• KuL Porträt von Nikolaus Büchel, Triesen
    Am 30. September wird er 60: Nikolaus Büchel.  (Tatjana Schnalzger)

«Ältere Herren finde ich eher komisch»

Er ist Regisseur, Schauspieler, Bühnenbildner, Installationskünstler. Und versteht sein(e) Handwerk(e). Nikolaus Büchel, auf, vor und hinter den Theaterbühnen zu Hause, schätzt Glücksmomente und .ndet Eindeutigkeiten langweilig. Im Interwiew erzählt der teils in Wien aufgewachsene Liechtensteiner Geschichten aus seinem Leben.
Vaduz. 

Etwas verspätet trifft Nikolaus Büchel ruhigen Schrittes im Gasometer in Triesen ein, sich entschuldigend und gleichzeitig die Arbeit der Handwerker lobend, welche einen Wasserschaden in seiner neuen Heimstätte in Mauren fachmännisch behoben haben. «Ich mag Kompetenz», meint er, und freut sich. «Der Installateur war sogar theaterinteressiert und ist ständiger Gast im Schlösslekeller.» Das Glück war ihm hold an diesem Freitag, dem 13. Januar. Lässt sein Gesichtsausdruck ihn auf den ersten Blick etwas streng, ernst wirken, verflüchtigt sich dieser Anschein im Gespräch nach und nach. Je nach Thematik wechselt seine Mimik ? freundlich, unaufgeregt, gutmütig, herzlich, warmherzig, nachdenklich, sacht, amüsiert, auch mal brummig oder ertappt. Eine tiefe, variantenreiche Erzählstimme lässt einen den Geschichten aus seinem Leben gerne zuhören.

Seine Vita ist beachtlich. 1975 begann der junge Nikolaus Büchel seine Studien in Jura, Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft und Romanistik in Wien und München. 1977, während seiner Schauspiel- und Regieausbildung an der Hochschule Mozarteum in Salzburg trat er in Film- und Fernsehrollen bei «Derrick» und «Der Schüler Gerber» auf. 1988 folgte Büchels erste Gastprofessur für dramatischen Unterricht an der Hochschule Mozarteum in Salzburg, 1998 ein gesonderter Lehrauftrag im Hauptfach Schauspiel an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz und ein Lehrauftrag am Institut für Kulturmanagement an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Während drei Jahren, bis 1997, war er Intendant in Kiel. 2001 gründete Büchel die Theateragentur Ensemble A für Projekte und Künstler in Wien und verfasste eine wissenschaftliche Arbeit über das Stadttheater und seine Strukturen im deutschsprachigen Raum. Von 2003 bis 2006 wurde er Mitglied der künstlerischen Leitung im Team von Klaus Weise am Theater Bonn und stellvertretender Vorsitzender von MusiKi, einem Förderverein für musikalisches Kindertheater. Ab 2006 war Büchel als freier Regisseur und Dramaturg an deutschsprachigen Bühnen tätig. «Ich war ja ein Verrückter, wusste schon mit 13, dass ich Theater machen will.» A ktuell pendelt er zwischen Mauren, Stuttgart, Wien und Bonn, arbeitet seit 2011 öfters hier in der Region. Zurzeit stehen Blockworkshops mit dem Theater Karussell an. «Ich werde wohl, übers Jahr verteilt, so 20Wochen hier sein.» Relativ viel Sandkistenvergangenheit hat Nikolaus Büchel in Schaan, wo seine Grosseltern lebten. Als seine Eltern Kurt und Jutta Büchel aus Wien zurückkamen, wohnten sie erst in Schaan, dann 30 Jahre in Triesen im Oskar-Werner-Haus. «Dass sie kurz nacheinander gestorben sind, hat mir schon gehörig auf den Kopf gehauen. Sie waren zwar erkrankt, trotzdem noch so vital und interessiert. Das stösst dich an deine eigene Endlichkeit.» Das Verhältnis zu seiner Schwester, Ärztin in Schaan, und seinem Bruder, der in Wien lebt und hier im Land einen kleinen Medienverlag betreibt, ist herzlich. Seine 17-jährige Tochter und den 5-jährigen Sohn sieht Nikolaus Büchel oft. Sie leben in Stuttgart, sind ihm lieb und nahe.Was bedeutet für ihn Glück und hatte er bisher viel davon? «Ja. Es gab manchen Druck, aber ich hatte eine ausgesprochen glückliche Kindheit. Obwohl sehr für Distanz oder Abstraktion, bin ich ein rührseliger, sentimentaler Mensch.» Es sind Glücksmomente, die der versierte Theatermann schätzt, und er glaubt, dass man ein glücklicher Mensch ist, wenn man fähig ist, diese Glücksmomente wahrzunehmen.

Das riesige Geweih, welches beeindruckend den Hauptraum im Gasometer ausfüllt, war einst Bühnenbild beim Opera Viva Festival in Obersaxen. Aus zahlensymbolischen Gründen ein 13Ender, funktional, mit Stahlkern, drumherum Styropor, aussen mit Epoxidharz versehen. Als Schau spieler und Regisseur weiss er bezüglich der Bespielbarkeit der Sachen bestens Bescheid, fertigt die Bühnenbilder fast nurmehr selber ? im Dialog mit sich selbst und dem jeweiligen Intendanten. «Ich mag auch versteckte Ambivalenzen und Symbole. Eindeutigkeiten sind mir immer etwas langweilig.» A m 30. September wird Nikolaus Büchel 60. Wie fühlt er sich? «Wegen des grossen Erfolges und auf allgemeinen Wunsch werde ich seit Jahren 47 ? jedes Jahr ... Nicht dass ich gross Probleme mit dem Alter hätte. Aber es ist völlig absurd. In vielen Dingen fühle ich mich unreifer, obwohl man ja im Laufe des Lebens vieles mitbekommen hat und das ja eigentlich auch nicht missen möchte. 20 möchte ich jetzt nicht unbedingt wieder sein, aber 47 wäre schon ein gutes Alter?» (lacht) Noch vor zwei, drei Jahren sprang er aus dem Stand auf den Tisch, an dem wir sitzen. Dann kam die Kniearthroskopie und Schluss war. «Du fühlst dich wie 35, 40, der Körper natürlich nicht. Und das ist ko misch.» Ältere Herren findet Nikolaus Büchel an und für sich «eher komisch». «Das mit den grau melierten Schläfen ist ein Marketing-Gag. Frauen sind im Alter eher sexy, nehmen an hübscheren Stellen zu. Diese Kugel da vorne bei den Männern ist ja furchtbar ... (allgemeines Gelächter). Obwohl er diesbezüglich «schwer am Arbeiten ist», sei es schwierg, die Disziplin aufzubringen, die er eigentlich vom Sport und auch vom Schauspielen her kennt. «Man wird nachlässig und denkt: Ach, ich muss ja jetzt nicht unbedingt ...» I st er, als Waage-Geborener, ein ausgeglichener Mensch? «Überhaupt nicht! Die Sehnsucht nach Harmonie ist da. Sogar ziemlich sehr. Aber man sagt ja, die Doppelzeichen seien immer ein bisschen zweigeteilt.» Wein- oder Biertrinker, Vegetarier oder Fleischesser? Er lacht herzhaft und fühlt sich ertappt. «Ich bin leidenschaftlicher Weintrinker und Fleischesser. Mit einer guten Burenwurst in Wien bin ich ganz zufrieden. Leider gehören auch die allerteuersten Nah rungsmittel zu dem, was ich liebe: Austern, Kaviar. Da ist sie wieder, diese Ambivalenz?» (lacht) Nikolaus Büchel isst nicht nur gerne, sondern kocht auch gut. «Wir sind alle drei von unserer Mutter in der Küche mitsozialisiert worden und dann lernst du halt kochen. Das geht nicht nach Rezept.» W enn er sein Leben nochmals leben könnte, was würde er anders machen? (tiefer Seufzer) «Ich würde versuchen, mich mehr auf eine Sache zu fokussieren. Meine Stärke ist auch meine Schwäche. Ich bin am Theater ein Generalist geworden, habe im Hauptfach Schauspiel unterrichtet, war Mitglied von künstlerischen Leitungen, Regisseur, Intendant, Schauspieler, Bühnenbildner, unterrichtete kulturelles Management in Wien, war dort an x-Podiumsdiskussionen zur Situation der Kunst in der Gesellschaft? Hätte ich mich ein wenig mehr auf Regie beschränkt, wäre diese Karriere wohl noch etwas weitergegangen als die kurze Zeit, die ich am Berliner Schillertheater, in Frankfurt etc. war.» Was hätte es sein können, wenn nicht Theater? «Restauration z. B. Auch habe ich überlegt, an die Modeschule in Wien im Schloss Hetzendorf zu gehen. Ich wäre wohl der einzige nichtschwule Modeschöpfer Mitteleuropas geworden.» (lacht herzhaft) Gravierende Fehltritte, so scheint es, gab es keine. « Jo i woasses ned», meint er lächelnd.

N ach wie vor spielt Büchel noch. Im schreibenden Bereich sind drei Sachen aktuell: Die Finalisierung der Theaterfassung eines Filmstoffes, dessen Rechte am Drehbuch er bekommen hat. Ein Drehbuch, das seit zehn Jahren in der Schublade liegt. Und es gibt ein Konzept für ein Musikwerk, eine Art Oratorium, das er inszenieren will. Gleichzeitig arbeitet der Baldsechziger weiterhin an Objekten und Installationen. Die Arbeit geht ihm nicht aus. Und wenn doch, schaut Nikolaus Büchel halt mal «ins Narrenkastl», wie man in Österreich zu sagen pflegt. Die Zeit zerfällt in ein schwarzes Loch. Das gibt's bei Kindern und kommt bei älteren Menschen wieder. Einfach dasitzen, hängen bleiben, Musse, Langeweile haben. Der Sechziger darf getrost kommen. (ge)

27. Jan 2017 / 22:08
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