• Interview mit Benjamin Quaderer
    Benjamin Quaderer.  (Daniel Schwendener)

Ein Perfektionist will ganz nach oben

Schon mehrmals hat Benjamin Quaderer Auszüge aus seinen Werken an Lesungen vorgestellt. Nun wagt er sich an ein ganz grosses Projekt: Ein Roman, der die Totale Liechtensteins beleuchten soll.

Am Nachmittag aus Berlin in Zürich gelandet, sitzt Benjamin Quaderer wenig später schon in der Medienhaus-Cafeteria. Am Tag darauf wird er in Chur zu einer Lesung erwartet. Ein gefragter junger Mann – Benjamin lächelt aber bescheiden. Er weiss ganz genau, was er will – ebenso genau, was er nicht will: überheblich sein. Es gibt kaum ein Thema, über welches er nicht gerne spricht, seine Gedankenwelt scheint riesig. Jeden seiner Gedanken gleich zu fassen, ist gar nicht so einfach. Seine grüne Schirm­mütze trägt er leicht über die Stirn gezogen, als wollte er einige seiner Gedan­ken bewusst verkappen. Umso deutlicher ist seine Sprache – für Benjamin Quaderer ist sie sozusagen ein Kunst­objekt, an welchem er gerne feilt. Bis ihm seine Prosa-Texte gefallen.  

Prinzipiell macht Benjamin Quaderer aber kein Hehl aus seinen Gedanken und seiner Meinung. Mit 17, 18 Jahren teilte er sie offen und kunstvoll mit, als Poetry Slammer. Denkt der heute 26-Jährige an diese Zeit zurück, verzieht er sein Gesicht. Er werde nicht so gerne daran erinnert, sagt er. Schon gar nicht wolle er sich diese Auftritte von früher an­schauen. «Ich habe heute ein anderes Verständnis von dem, was Literatur ist oder sein kann.» Aber jeder fängt doch mal klein an – ist Benjamin Quaderer immer so streng und kritisch mit sich selbst? «Eher ja», sagt er. So wundert es nicht, dass er sich auch als «Perfektio­nist» bezeichnet. «Ich hatte allerdings noch nie das Gefühl, etwas perfekt gemacht zu haben.» Er wolle sich in seiner Arbeit ständig verbessern – und dabei den Punkt der absoluten Perfek­tion gar nie erreichen. «Wahrscheinlich ist das ja sowieso nicht möglich. Ausser­dem gäbe es dann keinen Grund mehr, um weiterzumachen», sagt er. Aber bis kurz vor diesem Punkt der Perfektion wolle er es schaffen. «Das wäre schon gut.»

Irgendwie höre sich dies total «doof» und «abgedroschen» an, aber er habe tatsächlich als Kind schon gerne ge­schrie­ben, sagt Benjamin Quaderer. Er könne sich erinnern, wie er zu Hause eine Geschichte geschrieben und diese in der Schule dann seiner Lehrerin gegeben habe. «Einige Kinder haben dies mitgekriegt und riefen mir ‹Streber› nach.» Die Erinnerung amüsiert Benja­min Quaderer, er lacht. Auch gelesen habe er immer gerne – früher Mickey Mouse und Astrid Lindgren, heute unter anderem David Foster Wallace und Roberto Bolaño. Für Recherchezwecke bevorzugt er Literatur aus dem Liechten­stein-Institut. Oder er schaut er sich zu diesem Zweck auch gerne Internet­seiten von verschiedensten Vereinen an, wie er sagt. In diesem Zusammenhang interessiert ihn die jeweilige Vereins­geschichte und sogar Statuten führt sich Benjamin Quaderer für seine Nachfor­schun­gen zu Gemüte.

Aufgrund seiner ausgeprägten Leiden­schaft zur Sprache war für Benjamin Quaderer dann auch schnell klar,
dass er nach seiner Matura am Liechtensteinischen Gymnasium in Wien Germanistik studieren möchte. Zusätzlich belegte er den Studiengang «Sprachkunst» an der Universität für angewandte Kunst in Wien und wechselte später an eine deutsche Uni in Hildesheim, die den Studien­gang «Literarisches Schreiben» im Ange­bot hatte. Dieses Studium wird Benjamin Quaderer nächstens abschliessen – «die Seminare habe ich bereits beendet, es fehlen noch Hausarbeiten und die Bachelor-Arbeit.»

Nach seinem Studium könnte sich der junge Künstler gut vorstellen, bei einem Verlag als Lektor zu arbeiten. Oder noch lieber: «Ich möchte mich um Stipendien bewerben, um mein Projekt realisieren zu können.» Mit «Projekt» meint Benja­min Quaderer ein Buch, an welchem er bereits arbeitet. Entstehen soll ein Roman, der sich um Liechtenstein dreht. Um dessen Kleinheit, die Absurdität, welche die Kleinheit mit sich bringt und um die Gesellschaft eines Kleinstaates als komplexes System – wie jeder mit jedem verstrickt ist und alles mit allem verbunden. Warum hat sich Liechten­stein so entwickelt, wie es sich entwi-ckelt hat? «Auf diese Frage versuche ich mögliche Antworten zu finden. Oder mich möglichen Antworten wenigstens anzunähnern», sagt Benjamin Quaderer. Sein Buch soll die Totale des Landes beleuchten – der Text sei ein Versuch, Zusammenhänge herzustellen und abzubilden. Zusammenhänge zwischen Kul­tur, Geschichte, Ökonomie und schliesslich dem geografischen Raum, in den alles eingebettet ist: den Alpen. Ein hoher Anspruch – «was ich mache, versuche ich, ernsthaft zu machen», sagt Benjamin Quaderer. Zwar setze er sich durch seine hochgesteckten Ziele unter Druck – «das brauche ich, schliesslich möchte ich allfälligen Lesern etwas bieten können. Ich will ja niemanden verarschen.» In spätestens vier Jahren soll das erste grosse Werk von Benjamin Quaderer vollendet sein.

Schreiben mache oft auch einsam, sagt Benjamin Quaderer. So trifft er sich abends gerne mit Freunden, um den Kopf mal auszulüften, die Gedanken neu zu beleben und um sich auch wieder inspirieren zu lassen. Und er liebt es, an Lesungen aus seinen geschriebenen Werken vorzulesen. Wie kürzlich in Chur. Und wie am 19. Juli in der Poolbar in Feldkirch anlässlich der Liechten­stein­iade. Zwar sei er anfangs immer nervös, kaum habe er dann aber angefangen zu lesen, lege sich diese Anspan­nung auch schnell wieder. «Und man darf sich auch mal verhaspeln», findet der Künstler. «Bei zu viel Professionalität geht der Charakter verloren.» Er mag es, bei seinen Lesungen mit dem Publikum zu sprechen – «aufgrund der positiven Rückmeldungen hört dieses mir, glaube ich zumindest, auch ganz gerne zu», sagt er. Ein Symphatieträger? «Klar bin ich nett, interessiert, höflich», sagt Benja­min Quaderer und setzt einmal mehr sein schelmisches Grinsen auf. «Im Ernst, das Wichtigste bei meinen Lesun­gen ist mir, dass die Zuhörer etwas mit nach Hause nehmen, über das sie dann vielleicht weiter nachdenken können.» Oder einen Gedanken, den Benjamin Quaderer wie einen Rohdiamanten mehr­mals geschliffen und ihn zu kunstvoll sortierten Worten verarbeitet hat.

(Bettina Stahl-Frick)

29. Jun 2015 / 18:37
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