• 10 Jahre Sammlung Batliner Festakt
    Manchmal melancholisch, wie er selbst von sich sagt, aber immer charmant: Der Museumsdirektor der Albertina in Wien, Klaus Albrecht Schröder, vor dem Bild von Ernst Ludwig Kirchner, der 1914 zwei Frauenakte gemalt hat.  (ViennaPress / Andreas TISCHLER)

«Ich möchte alle Seh-Süchtigen bereichern»

Klaus Albrecht Schröder ist seit dem Jahr 1999 Museumsdirektor der Albertina Wien. Bilder und Kunstwerke spielen aber nicht nur von Berufes wegen eine grosse Rolle im Leben des Kunsthistorikers. Durch seine Leidenschaft zur Kunst kreuzten sich seine Wege mit Herbert und Rita Batliner, die vor zehn Jahren ihre Sammlung von zu Hause in die Albertina als Leihgabe übersiedelten – eine wahre Sternstunde für den Museumsdirektor.

Die Albertina in Wien ist immer einen Besuch wert. Zu einem ganz besonderen Erlebnis wird der Rundgang durch das Kunstmuseum aber dann, wenn der Museumsdirektor persönlich durch die Ausstellung führt: Klaus Albrecht Schröder. Auf einer Reise durch den Impressionismus zum Pointillismus, weiter zum Fauvismus, Expressionismus und zur russischen Avantgarde weiss er Geschichten, die in einem Museumsführer nicht nachzulesen sind. Geschichten, die faszinieren, nachdenklich stimmen, einen Einblick in das Schaffen der Künstler geben. 

Vorbei an der berühmten Seerosen-Serie des französischen Malers Claude Monet, bleibt Klaus Albrecht Schröder im ersten Geschoss der Herbert-Batliner-Sammlung vor einem Bild von Henri de Toulouse-Lautrec stehen. «Der Schimmel Gazelle» nennt sich das Werk, eines der wichtigsten Frühwerke, wie Klaus Albrecht Schröder sagt. Der Museumsdirektor erzählt, dass Herbert Batliner dieses Bild einst von einem Kunden erhalten hatte, der das Honorar des Treuhänders nicht bezahlen konnte. Nicht zum ersten Mal betrachtet Klaus Albrecht Schröder das Bild ganz genau, analysiert es aber mit einer Leidenschaft, als hätte er das Bild zuvor noch nie gesehen: «Die Konturen des Leibes des Schimmels sind nicht fest, sondern zittrig», hält er fest. «Eine Barriere nach vorne gibt überdies zu verstehen, dass eine gewisse Distanz angeraten ist – alles an dieser Darstellung ist Nervosität.» 

Klaus Albrecht Schröder ist seit dem 1. August 1999 Museumsdirektor der Albertina. Der 62-Jährige ist Kunsthistoriker, Kunstmanager, Kunstliebhaber – kurzum, ein Mensch, dessen Leben sich zum grossen Teil um Kunstbilder dreht. Routine ist für den Direktor allerdings ein Fremdwort. Vielmehr nennt es Schröder Erfahrung, die er von Jahr zu Jahr sammeln darf. Routine wäre Gift für ein Museum, sagt er, «denn ein Museum muss sich alle zehn bis fünfzehn Jahre neu ausrichten.» Die Besucher seien ihm ein Anliegen – «Wer kunstblind ist, den brauche ich nicht zu überzeugen. Aber alle Seh-Süchtigen möchte ich zu hundert Prozent bereichern.» Dies erfordere tägliche Flexibilität – und genau darin liege auch die Herausforderung als Museumsdirektor. In seinen ersten Amtsjahren sei es vor allem darum gegangen, das Vertrauen des Publikums in die Albertina wieder zurückzugewinnen.  Hierfür galt es erst mal, die Ausstellungshallen zu modernisieren und zu vergrössern: Die Albertina wuchs durch die weitreichenden Umbauten und grossteils unteriridischen Erweiterungen von 2500 auf 20 000 Quadratmeter. «Während es in meinen Anfängen darum ging, das Museum zukunftsfähig zu machen, ist es heute die Herausforderung, diesen Erfolg zu sichern», sagt Schröder. Das heisst auch, sich stetig um die schönsten, wichtigsten und relevantesten Ausstellungen zu bemühen. Und dies wiederum erfordert die Koordination von einem rund 300 köpfigen Museums-Team – «da gehören Acht-Stunden-Tage zu einer absoluten Seltenheit.» 

Die Bemühungen von Klaus Albrecht Schröder um ein ambitioniertes Ausstellungsprogramm haben sich ausgezahlt: Seit er Museumsdirektor ist, hat er rund acht Millionen Menschen bereichert. Unter ihnen auch Tausende von Schulklassen, die sich auf den Lehrpfad der Kunst begeben haben. Während sich das Museum vor seinem Amtsantritt in einer schweren Krise befand, konnte Schröder den Bestand des Hauses wieder sichern, die Albertina wiederbeleben. Auf diesen Erfolg könnte Schröder stolz sein – doch auf den Lorbeeren ausruhen will er sich nicht: «Ich schaue morgens nicht in den Spiegel und denke: Mensch, bin ich ein super Typ. Nein, ich stehe auf und frage mich, welche Termine ich an diesem Tag habe.» Er gebe zu, trotz Schattenseiten die Butterseite des Lebens geniessen zu dürfen. «Diesen Erfolg habe ich aber wunderbaren Umständen zu verdanken.» Zu diesen Umständen gehört sicher auch die Begegnung mit Herbert Batliner: «Es war 1985, als mich ein damals völlig unbekannter Mann in der Bank, in der ich damals als Kunstexperte gearbeitet habe, etwas über Kunst gefragt hat.» Der unbekannte Mann war Herbert Batliner und wurde zu einem engen Freund der Familie – so ist Herbert Batliner auch der Patenonkel des Sohnes von Klaus Albrecht Schröder. «Erfolg verdankt man meist auch Dritten – aber ich strenge mich an, dass ich ihn zumindest verdient habe», sagt Schröder bescheiden. 

Bescheiden sieht’s bei dem Museumsdirektor auch aus, wenn es ums Wandern geht. Zu gerne hätte er sich auch schon mal die liechtensteinische Bergwelt angeschaut – «aber mich zieht es einfach nicht in die Berge», sagt er. Ansonsten kennt der Linzer das Fürstentum ganz gut – «mittlerweile war ich sicher schon hundert Mal in Liechtenstein.» Dabei darf ein Besuch bei Herbert Batliner natürlich nie fehlen und ebenso gehört einer im Kunstmuseum dazu. Auch zu dem «Schwarzen Würfel» hat Klaus Albrecht Schröder eine Verbindung: «Ich war damals Teil der Jury, die sich schliesslich für diesen Bau entschieden hat.» 
Er möge Liechtenstein, sagt Schröder. «Die Beziehung zum Fürstentum ist tiefer als zu anderen Ländern.» So freut er sich auch, dass die Fürstliche Familie beschlossen hat, im Frühjahr 2019 anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums des Fürstentums auf zwei Geschossen Meisterwerke ihrer Sammlung in der Albertina zu zeigen. 
Zurück zur Reise mit Klaus Albrecht Schröder durch die Albertina: Lieblingsbild habe er keines, sagt er. «Ich bin ja nicht jeden Tag immer in der gleichen Stimmung.» Was ihn aber immer wieder aufs Neue beeindruckt, ist ein Bild von Ernst Ludwig Kirchner, zwei Frauenakte, die um 1914 gemalt wurden. Körper und Fläche stehen wie Linien und Farbe in einem expressiven Spannungsfeld. An der Wand daneben findet der Museumsdirektor eine weitere Faszination: Die Bahnhofseinfahrt in Löbau, ebenfalls vom Maler Ernst Ludwig Kirchner, das er in Dresden vor seiner Übersiedlung nach Berlin gemalt hat.

Etliche Bilder weiter bleibt Klaus Albrecht Schröder erneut vor einem Bild stehen: Landschaft mit Laternen nennt sich das eher düstere Werk, gemalt von dem Surrealisten Paul Delvaux. Eine schwarz gekleidete Frau blickt auf eine Leichenbahre in der Ferne. Die Mauern stehen sprachlos und kalt, im Winde klirren die Laternen. Klaus Albrecht Schröder mag das Bild – «Manchmal kann ich auch ganz schön melancholisch sein», gesteht der Kunsthistoriker. Weiter geht die Reise ins untere Geschoss des Museums, wo der zeitgenössische Teil der Batliner-Sammlung hängt. Pablo Picasso und Georges Braque sind zwei Maler, die die Welt der Dinge in eine völlig neue Sprache bannten. Und auch sie vermögen den Museumsdirektor zu beeindrucken, ebenso wie täglich Tausende von Besuchern der Albertina. Wie lange Klaus Albrecht Schröder die Albertina noch als Direktor führen wird, steht in den Sternen. Der Vertrag laufe Ende 2019 aus – «Nächstes Jahr werde ich mit den Verantwortlichen über meine berufliche Zukunft entscheiden.» Bis dahin wird er sich mit bestem Wissen und Gewissen für die Albertina einsetzen. «Denn ich trage eine Verantwortung – und zwar niemandem gegenüber eine so grosse wie der Kunst selbst.» (bfs)
 

26. Okt 2017 / 10:51
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