, sind Planung und vor allem die Kommunikation in meiner Arbeit natürlich am stärksten ausgeprägt. 

Wie wird man Dramaturg?
Üblich für die Laufbahn eines Dramaturgen ist ein geisteswissenschaftliches Studium wie Theaterwissenschaft, Kulturwissenschaften, Germanistik oder Philosophie. Es gibt inzwischen auch eigenständige Dramaturgie-Studiengänge. Mitbringen sollte man sicher die Lust, unterschiedliche Disziplinen anhand eines Themas oder Stoffes miteinander zu verbinden.

Welche Ausbildung haben Sie dazu gemacht?
Ich habe in Hildesheim (D) und Utrecht (NL) Kulturwissenschaften studiert mit den Schwerpunkten Theater, Literatur und Musik und den Nebenfächern Politik und Kulturmanagement.

Wollten Sie schon als Kind zum Theater?
Ich bin in einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb aufgewachsen, da war das nächste Theater in Stuttgart sehr weit entfernt. Mein Weg zur Bühne ging über die Theater-AG der weiterführenden Schule und etwas später über eine Kabarettgruppe, die ich mit Freunden gründete. Nach dem Gymnasium konnte ich ein Praktikum beim damaligen Chefdramaturgen Joachim Lux am Düsseldorfer Schauspielhaus machen und habe dort fantastische Inszenierungen miterlebt von Regisseuren wie David Mouchtar-Samorai, Dimiter Gotscheff und anderen. Das hat mich endgültig fürs Theater begeistert. 

Was ist Ihnen bei Ihrer dramaturgischen Arbeit wichtig? 
Der persönliche Kontakt zum Publikum ist mir sehr wichtig. Zum einen, um ein Gespür dafür zu bekommen, was den Menschen zurzeit wichtig ist, was sie umtreibt und antreibt, was ihnen Angst oder Hoffnung macht. Und zum anderen, um ihre Reaktion auf einen Theaterabend live zu erleben. Wenn 300 Menschen in einem Theaterstück sitzen nimmt dieses ja jeder ein wenig unterschiedlich wahr. Über diese – manchmal auch kritische – Erfahrung ins Gespräch zu kommen und so gemeinsam über Theater und die Gesellschaft, in der wir leben, zu reflektieren, reizt mich sehr.

Welches sind Ihre persönlichen Highlights in den vergangenen Jahren, auf die Sie auch heute noch gern zurückblicken?
Oh, das sind viele! «Die Buddenbrooks» vom Theater Freiburg, «Gespenster des Kapitals» aus Bochum oder «Sturm» vom Burgtheater … Das TAK zeigt ja wirklich seit jeher in jeder Saison viele begeisternde Theaterabende. Sozusagen ist gerade das das besondere Highlight für mich: An einem Programm mitarbeiten zu dürfen, das wie eine Art Ganzjahres-Festival ein breites Spektrum toller Bühnenarbeiten zeigt. Und daneben gibt es natürlich auf unterschiedlichen Ebenen Programme, die ich besonders in Erinnerung behalte. Das Morgenland-Festival hat zum Beispiel gesellschaftlich viel verändert, die «bunt_Lounge» und «Scana Panorama» waren sehr interessante Bühnenformate und musikalisch habe ich die Abende mit Krystian Zimerman und Brad Mehldau genossen. 

Hat sich das TAK in den letzten Jahren verändert? Inwiefern?
Ein Theater verändert sich ja  laufend. Zum Beispiel stehen die Inszenierungen, die wir in einer Spielzeit einladen, ja im jeweils aktuellen Zeitkontext. Vor ein paar Jahren wären sie so vielleicht nicht möglich gewesen, in ein paar Jahren würden sie vielleicht nicht mehr so interessieren – aber hier und heute sind sie relevant und sinnfällig. Eine sehr spürbare Änderung ist sicher, dass wir unter der Intendanz von Thomas Spieckermann wieder mehr Eigenproduktionen machen. Das verändert das Theater auch als Ort, weil wieder öfter Künstler bei uns über einen längeren Zeitraum proben und bis zur Premiere hin eine gewisse Elektrizität durch das Haus strömt. 
 
Wie beurteilen Sie das Kulturgeschehen allgemein in Liechtenstein?
Es ist enorm vielseitig, von hoher Qualität und stets dabei, sich dynamisch weiterzuentwickeln. Es wurde ja schon oft betont, wie ungewöhnlich im positiven Sinne ein so vielschichtiges Kulturleben für solch ein kleines Land ist. Wünschen würde ich mir 
eine bessere Vernetzung zwischen den Veranstaltern, denn wir konkurrieren alle eigentlich nicht in erster Linie untereinander, sondern um die Freizeit unserer Besucherinnen und Besuchern. Mehr Programm ist immer möglich, aber die verfügbare Zeit der Menschen ist endlich.  

Inwiefern kann das TAK dazu einen Beitrag leisten?
Einerseits weiter qualitativ hochwertige Produktionen nach Liechtenstein zu holen und darüber den lokalen Diskurs anzufachen. Und andererseits die Vernetzung ins Land hinein und den lokalen Austausch unermüdlich weiterführen. Ich freue mich, wenn die bestehenden Kooperationen des TAK – zum Beispiel mit dem Literaturhaus, dem Schlösslekeller, der Tangente und vielen anderen – den Kulturdialog im Land anregen. 

Gibt es da noch Platz für Hobbys neben Ihrem Job?
Das Wichtigste: Zeit mit meinen Kindern. Ansonsten vertiefe ich mich gern in ein gutes Buch oder geniesse es, wenn ich beim Segeln die Urkraft von Wasser und Wind spüre. 

Was erwartet die Besucher in der kommenden Saison?
Der Spielplan ist wieder wunderbar vielseitig – ich empfehle jedem die persönliche Lektüre unserer Saisonbroschüre, denn es ist für ganz unterschiedliche Geschmäcker etwas dabei. Für mich zum Beispiel in der Musik der gewaltige Blues-Sänger Sugaray Rayford oder das Ting-
vall Trio, das derzeit zu den interessantesten Jazz-Piano-Trios zählt. Vor allem aber zähle ich die Tage bis zur Premiere unserer Eigenproduktion «Michael Kohlhaas», mit der wir die Saison eröffnen. Ein bestürzend aktueller Text. Tim Kramer hat schon mehrfach spannende Theaterabende im TAK inszeniert, aber auf diese starke Kleist-Novelle aus seiner Hand bin ich besonders gespannt. 

25. Aug 2017 / 06:00
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Meistgelesen
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Wettbewerb
German Brass Band
Zu gewinnen 3 x 2 Tickets für den Auftritt der German Brass Band
01.12.2017
Facebook
Top