• Skimuseum
    Skimuseum  (Martin Walser)

«Ich lebe mit meiner Sammlung»

Noldi Beck war ein leidenschaftlicher Sammler. Über Jahrzehnte hinweg hat er eine umfassende Sammlung rund um den internationalen Skisport und ein Skimuseum aufgebaut – sein Lebenswerk. Ende November erscheint das Buch «Sammelglück» von Anna Ospelt mit Fotos von Martin Walser. Noldi Beck verstarb leider während der Produktion des Buches im Alter von 65 Jahren.

«Jetz isch dr Jeger Tonisch Buab närrscha, ar hed Britter a da Füass däna», schrieb ein beunruhigter Liechtensteiner 1895 in sein Tagebuch, nachdem er beobachtet hatte, wie der fürstliche Oberjäger Josef Negele aus Triesenberg auf Ski Balischgut hinabgefahren war. Negele hatte das neuartige Fortbewegungsmittel über fürstliche Beamte aus Österreich kennengelernt und trotz Anfeindung und Spott ins kleine Liechtenstein gebracht. Nichts konnte ihn von dem wunderbaren Gefühl des Gleitens abhalten: Er wachste seine Ski mit Seife, verwendete einen Stock statt zweien und band für den Aufstieg statt Fellen kurz entschlossen seine Hosen­trä­ger auf die Ski.
Schon bald wurde Skifahren salonfähig und der mutige Oberjäger ging als Pionier in die Liechtensteiner Skige­schich­te ein. Am 17. November 1926 wurde der Skiclub Liechtenstein in Vaduz gegründet. Zehn Jahre später folgte die Gründung des Liechtensteini­schen Skiverbands (LSV), welcher ambitioniert die Fundamente eines organisierten und strukturierten Sportwesens legte. Denn bereits im gleichen Jahr, 1936, nahmen neben den Bobfahrern Eduard A. von Falz-Fein und Eugen Büchel die Skiläufer Franz Schädler und Hubert Negele an den Olympischen Spielen in Garmisch-Partenkirchen teil. Im Jahr darauf fand die erste liechtensteinische Skimeisterschaft statt, bei der Sportskanone Franz Schädler als Landesmeister hervorging. Stolz schüttelte er für den Fotografen die Hand von Fürstin Gina, der charismatischen Lan­des­mutter mit Hollywood-Flair.
Das fürstliche Ehepaar liess es sich auch in Zukunft nicht nehmen, den liechtensteinischen Ski-Athleten persönlich zu gratulieren: Den WM- und Olympiame­dail­len­gewinnern Martha Bühler und Franz Schädler, Hanni Wenzel und Willi Frommelt, Paul Frommelt und Ursula Konzett, Marco «Büxi» Büchel und Tina Weirather.

Skimuseum

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Noldi Beck – einst erster Jugendmeister von Liechtenstein – hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese Skigeschichte zu archivieren. Im Ski- und Wintersportmu­seum in Vaduz und in zwei zusätzlichen Lagern sind die Ausrüstungen der lokalen Skistars gelagert und ausgestellt. Doch bei Lokalem belässt es der ambitionierte Sammler nicht: Über 4000 Paar Ski, 800 Paar Skischuhe, unzählige Bin­dun­gen, 150 Schaufensterpuppen, in Ori­gi­nal­ausrüstungen gekleidet, über 4000 Bücher und Zeitschriften, Schneeschuhe, Schlitten und Schlittschuhe aus der ganzen Welt, von 1750 bis heute, lassen sich in seiner Sammlung finden. Highlights stellen die Startnummern internationaler Ski-Asse, deren Medaillen und auf Hochglanz polierte Pokale dar. Ein­drucks­voll sind die Abriebe prähisto­rischer Felsritzzeichnungen, entstanden zwischen 4200 und 3000 v. Chr., die Men­schen auf Schneeschuhen zeigen. Amüsant die zahlreichen Accessoires wie Skibrillen aus dem 19. Jahrhundert, die eine frappante Ähnlichkeit mit Tee­sieben aufweisen. Oder das Tenue des akademischen Skiclubs Zürich, Schnee­hase, von 1924 – ohne Krawatte wagte sich kein Gelehrter auf die Piste! Diese bunt durchdachte Mischung macht Noldi Becks Lebenswerk weltweit zu einer der umfangreichsten und hochkarätigsten Wintersportsammlungen.
Folgt man dem urigen Triesenberger, der am liebsten mit seinem Vornamen angesprochen wird, durch das dreistöckige Museum, taucht man unweigerlich ein in vergangene Winterwelten, meint die Schneemassen zu spüren, durch welche mit den abertausenden Objekten aus Noldi Becks Sammlung gewandert, ge­glit­ten oder ein Berghang hinabgesaust wurde. Denn «Vom Gehen zum Gleiten, vom Gleiten zum Fahren, vom Fahren zum Temporausch» – so bricht Noldi die Skigeschichte bildhaft herab und demonstriert sie mithilfe seiner ungeheuren Sammlung.

Sammler und Museumsdirektor in einem

Der Sammler ist gleichzeitig sein eigener Museumsdirektor. Seine Augen glitzern übermütig, wenn er Gäste durch sein Ski­mu­seum führt. Er kennt die Merk­male all seiner Exponate aus dem Stegreif, nimmt Ski oder Stöcke, Schlitt­schuhe oder Schneeschuhe in die Hand, demonstriert, wie eine Bindung aus dem Jahr 1888 funktioniert hat, eine aus dem Jahr 1903, 1912, Jahrzehnt für Jahr­zehnt, und so zeichnet er eindrücklich die Entwicklung der Bindung bis heute nach. Er erklärt die Extrafunk­tionen eines simpel aussehenden Schneeschuhs oder zeigt ein zierliches Schlittschuhmodell, das einer Prinzessin gehört haben mag, die um 1900 in St. Moritz weilte. «Ich bin voll drin und während den Erklärungen läuft vor meinen Augen ein Film ab. Das kann natürlich niemand so bringen wie ich», sagt der leidenschaft­liche Sammler über seinen lebhaften Erzählstil.

Skimuseum

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Ein Leben mit Ski
Wie kommt man dazu, eine derart umfangreiche Sammlung aufzubauen, und das noch ganz alleine? Eine Erklä­rung lässt sich darin finden, dass Noldi Becks gesamtes Leben von der Skikultur geprägt ist: 1949 im Liechtensteiner Nah­er­holungsgebiet Triesenberg/Steg geboren, ab dem siebten Lebensjahr im Wintersportort Malbun aufgewachsen, stand er mit knapp drei Jahren zum ersten Mal auf den Brettern. Um zur Schule zu gelangen, fuhr er im Winter mit den Ski nach Triesenberg hinunter. Abends ging es bei jedem Wetter zu Fuss wieder hoch ins Malbun. Noldis Eltern, Anneli und Xaveri Beck, führten dort das damalige Hotel Sareis, und so konnte der sportbegeisterte Junge in jeder freien Minute auf den Ski stehen, was er auch ausnutzte. Sein Fleiss wurde belohnt: Mit dreizehn Jahren wurde Noldi der erste Ski-Jugendmeister von Liechtenstein. Er war Mitglied der liechtensteinischen Skimannschaft und nahm 1968 an den Olympischen Spielen in Grenoble teil.
Im Jahr darauf wandte er sich jedoch vom professionellen Rennsport ab und absolvierte das Skilehrerdiplom im Schweizer Interverband für Skilauf SIVS. Der junge Noldi wurde Berufsskilehrer, bildete als Experte den Nachwuchs aus und profilierte sich in dieser für ihn sehr schönen Zeit als Spezialist für Fahrtech­nik.
1971, Noldi war 22 Jahre alt, suchte der Skihersteller Völkl einen Reparatur­fach­mann für die Schweiz. Noldi bewarb sich kurzerhand und bekam die Stelle. An einem Skitest-Wochenende auf der Zug­spitze begeisterte er mit seinem professionellen Stil den Firmenchef, Franz Völkl. Ein Traum wurde wahr und Noldi wurde der erste Vollzeit-Skitester der Firma! Den Sommer verbrachte er von nun an auf den grossen Gletschern und testete Ski, vom Anfängermodell bis zum Rennski: «Uberall bin ich am teschta, probiera und macha gsi. De hescht du an Zädel ka, wad hescht alls ischryba muassa, ob er guat ischt, nid guat, i da unterschiedliga Schneeverhältnis. Albi a so, dür und har. Äns ischt an Traum gsi.»
Nach fünf Jahren wartete eine weitere berufliche Veränderung auf Noldi Beck. Mittlerweile 26 Jahre alt, ging der Vollblutsportler seiner Tätigkeit als Ski­tester leidenschaftlich nach – und wollte daran auch nichts ändern. Die Firma Völkl geriet jedoch in Aufruhr, als die liechtensteinische Slalom-Weltmeisterin Hanni Wenzel ankündigte, zum rivalisierenden Hersteller Kästle zu wechseln. Ihre grossen Erfolge hatte Wenzel zwar noch vor sich, aber Franz Völkl wusste um ihr Potenzial und wollte sie nicht an die Konkurrenz verlieren. Also wurde Noldi als Wenzels Landsmann von der Skipiste ins Sitzungszimmer berufen, wo die Verhandlungen liefen. Erneut sah Franz Völkl in Beck einen Hoffnungs­träger: Er ernannte ihn zu Hanni Wenzels privatem Servicemann. Die mehrfache Olympiasiegerin und Welt­meis­terin blieb Völkl treu.
Nach zwei Jahren hatte Noldi Beck genug von der Hektik dieses neuen Jobs. Zehn Jahre lang hielt er sich vom Ski­sport fern, er gründete eine Familie, war in der Gastronomie tätig und musizierte mit seinen Freunden. Mit seiner Frau Sara bekam er die Töchter Lydia, Regina und Nesthäkchen Julia. Doch nach und nach machte sich ein viertes Kind in seiner Familie breit – Noldis Skisammlung.

Skimuseum

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Die Geburtsstunde der Sammlung
Wieder klopfte das Ski-Schicksal bei Noldi Beck an die Tür und führte ihn zum Wintersport zurück. 1988 bat ihn der Sportgeschäftsinhaber Erwin Risch, als Servicemann einzuspringen. Aus der Aushilfe wurde eine feste Anstellung – Noldi ist wieder von Ski umgeben und die Weichen für die spätere Sammlung sind endgültig gelegt. 1989 hatte Noldi bei der Reparatur der Bindung eines Kinderskis, einer Tyrolia 57, eine Intui­tion: «Bevor du verrückt wirst, fängst du ein Hobby an: Bindungen sammeln. Fertig. Und aus dem heraus entstand die Sammlung», erzählt er schmunzelnd.
Also begann er, die Kundschaft nach alten Ski auf dem Dachboden zu fragen und stiess auf grosse Hilfsbereitschaft. «Momoll Noldi, s’isch kei Problem, i bring der schie. Und hed schie brunga. Und a so ischt äns halt gloffa.» Auf spielerische Weise häufte sich so ein Sammelsurium von Bindungen an.
Da Beck zu Beginn nur Bindungen sammelte, sägte er den Ski rundherum einfach ab. Bei diesen Querschnitten konnte er das Innenleben des Holzes studieren, was ihn faszinierte. Doch als ihm ein Bekannter einen sehr schönen, schwarzen Ski mitbrachte, ereilte Noldi ein Blitzgedanke: «Nümma versääga, ganz la!» Gesagt getan.
Nach und nach wuchs Becks Sammlung und schon bald war in seinem Haus in Steg kein Platz mehr. 1993 wurde ihm ein Lagerraum in Vaduz zur Verfügung gestellt, in dem er auch erste Führungen gab. Im gleichen Jahr folgte ein Highlight, die erste Ausstellung. «Das war eigentlich die Krönung. Wenn ich heute daran denke, wie ich damals angefangen habe, ich würd’s mich heute nicht mehr trauen. Wenn ich diese Fotos ansehe, wie ich dort eingestiegen bin, denk ich manchmal, Noldi, du hescht scho äs verdammts Couraschi ka», meint der tatkräftige Sammler rückblickend.

Die Ski finden zu ihm
Dass er forciert nach bestimmten Stü­cken sucht oder gar das Internet für Sammelzwecke nutzt, kann Noldi Beck nicht bejahen. Vielmehr haben die unterschiedlichen Stücke den Weg «wie von alleine» zu ihm gefunden – das A und O seiner Suche ist die Mund-zu-Mund-Pro­paganda. Durch seine lebenslange Tätig­keit im Wintersport sind ihm die Kontakte zugeflogen, und durch Noldis freundliches wie zutrauliches Naturell schliessen ihn Besucher des Skimuseums in ihr Herz und scheuen keine Mühe, ihm Ski und Zubehör aus der ganzen Welt zukommen zu lassen. «Vilicht geit’s an Manat, vilicht geit’s zwei Manat, und uf zmaal chund ätas, äs Päckli, und an Bindig oder äs Paar Schi ischt dinna.» Dem unermüdlichen Sammler wurde und wird sehr viel geschenkt. Solche Kontakte und die Hilfsbereitschaft vieler Freunde und Bekannter, aber auch Frem­der, sind für Noldi etwas vom Schönsten an seiner Sammeltätigkeit.

Skimuseum

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Stiftungsgründung
Um das alle Masse sprengende Hobby auch finanziell rentabel zu gestalten und so seine Zukunft zu sichern, wurden 1996 die Familienstiftung Noldi Beck ins Leben gerufen und Geldgeber gesucht. Ein weiterer Meilenstein für den stolzen Sammler ist die Anerkennung durch den Internationalen Ski Verband FIS, die Noldi Becks Lebenswerk 2005 als offizielles Skimuseum anerkannte. Bereits 1994 widmete sie ihm für seinen Beitrag zur Archivierung der Skigeschichte und -kultur eine Slalom-Weltcup-Kugel. Ein Ehrenpreis, den Noldi Beck mit seiner Sammlung abseits der Skipiste gewann. Doch Noldi ruht sich nicht auf diesem Erfolg aus: «Es fehlen immer noch berühmte Namen, das wird schwer. Man muss einfach Geduld haben», meint der ruhelose und hellwache Sammler.

Ungewisse Zukunft     
Noldi Becks Sammlung lebt durch das umsichtige Sammelsurium aus Ski, Skiausrüstungen, Plakaten, Rennsport-Medaillen, Pokalen und Kletter-Acces­soires aus allen Zeiten, aber in erster Linie durch den Sammler selbst: «Du läbsch drmid, äs ischt äs Kind vo diar. Wo mit diar gebora ischt, und es ka denn au no verrecka mit diar», sagt er über seine grosse Leidenschaft.
Diese Nähe von Sammler und Sammlung birgt auch Konfliktpotenzial. So ist beispielsweise die Zukunft des Museums ein offenes Kapitel. Noldi Beck, der jedes einzelne Stück seiner Sammlung selbst in Empfang nimmt, putzt, restauriert, ihm seinen Platz in der Sammlung zuordnet und in seinem Kopf-Archiv speichert, hat seine Sammlung noch lange nicht vollständig schriftlich dokumentiert. «Äns ischt alls i mim Grind dinna – äs ka niamert a so bringa wia ich», meint der Triesenberger. Auch von technischen Neuerungen abseits der Skiherstellung hält Noldi Beck wenig. Kopfhörer und Audioguide kommen ihm nicht ins Museum.
Wie sich das Museum einen Weg in die Zukunft bahnen wird, ist daher ungewiss. Sicher ist aber, dass Noldi Beck mit bewundernswerter Ausdauer und einem überwältigenden Enthusiasmus eine originelle und historisch wertvolle Sammlung geschaffen hat, welche in der liechtensteinischen Kulturlandschaft einen festen Platz einnimmt.

Das Porträt in Erinnerung an Noldi Beck und sein Sammelengagement ist ein Vorabdruck des Buches «Sammelglück» von Anna Ospelt und Martin Walser (Fotos), das Ende November im Bucher Verlag (Wien, Hohenems, Vaduz) erscheint.

28. Sep 2014 / 08:56
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