• Georg Malin Künstler Mauren 160113
    Für Georg Malin stehen bis heute Quadrat und Würfel als «Weltzeichen» im Mittelpunkt seines Interesses.  (Daniel Ospelt)

Eine vielseitige Begabung wird 90

Historiker, Kunsthistoriker, Archäologe, Lehrer, Konservator, Politiker, Laienrichter, Ehemann, Familienvater und Künstler – doch zuallererst ein integrer Mensch – das ist Georg Malin. Am 8. Februar konnte er seinen 90. Geburtstag feiern.

Die Würdigung seines Lebenswerks sprengt im Grunde den Raum eines Zeitungsartikels, eine umfangreiche Vita wäre seinem vielseitigen Schaffen eher angemessen. Georg Malin, der in Zürich und Fribourg Geschichte studierte (1947–1952) und mit einer Dissertation zur «Politischen Geschichte Liechtensteins in den Jahren 1800–1815» abschloss, gelang es, weit über sein Hauptstudienfach hinaus wirken zu können. So legt sein langes und aktives Leben Zeugnis davon ab, dass er nicht nur «nebenbei» auch in seinen Nebenfächern Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie seine Kenntnisse anwenden konnte.

Mehr als zehn Jahre leitete er wichtige archäologi-sche Ausgrabungen in Bendern, Eschen und Nendeln und schuf damit Grundlagen, auf deren Basis nachfolgende Archäologen aufbauen konnten. Nach der Schenkung eines Konvoluts von Kunstwerken durch den Grafen von Bendern im Jahr 1967, die zur Gründung der Liechten­steinischen Staatlichen Kunstsammlung führte, war Georg Malin ihr erster Konservator von 1968 bis 1996.

Als Laienrichter am Obergericht Liechtensteins leistete er über viele Jahre hinweg mit seinem ausgeprägten Reflektionsvermögen und seiner Besonnenheit wertvolle Dienste. In der Funktion als Landtagsabgeordneter und als Mitglied der parlamentarischen Beobachterdelegation beim Europarat konnte er sich mit europäischen Fragen auseinandersetzen. 1972 vertrat er sein Land in der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Helsinki und wirkte bei den Vorbereitungsarbeiten zur Gründung der OSZE mit, von 1974 bis 1978 konnte er als Regierungsrat für Umwelt und Kultur in seinem Kernbereich auch politisch gestaltend wirken.

Bei all seinen vielfältigen Aufgaben, die er mit Verantwortungsbewusstsein und Engagement oftmals parallel wahrgenommen hat, bildete das künstlerische Schaffen zweifellos immer sein innigstes und zentrales Anliegen. Neben seinem akademischen Studium hatte er von 1947 bis 1949 eine Ausbildung in Bildhauerei, Malerei und Zeichnen absolviert und nach seinem Studium zunächst als Kunsterzieher gearbeitet. Doch bald schon spiegelte sich seine Auseinandersetzung mit der Kunst und die Freude an der Lösung ästhetischer Fragestellungen im eigenen künstlerischen Schaffen wider. Befragte man ihn, dessen umfangreiches Oeuvre sowohl plastische als auch malerische und grafische Werke umfasst, so würde er sich wohl zu allererst als Bildhauer begreifen.

Eindrücklich stehen grossformatige Arbeiten im öffentlichen Raum wie der Z-Würfel aus Chromnickelstahl im Zentrum von Vaduz oder seine «Weltwand» vor dem Hilti-Werk in Kaufering/Bayern neben sakralen «Gesamtkunstwerken» wie etwa in der Pfarrkirche Mauren oder der Krypta von St. Jakob in Innsbruck – insgesamt Werke, die neben einem sicheren Formbewusstsein auch seinen Sinn für Raum und Architektur belegen.

Mit seinen reduzierten, «modernen» Formen für Altäre, Kanzeln, Taufsteine und liturgisches Gerät stiess er nicht immer gleich auf Verständnis, wenngleich Georg Malin als Historiker stets darauf bedacht war, das Traditionelle zu bewahren und mit dem Neuen harmonisch zu verbinden. Ihm mangelnden Respekt vor dem historisch Gewachsenen vorzuwerfen war somit nicht möglich; vielmehr spann Georg Malin auf der Grundlage philosophischer und kunsthistorischer Auseinandersetzung ein Band aus der Vergangenheit in die Gegenwart und schuf plastische Werke für Kirchenräume, die sich zeitüberspannend und zeitlos, ruhig und doch sehr kraftvoll und präsent in ihren jeweiligen Standort fügen.

Schon früh zeigt sich sein Interesse an der Abstraktion, kristallisiert sich sein Streben nach klarem, konstruktivem Ausdruck heraus. Während sich dies bereits in Arbeiten aus den 1950er-Jahren abzeichnet, bestätigt der Künstler in seinem reifen Werk immer konsequenter den Willen zur klaren, reinen Form. Geometrische Elemente wie Kreis, Linie, Rechteck sowie Kubus und Kugel bilden ein geradezu archaisches Vokabular, das Georg Malin facettenreich variiert. Selbst als er eine Serie vegetabiler Plastiken gestaltet, die Beerenfrüchte oder Knospen thematisieren, sind diese aus kubischen Formen aufgebaut oder beispielsweise aus Kugelteilstücken komponiert.

Künstler wie Eduardo Chillida, Henry Moore, Constantin Brancusi und nicht zuletzt Max Bill und die Schweizer Konkreten Künstler, aber auch Hans Arp mögen Georg Malin nachhaltig beeindruckt haben. Von dem einen oder anderen dieser Künstler konnte er als Kurator mithilfe einer privaten Stiftung auch bedeutende Werke für die einsti­ge Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlung (heute im Kunst­museum Liechtenstein) ankaufen. So etwa «La Puerta de la Libertad» von Eduardo Chillida oder «Figure in a Shelter» von Henry Moore, beides symbolkräftige Werke, die kulturübergreifende Bedeutung haben.

Für Georg Malin selbst stehen bis heute Quadrat und Würfel als «Weltzeichen» im Mittelpunkt seines Interesses: Deren Vierseitigkeit erinnert an eine Zahlensymbolik, welche in vielen Kulturen ihren Stellenwert hat, etwa im Zusammenhang mit den vier Elementen, den vier Jahreszeiten, vier Himmelsrichtungen, vier Temperamenten. In der mystischen Symbolik steht das Quadrat für die Materie, während der Kreis für den Geist steht. Unverkennbar interessiert den Künstler einerseits das Stabile, das Festgefügte, auch das Architektonische dieser Formen. Gleichwohl nutzt er die an sich nüchterne geometrische Gestalt aber auch als «Vehikel» für unterschiedlichste Inhalte.

Während die Vertreter der konkreten Kunst, in deren Umfeld auch Georg Malin bisweilen gesehen wird, sich strikt mit der reinen mathematischen-geometrischen Form und deren Ausdrucksmöglichkeiten beschäftigen und jegliche Symbolhaftigkeit programmatisch ausschliessen, ist diese Ausschliesslichkeit dem im Historischen und Philosophischen tief verankerten Denken Georg Malins nicht möglich. Dies wird
u. a. auch in der zentralen Werkgruppe der Buchstabenwürfel anschaulich. Gewissermassen als deren «Prototyp» mag die Arbeit für den Innenhof des Klosters Disentis in den 1980er-Jahren gelten, die ein X mit der Würfelform verbindet, angeregt durch das Kreuz des Heiligen Andreas. Von nun an bildet das Alphabet – Grundlage unserer Sprache, unserer Kommunikation und unseres Denkens, Code unseres Verstehens wie auch Nichtverstehens – und der einzelne Buchstabe als Sinnbild, eingeschrieben in den Würfel, das Gerüst, auf dem er die unterschiedlichsten Reflexionen Form werden lässt.

Vielleicht begreifen wir hier den Menschen, Künstler, Geisteswissenschaftler und Politiker am besten: Über ihre Bedeutung als sprachliches Zeichen und «Baustein kultureller und zivilisatorischer Entwicklung» hinaus – wie Georg Malin selbst sie definiert – transportieren die Buchstabenwürfel seinen plastischen wie auch geistigen Gestaltungswillen auf konzentrierteste Weise: Quadrat und Würfel vermitteln tektonische Stabilität und Gefasstheit und mögen sinnbildlich stehen für das materielle Schaffen des Menschen und das kristalline Bilden der Natur. Mit den Buchstaben aber teilt uns Georg Malin über deren primäre Bedeutung hinaus mit, was den Künstler bewegt: So mag A für Anfang, stehen, M über seine Namensinitiale hinaus für «mens» – den Geist, das Denken oder auch die menschliche Seele, wenn man es mythologisch begreift, L für Liechtenstein, Leben, Lust und Liebe. Und im Z-Würfel schwingen über die Kennzeichnung der Ortsmitte hinaus möglicherweise Gedanken über das individuelle Zentrum jedes Einzelnen mit.

In diesem Sinne wünschen wir ihm und uns, dass er uns noch lange mit Lust, Liebe und regem Geist bereichert und gleichwohl – auch in einer überaus bewegten Welt – ein ruhiges Zentrum findet.

(Cornelia Wieczorek)

*Cornelia Wieczorek studierte Kunstge­schichte und Publizistik, war viele Jahre als freie Kuratorin und Lektorin tätig und leitet aktuell die Galerie am Lindenplatz.

11. Feb 2016 / 14:24
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