• Probe Schlösslekeller in Vaduz
    Bei allem Temperament ist Katrin Hilbe ein sehr überlegter Mensch, der versucht, Kopf und Herz in Einklang zu bringen.  (Daniel Schwendener)

Ein Kopfmensch mit viel Fantasie und Fabulierlust

Katrin Hilbe arbeitet als Regisseurin für Oper und Schauspiel. «Fägfüür» hiess ihre Produktion, die sie im Herbst im Schlösslekeller in Vaduz gezeigt hat. Im März feiert sie bereits mit einer neuen Produktion Premiere: «Shooter» – allerdings in New York. Der Liechtensteinerin ist der Spagat zwischen Europa und den USA gelungen und sie konnte sich mit Erfolgen im Inland wie auch in Amerika etablieren.

Ein Haus aus braunem Backstein mit kleinem Garten – was nach einem gemütlichen Heim vielleicht im idyllischen Vaduzer Oberdorf, im ländlichen Mauren oder im lauschigen Planken klingt, steht in Brooklyn und ist das Zuhause von Katrin Hilbe. Seit 15 Jahren lebt die Liechtensteinerin nun in einem der fünf Stadtteile von New York City. Gelbe Taxis, der Hudson River, Wolkenkratzer und noch viel mehr fallen einem zu dieser Millionen-metropole ein. Eines der bedeutendsten Wahrzeichen: Der von Leuchtreklamen erhellte Times Square in der Mitte des langen Broadway. Dort ist auch das pulsierende Herz des Theaters, Zentrum der grössten, teuersten Produktionen, die alljährlich Millionen Zuschauer aus aller Welt anziehen. Mit diesen Broadway-Theatern verbindet Katrin Hilbe eine intensive Hassliebe. Seit sie als Opern- und Schauspielregisseurin in New York arbeitet, weiss sie um die unglaubliche Schere zwischen hochfinanzierten Produktionen und dem vitalen, kämpferischen, aber auch sehr armen nicht kommerziellen Theater.  
Das ursprüngliche Zuhause der Tochter des Altregierungschefs Alfred Hilbe (†2011) steht aber in Schaan. Dass sie einmal über 6000 Kilometer entfernt von Liechtenstein leben wird, hätte sich Katrin Hilbe nie gedacht. Aber dass sich ein bedeutender Teil ihres Lebens in der Welt des Theaters abspielen wird, das wusste die Liechtensteinerin schon früh. Zumindest davon geträumt hat sie schon 
als Kind. «Ich habe beim Schultheater mitgespielt und bin in den Klavierunterricht gegangen.» Das war ein erster Mosaikstein auf ihrem Weg, erzählt Katrin Hilbe in einem Café in Vaduz. Über die Feiertage ist sie nach Liechtenstein gereist, um Weihnachten und Neujahr mit Familie und Freunden zu verbringen. Anfang Januar ging’s dann aber auch schon wieder zurück in die Metropole mit den bedeutendsten Handels-, Finanz- und Kulturzentren der Welt. Katrin Hilbe beschreibt New York City mit einem Wort: «Energetisch.» Sie spricht von einem Grundpuls, der jeden und jede antreibt, der oder die sich darauf einlässt. «Das Angebot ist grenzenlos, man muss selektieren, seine eigenen Ziele definieren und sich dann mit einer Machete seinen eigenen Weg durch die Stadt schlagen.» Zielstrebigkeit und Ausdauer verlangt die Stadt, sagt Katrin Hilbe.  
Zielstrebigkeit ist auch ein Wort, das zu Katrin Hilbe passt. Das heisst nicht, dass sie schon immer genau wusste, dass sie Regisseurin werden möchte. Ihr Weg führte die Liechtensteinerin nur nach und nach zum Ziel. So hätte sich Katrin Hilbe einst auch vorstellen können, als Sängerin auf der Bühne zu stehen. Mit 16 Jahren hat sie ihre gewünschten Gesangsstunden bekommen, wo ihre Begeisterung für die Oper entfacht wurde. Nach der Matura am Gymnasium in Vaduz verschlug es sie nach Bern, wo sie zunächst Philosphie, Musikwisschenschaft sowie englische und amerikanische Literatur studierte. Ihre Kreativität kam allerdings zu kurz. «Ich bin zwar stark Kopfmensch, habe aber zu viel Fantasie und Fabulierlust für eine akademische Karriere.» Wie sie beides unter einen Hut bringen könnte, war ihr allerdings zunächst nicht so ganz klar. Ein Erlebnis während des Studiums führte sie dann zu ihrem eigentlichen Berufswunsch: Opernregisseurin. «Ich war Regieassistentin in einer kleinen Opernproduktion und dem Regisseur fiel zu einer Szene nichts ein. Er warf mir den Klavierauszug hin und sagte: ‹«Mach du!›» 
Zu Hause setzte sie sich hin und sofort kamen ihr Ideen zu der Szene. In der Probe am nächsten Tag fühlte sie sich «Wie ein Fisch im Wasser – Kopf und Bauch arbeiteten endlich zusammen! Von diesem Zeitpunkt an wusste ich genau, was ich will.» Das war der zweite entscheidende Mosaikstein, erinnert sich Katrin Hilbe. Weil sie nicht der Typ Mensch ist, der übereilte Entscheidungen trifft, schloss die Liechtensteinerin erst mal ihr Studium ab. Von ihrem Traumberuf liess sie sich trotzdem nicht abbringen: Ihre Freizeit verbrachte sie an Theaterfestivals, wo sie sich nach und nach das Regisseuren-Handwerk aneignete. In Wien assistierte sie später in der freien Theaterszene, arbeitete danach am Stadttheater Würzburg, an der Oper in Frankfurt und entschloss sich dann für ein Werkjahr in New York. 
Weitere bunte Mosaiksteine fand Katrin Hilbe dann auch später während ihres Werkjahres in New York. Aber lange noch nicht alle: «Ich war nach einem Jahr mit der Stadt einfach noch nicht fertig, wollte noch vieles mehr entdecken, lernen, erfahren.» Mittlerweile lebt sie seit 15 Jahren dort. 15 Jahre, in denen sie tatsächlich Tag für Tag Neues entdeckte und lernte – und sich zielstrebig nach oben arbeitete. Angefangen in kleinen Theatern mit 20 bis 99 Sitzen hat es Katrin Hilbe zur Off-Broadway-Regisseurin geschafft. «Endlich konnte ich der Gewerkschaft beitreten! », grinst sie. Dies ermöglicht ihr die Mitgliedschaft in der Theatergemeinschaft und öffnet somit weitere Türen in der grossen, weiten New Yorker Theaterwelt. 
Der Liechtensteinerin ist es in der mächtigen Metropole gelungen, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen, das ihr Aufträge als Regisseurin einbringt. Sie pflegt zu verschiedenen Schauspielhäusern gute Kontakte, die ihr Engagements einbringen. «Zwar ist die Konkurrenz gross, aber die Kulturschaffenden halten gewissermassen auch zusammen.» Gross sei die Konkurrenz auch unter den Schauspielern. Allein von diesem Job zu leben, könne sich kaum jemand leisten. Die meisten hätten ein zweites Standbein und gingen zwischen den Proben einem zweiten oder gar dritten Job nach. Während sich die Regisseurin in New York die Schauspieler für ihre Produktionen selbst sucht, bekommt sie diese in Europa vom Schauspielhaus zur Verfügung gestellt. «Dies hat Vor- und Nachteile», sagt Katrin Hilbe. Müsse sie die Schauspieler selbst suchen, hätte sie zwar mehr Aufwand, dafür entstehe während der Vorsprechrunden schon eine Art Grundvertrauen zwischen ihr und den ausgewählten Kandidaten. Die Arbeit in Europa wie auch in Amerika macht der Liechtensteinerin Spass. Nicht zuletzt deshalb, weil ihr dieser Spagat zwischen Europa und der USA gelungen ist. Und damit auch der erfolgreiche Spagat zwischen dem In- und Ausland: Für «St Joan» von Julia Pascal erhielt sie im Mai 2015 den Hilton Edwards Award für beste Regie und Adaptation am Dublin International Gay Theatre Festival. Ihre Inszenierung von Richard Strauss’ Oper «Salome» für die New Orleans Opera wurde zur «Besten Opernproduktion 2012» gewählt. Und gerade im Herbst stand Katrin Hilbe im Schlösslekeller in Vaduz vor frenetisch applaudierendem Publikum: Mit «Fägfüür» ist es der taffen Regisseurin gelungen, auch die liechtensteinischen Theaterbesucher zu begeistern. 
Ob in den USA oder in Europa – das Ziel der Regisseurin ist ein und dasselbe: Mit ihren Produktionen die Fantasie beleben und zum Nachdenken anregen. «Ich möchte den Besuchern keine Botschaften aufdrängen.» 
Selbst nachdenklich wird Katrin Hilbe, wenn sie beispielsweise an die amerikanische Politik, insbesondere an Donald Trump denkt. Oder wie sie den US-Präsidenten umschreibt: «Ein alter, weisser Mann mit schlechten Eigenschaften und noch schlechterer Qualifikation für seinen Job.» Seine einzige Vision sei es, alles von Obama Bewerkstelligte auszuhebeln und die Pfründe seiner Interessensgruppen zu schützen. Neben grossen und kleineren Untaten, habe er auch die staatlichen Zuschüsse an die Kulturförderung auf null geschraubt. Zwar tangieren die nun eingesparten 146 Millionen Dollar die freischaffende Regisseurin nicht – «exakt die Kosten für Melanias Security!», merkt Katrin Hilbe mit einem kecken Lächeln an. «Aber die geringe Wertschätzung stimmt mich sehr traurig.» Und traurig war Katrin Hilbe auch, als die amerikanischen Behörden einer mexikanischen Regisseurin und ihrer Company zum ersten Mal die Einreise verweigert haben. Im Oktober wäre sie bei einem Theaterfestival zu Gast gewesen und Jesusa Rodriguez war eine der nominierten Theaterfrauen des International Theatre Awards für weibliche Theaterschaffende aus aller Welt – einem Preis, welchem dieses Jahr Katrin Hilbe vorstand. Den zwei nominierten Künstlerinnen aus Ägypten wurde die Einreise zwar nicht verweigert, aber erschwert. 
Viele bunte und wertvolle Mosaiksteine hat Katrin Hilbe in den vergangenen Jahren in Europa wie auch in den USA für ihr Leben und ihren Beruf gefunden. Zu verdanken hat sie dies nicht zuletzt auch ihrer Willensstärke, die sie jedoch nie ohne wache und aufmerksame Seitenblicke einsetzt. Mit dem Theater-Drama «Shooter» steht für sie im März die Premiere einer neuen Produktion in New York an. Auch wenn sie während den Aufführungen hinter den Kulissen steht – für die Regisseurin ist jede Produktion eine aufregende Zeit. Müsste Katrin Hilbe selbst auf die Bühne und dort eine Figur authentisch verkörpern, würde sie insbesondere bei einer Oper auf eine männliche Rolle ausweichen, wie sie sagt. «In Opern sind Frauen meist die Opfer, in der sie furchtbar leiden und schliesslich grausam sterben müssen.» Das wäre nicht die taffe Katrin Hilbe. «Ich nehme mein Leben gerne selbst in die Hand.» Ihre Erfolgsgeschichte beweist, dass dies nicht nur blosse Worte sind. (bfs)
 

25. Jan 2018 / 15:13
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