• Zwar kann sich Allrounder Jürgen Schremser gut anpassen, er lässt sich aber nur ungern sein Gesichtsfeld einengen.  (LEONHARD FOEGER)

«Ich lasse mich nicht an einer Krawatte aufhängen»

Und ebenso wenig lässt sich Jürgen Schremser in eine Uniform stecken. Dies zeigen alleine schon seine unterschiedlichsten Tätigkeiten: Er ist Autor, Illustrator, Karikaturist und Geschichtsforscher. Ebenso vielfältig ist das Gespräch ausgefallen – von Damenstiefeln, Schosshund-Gesellschaft und Campari Orange.
Vaduz. 

Guten Morgen, Herr Schremser – äh, wie bitte? Ach so. Danke, mir geht’s gut. Ihnen? Nein, ich habe jetzt sehr gut Zeit. Schön, hat es auf diesen Morgen geklappt.» Dies ist ein kleiner und etwas verwirrter Auszug aus unserem Gespräch ganz zu Beginn an jenem Morgen, an dem wir abgemacht haben. Jürgen Schremser ist mir gegenübergesessen. «Sehen Sie mich?», hat er gefragt. Und mich dann ganz gross angeschaut. «Ja, klar», habe ich geantwortet, worauf er seinen Daumen hochschnellen liess. Nachdem ich mich vergewissert habe, dass auch Herr Schremser mich sieht, konnte unser Gespräch beginnen. Nur ein Detail dazu: Jürgen Schremser und mich trennen bei unserer Begegnung rund 650 Kilo­meter. Warum wir uns dennoch sehen und hören konnten? Wir haben uns via Skype getroffen. Eine Form von Kommunikation, die Jürgen Schremser schon seit seiner Kindheit aus «Raumschiff Enterpise» kannte. Erinnerungen, die für ihn sehr präsent sind. Und im Gespräch auch ­wieder anderen Gedanken Platz machen. Denn Gedanken fassen, weiterverfolgen, zuspitzen und verknüpfen ist ein Lebens- und Arbeitsmittel für Schremser – als Autor wie auch als Illustrator, als Karikaturist und als Geschichtsforscher. Und als über 50-jähriger Mann, der sich damit beschäftigt, wie sich die Welt im letzten halben Jahrhundert verändert hat. Wie auch er sich verändert hat – vom kleinen Buben, der im Bangarten, also im Herzen von Vaduz, zwischen Wiesen und Apfelbäumen aufgewachsen ist, bis zu einem Mann, der sich heute auch in einem Altbau mitten in Wien zu Hause fühlt. 

Auf Radio-Intermezzo folgt erfolgreiche Publikation
Jürgen Schremser hat es bereits 1984, direkt nach seiner Matura am Gymnasium Vaduz, nach Wien gezogen. «Ich wollte weiterkommen, Gelerntes vertiefen, Neues erfahren», erzählt er. Allerdings nicht quasi im Klassenverband. Die meisten seiner Kameraden aus der Gymnasiumzeit haben ein Studium in der Schweiz begonnen – Jürgen Schremser wollte seinen eigenen Weg gehen. Dass ihn dieser dann nach Wien geführt hat, kommt nicht ganz von ungefähr – sein Vater stammte aus Österreich und absolvierte sein Studium in Wien. Schremser studierte Philosophie und Geschichte. Hauptsächlich beschäftigte er sich mit Ethik – in seiner Abschlussarbeit setzte er sich mit dem Thema Tier-Rechte auseinander. «Nach zehn Jahren Uni hatte ich genug von den Studierstuben», sagt er. Es zog ihn zurück nach Liechtenstein, wo er mit Roland Blum, Pit Burger, Wilfried Marxer, Petra Matt und Co den ersten liechtensteinischen Radio-Sender mit auf die Beine stellte. Nach einem halben Jahr Nachrichten lesen, moderieren und recherchieren hat es Jürgen Schremser dann aber mit vielen vom Anfangsteam wieder aus dem Sender gespült. Erst einmal arbeitslos ahnte er nicht, was für ein Abenteuer in Kürze auf ihn zukommen würde. Und schon gar nicht ahnte er, dass sich dieses Abenteuer einst in einer viel beachteten Publikation mit dem Titel «Der einzige Mann, der die Sache auf sich nehmen könnte» niederschlagen sollte. Seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung zur NS-Zeit in Liechtenstein. Aber von vorne: Der Historiker hatte nach seinem Radio-Intermezzo den Auftrag einer Familie aus Balzers angenommen, die Geschichte ihres Vaters zu recherchieren: Dr. Alois Vogt (1906 bis 1988). Jürgen Schremsers Aufgabe war es, als Fachhistoriker die politische Tätigkeit Vogts in den Jahren 1933 bis 1945 abzuklären, insbesondere die Phase seiner Regierungsmitarbeit während des Zweiten Weltkrieges. Dem Historiker gelang es dabei, unter anderem die geheime «Konferenz von Friedrichshafen» von 1943 erstmals ausführlich publik zu machen. Dieses Forschungsergebnis bildete Jahre später die Grundlage für ein Theaterstück, das er zusammen mit Mathias Ospelt verfasste und als szenische Lesung 2006 aufführte. 

«Humor in Liechtenstein nicht sehr entwickelt»
Jürgen Schremser, übrigens der Bruder von Schauspielerin Katja Langenbahn, zog es schliesslich wieder zurück nach Wien – «ich hatte aus meiner Studienzeit viele Freunde dort». Und auch das urbane Leben behagte dem damaligen Mitdreissiger und Single. Durch eine Anstellung als Historiker in Wien, durch die Heirat mit der Oberösterreicherin Sabine und die Geburt seiner beiden Töchter Lily und Julie wuchs die Bindung an die Studienstadt. Was bis heute geblieben ist, ist seine enge berufliche und private Verbindung zu Liechtenstein. Seit den 80er-Jahren macht Jürgen Schremser Illustrationsarbeiten, unter anderem für die LGT Bank in Liechtenstein, für das Schulamt und das TAK. Und bis heute für das Magazin der Freien Liste «Weiss» – wem jetzt eine mordsmässige Diskussion um eine Schremser-Karikatur einfällt, der liegt genau richtig. Die Zeichnung zum Thema «Sperrklausel beim Eintritt ins Parlament» hat nicht allen geschmeckt – um es mal gelinde auszudrücken. Sauer aufgestossen ist sie vor allem den beiden Politikern Herbert Elkuch und Johannes Kaiser, welche die Protagonisten in jener Karikatur waren. Der Karikaturist machte sich einen Spass aus der möglichen Verwechslung der beiden Politiker mit langen Haaren – auch als Anspielung auf die grosse ideologische Nähe zwischen unterschiedlichen Parteien. Die Karikatur entfachte eine parteipolitische Diskussion, das Magazin musste sich bei den Politikern entschuldigen, weil sich diese vor lauter Empörung kaum mehr eingekriegt haben. Das ist jetzt vier Jahre her – und Jürgen Schremser muss schmunzeln, wenn er daran zurückdenkt. Nicht aus angeblich fehlendem Respekt – vielmehr aus Unverständnis: «Es ist eigenartig, wenn Politiker, die sich mit Äusserlichkeiten exponieren und damit teils kokettieren, beleidigt sind, wenn eine Karikatur daran anknüpft», sagt er. Ganz grundsätzlich habe er gelernt, «dass der Humor in Liechtenstein nicht sehr entwickelt und die Schmerzgrenze überraschend schnell erreicht ist». Es sei ihm keinesfalls darum gegangen, den Politikern oder dem Magazin ein Ei zu legen. «Aber Satire ist nun mal eine Kunstform, mit der Personen oder Vorgänge mit Mitteln der Überzeichnung auf die Schippe genommen und grell beleuchtet werden.» Würde sich Jürgen Schremser selbst zeichnen, sieht er sich in einer Karikatur, die er einst für «Schule Heute» gemacht hat: Ein Bub vor dem Berufsberater, hinter diesem Männer, die von ihren Krawatten förmlich an den Hälsen in alle Richtungen gedreht werden. Die Botschaft des Beraters: «Um dich im Berufsleben zu orientieren, solltest du dir erst mal diese Kompass­nadel verpassen.» Ich identifiziere mich als jemanden, der sich nicht an der Krawatte aufhängen und nicht in eine Uniform stecken lässt», sagt der Zeichner. Und dass er sich auch nicht in eine Schublade stecken lässt, zeigen seine unterschiedlichsten Tätigkeiten. «Natürlich ist es einfacher, sich auf etwas zu fokussieren», meint der Allrounder. «Der Punkt ist, dass ich mich sehr wohl anpassen und detailgenau sein kann, aber ungern mein Gesichtsfeld einenge.» Muss er auch nicht – «schliesslich ist es die thematische Vielfalt und Beweglichkeit, die mich ausmacht».

Phänomen Damenstiefel
Ein wichtiger Fixpunkt in seinen weit gespannten Tätigkeiten sind auch «Die Herren». Das sind Stefan Becker, Mathias Ospelt und eben Jürgen Schremser. Die Herren, die ungefragt mit frisch gefischten Kostbarkeiten aus dem Schwimmbecken der landläufigen Schriftsprache – gefunden in Liechtensteins Tageszeitungen – die Besucher der Palmsonntags-Lesung erheitern. Seit 26 Jahren lesen die drei Herren schon – und gehören mittlerweile zum liebgewordenen Liech­tensteiner Kultur-Kult. «Einst war es ein Projekt, heute ist die Lesung ein Ritual», sagt der Auftrittskünstler Schremser. Ein Ritual, das er nicht missen möchte. Beruf und Freizeit kann Jürgen Schremser nicht wirklich trennen. «Wenn man sich mit etwas gerne beschäftigt, ist es allgegenwärtig.» Ihn treiben viele Ideen um, deren Umsetzung ihm überreif erscheinen. Er würde gerne der Geschichte der Sexualität in Liechtenstein auf den Grund gehen. Voraussetzung dafür wäre ein konkreter Forschungsauftrag. Auch Mode-Geschichte ist für Jürgen Schremser ein Schlüssel zur Gesellschaft. Faszinierend sei etwa das Phänomen Damenstiefel: «Wie konnte das militärisch männliche Schuh­werk des 19. Jahrhundert mit den 1960ern zur Standard-Ausstattung der Damenmode werden?», fragt der Historiker. Und der Philosoph problematisiert den heutigen Umgang der Menschen mit Tieren: «Werden wir zu einer Schlachthaus-und-Schosshund-Gesellschaft?» Über­dies setzt sich Jürgen Schremser gerne mit den kulturellen Praktiken des Erzählens und Erzähltbekommens auseinander. Last but not least gibt es Genussmomente: Campari Orange (am Abend), Palat­schinken (in Wien) und die Beatles (immer wieder). Man kann sich bei Jürgen Schremser sicher sein, dass sich diese Liste noch lange weiterführen liesse. Wenn der Akku des Laptops nicht wäre, der die Skype-Verbindung bald kappen würde … Anstatt ­eines Händedrucks gibt’s ein freundliches Winken. Per Knopfdruck ist das Gegenüber weg. Weg vom Bildschirm. Zurück bleibt die Erinnerung an das Gespräch mit einem Menschen, der vielfältiger nicht sein könnte. Dessen Gedankengänge anste­cken, einen zum Nachdenken bringen. Und dessen Offenheit beeindruckt. (bfs)

31. Mär 2017 / 14:39
Geteilt: x
KOMMENTARE

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

KOMMENTAR HINZUFÜGEN

Überschrift (max. 70 Zeichen)
Meine Meinung (Noch  Zeichen verfügbar)
Lesertrend
Aktuell
30. Juni 2017 / 10:18
30. Juni 2017 / 09:49
30. Juni 2017 / 09:39
UMFRAGE DER WOCHE
Lade TED
Ted wird geladen, bitte warten...
Wettbewerb
Citytrain
2 x 1 Familienticket für die «Städtletour» zu gewinnen
Facebook
Top