• Dominik Tschütscher
    Dominik Tschütscher hat im TAKino in Schaan schon mal Platz genommen – am 1. Dezember lädt er dort zu seiner Filmpremiere «Atelier de Conversation».  (Daniel Schwendener)

«Auch wenn ich stolz bin, bilde ich mir nichts darauf ein»

Stolz darf Dominik Tschütscher auch sein: Der Film «Atelier de Conversation», für den er in die Rolle des Filmproduzenten geschlüpft ist, ist international ein Erfolg. In Schaan aufgewachsen, lebt Tschütscher nun schon seit Jahren in Wien, wo er unter anderem auch junge Filmtalente fördert. Am 1. Dezember feiert sein Film über Fremdsein und Heimweh im TAKino in Schaan eine Liechtenstein-Premiere. Ein bisschen flattern seine Nerven schon jetzt.
Schaan. 

«nd the Oscar goes to ...» Nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hört der 40-Jährige diesen Satz mit seinem Namen beendet: Dominik Tschütscher. Geschweige denn vom Beifall, oder von den Jubelrufen seines Filmteams, oder von einer Dankesrede, die er eher in modisch-legèrem Outfit als in Krawatte und Anzug vor Millionen-Publikum im Saal und an den Fernsehgeräten halten würde. Vorher erwacht Dominik Tschütscher aus dem Traum. Er trägt Ideen tagaus, tagein mit sich, Ideen, die er verwirklichen möchte. An Kreativität fehlt es dem Kulturarbeiter nämlich nicht. Vielleicht eher an Selbstvertrauen. Dass er selbst einmal so eine grandiose Oscar-verdächtige Filmidee haben wird, glaube er nicht, wie er in unserem Gespräch sagt. «Ich wage zu behaupten, ich erkenne Kreativität, aber könnte sie nicht selber schaffen.» Er wolle es aber nicht ausschliessen, dass er jemals in einem Projekt involviert sein würde, das durchaus Oscar-Chancen hätte.

Aber stopp: Was heisst jemals? Im März feierte der Film «Atelier de Conversation», für den Dominik Tschütscher erstmals in die Rolle des Filmproduzenten schlüpfte, in Paris Weltpremiere, im Sommer hat der Film dann einen bedeutenden Preis am tschechischen Film-Festival in Karlovy Vary erhalten und vor zwei Wochen hat es noch mehr Lorbeeren gegeben: An der 41. Duisburger Filmwoche gewann «Atelier de Conversation»  den Arte-Dokumentarfilmpreis, dotiert mit 6000 Euro. Am Zürcher Film-Festival war der Film im September für das «Goldene Auge» nominiert. Obwohl es für einen Preis nicht gereicht hat, konnte er überzeugen: Wenige Tage nach dem Festival kam ein Kaufangebot vom Schweizer Fernsehen. Für Dominik Tschütscher und sein Filmteam um Regisseur Bernhard Braunstein ist dieses Angebot genauso bedeutend. Zumal «Atelier de Conversation» nächstes Jahr auch noch in den Kinos in Frankreich, Deutschland und Österreich gezeigt wird. So langsam riecht das doch schon nach einem Oscar, oder? Dominik Tschütscher winkt ab und schmunzelt verstohlen. «Klar, geniesse ich diesen Erfolg.» Er wisse auch, dass der Film wirklich gelungen sei, indem er mit Themen wie Ausländer, Fremdsein oder Heimweh sehr aktuelle wie auch universelle Themen aufgreife. Zwar hätten dies bereits viele Filmemacher gemacht. «Atelier de Conversation» hebe sich aber durch seine hoffnungsvolle Art ab – Begegnungen passierten auf Augenhöhe, anstatt auf einer problembehafteten Ebene. «Auch wenn ich stolz darauf bin, als Co-Produzent intensiv an diesem Film mitgearbeitet zu haben, bilde ich mir darauf nichts ein», sagt Dominik Tschütscher. Oder wie es seine Familie oder Freunde nennen: Dominik bleibt stets auf dem Boden – den Aufwind investiert er lieber in seine Arbeit. Obwohl er nicht mehr ganz so viel in seinen Job investieren wolle als früher, wie er sagt. Mit «früher» meint Dominik Tschütscher die Zeit nach seinem Studium, in der er so gut wie alles in seinen Beruf investiert hätte. Der Schaaner war jung, wollte die Filmwelt erobern, nahm jede Menge Mühe, verbunden mit Stress auf sich, den er als junger Mann auch noch gut verdauen konnte. Natürlich ist Dominik Tschütscher noch heute ein junger Mann – nur der Stress, der wurde mit den Jahren etwas schwerer verdaulich. «Ich habe gemerkt, dass für mich auch andere Werte wie die Familie, meine Lebenspartnerin, Freunde und die Freizeit viel an Bedeutung gewonnen haben.» Das klinge für manche vielleicht esoterisch – «aber ich will nicht den Beruf zum ständigen Referenzpunkt meines Lebens machen. Alles muss eine Balance haben und sich auf Augenhöhe treffen.» Und sehr viel bedeutet ihm auch ein ganz kleines Wesen: Elsa, der Nachwuchs seines Bruders Rainer. Auf sie alle, Mama, Papa, Schwester Elke und seine Freunde, freut sich Dominik, wenn er von seinem Zuhause in Wien in seine Heimat nach Liechtenstein zurückkehrt.

Seit 2004 lebt Dominik Tschütscher in Wien – zuvor in Salzburg, wo er Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und im kanadischen Vancouver ein Auslandsjahr absolviert hatte. Nach Salzburg folgte ein Master-Studium im australischen Melbourne. Eine Rückkehr nach Liechtenstein plant Dominik vorerst nicht. Mit seiner Lebenspartnerin und seinen zwei Hauskatzen fühlt er sich in seiner Mietwohnung im 6. Wiener Gemeindebezirk wohl. Ohne Fernseher und ohne Auto. Luxus sagt ihm überhaupt nichts. «Ich könnte mir auch vorstellen, mich mal einen Sommer lang als Hüttenwirt zu probieren», sagt Dominik Tschütscher. Obwohl er sich aber eigentlich gar nicht vorstellen kann, das Filmschaffen komplett an den Nagel zu hängen. «Zumindest für die nächsten vier, fünf Jahre nicht», wie er sagt. Darüber hinaus plane er gar nicht. «Meine Zukunft hat für mich keinen endlosen Horizont – ich plane und sorge mich um sie lieber in Etappen», sagt Dominik Tschütscher. Das sei schon immer so gewesen – und so soll es auch bleiben, seine Zukunft auf Raten.

Nach seinem Studium und seinen Auslandspraktiken hat sich Dominik Tschütscher vor etwas mehr als zehn Jahren einen Job im Filmbereich gesucht – und diesen in Wien als Filmvermittler im österreichischen Filmmuseum gefunden. Sechs Jahre arbeitete er dort, bevor er sich mit «Cinema Next» selbstständig gemacht hat. Unterstützt wird er dabei von einer Film-Kollegin. Mit «Cinema Next» möchte Dominik Tschütscher den Nachwuchs im Filmschaffen fördern. Auf einer Online-Plattform porträtiert er junge Talente, beschreibt deren Filme und kuratiert Filmprogramme für Kinos und Filmfestivals. Sein Alltag füllt sich ausserdem mit Marketing-, Buchhaltungs- und Pressearbeiten aus. «Zu vergleichen ist mein Job vielleicht mit dem eines Museumsdirektors oder Theaterintendanten, der stets up to date sein, alles überblicken und ein Jahr ‹bespielen› muss», erklärt Dominik Tschütscher.
Wer Dominik Tschütscher noch aus der Gymnasiums-Zeit kennt, erinnert sich, dass er nicht ausschliesslich Film-Freak war. Vielmehr schenkte er seine ganze Freizeit neben der Schule vor allem dem FC Schaan. Auf dem Fussballplatz sei er gar nicht so schlecht gewesen – merkte aber auch, dass er sehr viel Zeit in dieses Hobby investierte und ihn womöglich andere Dinge mehr interessieren. Mit Studiumsbeginn hätten sich seine Interessen neu geformt und auch Film und Kino wurden immer präsenter.

Ob es der allererste Film war, den er sich als Jugendlicher im Kino angeschaut hatte, kann Dominik Tschütscher nicht mehr sagen – aber es war einer der ersten: An «Der mit dem Wolf tanzt – im Schlosskino Balzers», erinnert er sich noch gut. Nicht nur daran: Er wisse noch ganz genau, wo er in dem Kinosaal gesessen sei – seitlich links, in der Mitte. «Lustig: Das ist heute noch der Platz, an dem ich am liebsten sitze.» Wo er übrigens bei einer allfälligen Oscar-Nominierung in dem grossen, prunkvollen Dolby Theatre in Los Angeles sitzen möchte, weiss Dominik Tschütscher ebenfalls ganz genau. Aber dazu gleich mehr.

Für die Zukunft wünscht sich Dominik Tschütscher, noch ein Weilchen auf der momentanen Erfolgswelle reiten zu können beziehungsweise daran anzuknüpfen: «Bernhard und ich werden mit Freunden eine Produktionsfirma gründen, mit der wir neue Filmideen umsetzen wollen, beispielsweise ein spannendes Dokumentarfilmprojekt in Japan.» Ob ihn der Erfolg dann wirklich mal zur Oscar-Verleihung spült? «Die Oscars sind zwar prominent, aber weder das Mass aller Dinge noch ein wirkliches Ziel», relativiert Dominik Tschütscher und sagt lächelnd: «Das Bild von mir auf der Oscar-Bühne ist wohl mehr in den Träumen meines Bruders als in meinen.» Aber anschauen tut sich Dominik Tschütscher das jährliche Spektakel immer und sässe er wirklich einmal im Saal, würde er sich ganz gerne mal neben die britische Schauspielerin Kate Winslet setzen – «eine Frau, die mich schauspielerisch schon immer faszinierte», sagt Dominik Tschütscher mit den Augen eines Filmkurators. Müsste er eine Laudatio auf sie halten, würden Adjektive wie zurückhaltend und anspruchsvoll, tiefsinnig und humorvoll, einfühlsam und charismatisch nicht fehlen. Alles Adjektive, die eigentlich auch auf den Film «Atelier de Conversation» zutreffen – ebenso wie auf Dominik Tschütscher selbst. (bfs)

23. Nov 2017 / 17:27
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