• Arno Oehri in Eschen
    Arno Oehri in seiner Ausstellung «and now this» in der Galerie Hollabolla in Eschen.  (Daniel Schwendener)

Kunst im Arno-Oehri-Stil

Egal ob Kunstausstellung, Film oder multimediale Klangperformance – es gibt nur wenige künstlerische Bereiche, in denen Arno Oehri nicht aktiv ist. Seit 40 Jahren bereichert der gebürtige Ruggeller die Kulturlandschaft Liechtensteins, sei es als Künstler, als Filmer, Musiker, Regisseur, Journalist oder Organisator. Er selbst bezeichnet sich dabei am liebsten als Multimediakünstler: «Ich bin kein Musiker oder auch kein Journalist. Ich bin bei fast allem, was ich heute tue, ein Quereinsteiger, ein Autodidakt», sagt Oehri.

Beim Gespräch fürs Porträt sitzt er inmitten seiner aktuellen Ausstellung in der Galerie Hollabolla in Eschen, zu der ihn Galerist Elmar Gangl persönlich motiviert hat. «Ich habe eine riesige Freude mit der Ausstellung, da ich solch grosse Arbeiten zu Hause nicht gleichzeitig sehen kann», erklärt er. Obwohl Arno Oehri in den letzten Jahren eher weniger als bildender Künstler in Erscheinung trat, sondern mehr als Filmemacher oder Musiker, war es das Zeichnen und Malen, das ihn in die künstlerische Richtung trieb.  
Bereits im Gymnasium hat der mittlerweile 56-Jährige regelmässig gezeichnet und gemalt. «Mich haben damals besonders die surrealistischen Plattencovers fasziniert», erzählt Oehri, sodass auch er mit solchen Tuschezeichnungen begann. Diese Technik habe er bei Ingo Ospelt zum ersten Mal gesehen. «Schnell ist bei mir der Wunsch gewachsen, das Kreative zum Beruf zu machen.» Nach der vierten Klasse wechselte der Gymnasiast an die Kunstgewerbeschule St. Gallen und besuchte dort den gestalterischen Vorkurs. «Dieser Kurs war für viele gestalterische Berufe ein Pflichtjahr.» Dabei hat sich herauskristallisiert, dass der Beruf des Grafikers gut zum jungen Mann passen würde. So startete er 1980 bei Louis Jäger die Grafikerlehre. «Mit Louis Jäger hatte ich einen sehr verständnisvollen Lehrmeister, da ich schon während der Lehre gemerkt habe, dass ich in die bildende Kunst möchte», zeigt sich Oehri dankbar. Schon während der Lehre hat er gemeinsam mit Ewald Frick einen Atelierraum in Schaan gemietet, um in der Freizeit zu malen. 
1978 hatte Arno Oehri seine erste Ausstellung im Foyer des Gymnasiums und schon wenig später war er bei einer Gruppenausstellung in der Tangente in Eschen mit dabei. Nachdem er die Lehre abgeschlossen hatte, arbeitete Oehri noch zwei Jahre als Grafiker weiter und machte sich 1986 als freiberuflicher Kunstschaffender selbstständig. Zuerst reiste er ein Jahr lang durch Lateinamerika. «Dort habe ich sozusagen die Kunstgeschichte vor Ort erlebt», erzählt der aufgeweckte Künstler. Drei Wochen durfte er auch als Hospitant an der Kunstakademie in Mexico City arbeiten. Zurück in Liechtenstein, beteiligte er sich an Performances mit Mirjam Bargetze, wodurch er erstmals in Berührung mit der Aktionskunst kam und damit auch mit der medialen Kunst. 1991 erhielt er das Werkjahr des Kulturbeirats und ging für zwei Jahre nach New York. Dort schaffte er es, in einer Galerie am Broadway eine Einzelausstellung zu bekommen. «Ich bin dort hineinmarschiert, habe meine Arbeiten gezeigt und wurde vom Fleck weg für eine Gruppenausstellung ausgewählt», erzählt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Wenig später bekam er dann seine erste Einzelshow in New York, bei der er eine Performance mit Videoprojektionen zeigte. So gelangten immer mehr mediale Mittel in seine Kunst und er entwickelte sich zum Multimediakünstler. Zu dieser Zeit hat er auch öfter Bilder verkauft und Grafikeraufträge angenommen, sodass er viel länger als geplant in New York bleiben konnte. «Damals habe ich gespürt: Jetzt könnte es für mich in den Kunstmarkt hineingehen.» Aus persönlichen Differenzen mit der Galeristin hat eine langfristige Zusammenarbeit aber dann doch nicht geklappt. Dies hat für Arno aber auch bedeutet, New York zu verlassen: «Ohne Galerist muss man sich mit mehreren Brotjobs durchschlagen, sodass man für die Kunstproduktion keine Zeit mehr hat.» Die Kunst war ihm aber schon damals wichtiger, und so kehrte er nach Liechtenstein zurück. 
Noch in New York realisierte Arno Oehri seinen ersten Film. Mit einem genauen Drehplan, dafür ohne Schnitt, erstellte er so eine Videodokumentation über sein Werkjahr. «Dies hat mir sehr gefallen, da man mit Video ähnlich arbeiten kann wie mit Bleistift», so Oehri. «Meine künstlerische Arbeit hat immer etwas Skizzenhaftes, etwas Flüchtiges.» Dabei bevorzugt er eine relativ direkte und schnelle Arbeitsweise, was sich sowohl in seinen Malereien in der Galerie Hollabolla wie auch in seinem aktuellen Film über John Abercrombie zeigt. «Für mich persönlich gibt es immer einen gewissen Stil, den Arno-Oehri-Stil.»
Kaum in Liechtenstein angekommen, erhielt der ehemalige Werkjahrstipendiat über die Galerie Matt in Mauren das Angebot, für drei Monate an einem Kulturaustausch gemeinsam mit Martin Walch im russischen Jekaterinburg teilzunehmen. Für Oehri war dies der reinste Kulturschock: «Ich bin vom absoluten künstlerischen Überangebot praktisch direkt hinter den eisernen Vorhang gekommen. Mit unserer zeitgenössischen Kunst und Performances wurden wir jedoch mit höchstem Interesse empfangen.» So kam es, dass Arno Oehri noch ein zweites Mal für drei Monate nach Russland ging. Zurück in Liechtenstein realisierte der junge Kunstschaffende 1995 sein erstes Bühnenprojekt mit dem Titel «Der Berg, das Meer und die Wunde», das Tanz, Literatur, Film und Musik kombinierte. Dieses Stück basierte auf einem halbdokumentarischen Film über eine dreimonatige Seereise auf einem griechischen Frachter mit polnischer Crew von Genua bis Buenos Aires und wurde zweimal im TAK aufgeführt. «Von da an habe ich immer wieder grössere Produktionen gemacht, für die ich Gelder akquirieren musste», erzählt Oehri. 
Das Geld allgemein ist bei Kunstschaffenden so eine Sache, die wirtschaftliche Unsicherheit ist ein ständiger Begleiter. «Die Problematik ist, dass man als Künstler in einem Beruf arbeitet, in dem man hoffnungslos unterbezahlt ist. Mit 56 Jahren immer noch jedem Franken nachrennen zu müssen, hat auch etwas mit der Würde zu tun», sagt Oehri nachdenklich. In einer Gesellschaft, in der das Monetäre an erster Stelle stehe, sei es schwierig, mit wenig Geld auszukommen. «Alles, was nicht monetär ist, hat in Liechtenstein keinen Wert», bedauert Oehri. So habe er vor ein paar Jahren eine Krise gehabt und tatsächlich ans Aufhören gedacht. «Aber das nächste Projekt hat mich einfach wieder eingeholt und ab ging die Post.» 
Mittlerweile hat Arno Oehri mehr als zehn Filme gemacht, darunter einen Dokumentarfilm über fremdsprachige Menschen in Liechtenstein und zuletzt über den Jazzmusiker John Abercrombie. Er hat in vielen Ländern der Welt Ausstellungen realisiert und dort gearbeitet. Seit 2006 ist Arno Oehri auch als Musiker aktiv, seit er mit seiner Frau Denise Kronabitter und Marco Sele das Klanglabor gründete. Mit dieser Formation hat er bereits zwei CDs herausgebracht und zahlreiche Konzerte an den unterschiedlichsten Orten gespielt. Am 10. Juni beispielsweise schafft er in seiner Ausstellung in der Galerie Hollabolla gemeinsam mit dem Gitarristen Manuel Büchel Klanglandschaften, die inspiriert sind von seinen Mallandschaften. Wie im Kunstbereich arbeitet Oehri auch im Musikalischen kreativ und spontan. Ungewöhnliche Auftrittsorte wie ein leerer Öltank oder ein Dunkelzelt vom Blindenverband gehören da ebenso dazu wie situationsspezifische Improvisationen. «Auch wenn unsere Sachen zum Teil sehr komponiert klingen, ist immer ein grosser Anteil an Improvisation dabei und eine künstlerische Strategie dahinter.» Er müsse überall kreativ sein und brauche das künstlerische Denken. «Vielleicht habe ich auch deshalb mit dem Abercrombie-Film in New York einen Preis gewonnen, weil meine Arbeitsweise ungewöhnlich ist und viele improvisatorische Anteile in sich hat.»
Ob Arno Oehri die Kunst bereits in die Wiege gelegt wurde? In seinem Elternhaus seien Kunst und Musik praktisch in-existent gewesen. Als mittleres Kind mit vier Geschwistern in Ruggell aufgewachsen, war er immer schon eher rebellisch. Auch hat er sich aufgelehnt gegen das alte Establishment, als Ende der 70er die Befreiungsbemühungen auch in Liechtenstein angelangten. «Künstler durfte man damals gar nicht werden und selbst Grafiker war noch kein wirklich ‹rechter› Job.» Zum Glück habe er ein bisschen Rückendeckung von seiner Mutter bekommen, da sie gemerkt habe, dass es nichts nützt, ihn ins KV zu zwingen, was der Berufsberater für ihn vorgeschlagen hatte. Bei seinen ersten Ausstellungen hätten sich seine Eltern eher geschämt als gefreut, erzählt er. «Keine Ahnung, warum die Kunst bei mir so nach vorne drängte und warum ich das heute noch mache, denn wirtschaftlich lohnt sich es nicht. Aber abgesehen vom Wirtschaftlichen ist es der geilste Job, den man machen kann.»
Derzeit arbeitet Arno Oehri an einem Spielfilmprojekt mit dem 81-jährigen Klaus Henner Russius und mit Sandra Sieber. Der für Herbst 2019 geplante Film handelt von einer Beziehungsgeschichte zwischen Vater und Tochter und spielt in Liechtenstein. Momentan befindet sich das Projekt in der Finanzierungsphase und der Drehvorbereitung. Die Arbeit geht Arno Oehri also nicht so schnell aus. Ob sein Sohn nun auch in seine Fussstapfen tritt? Arno lacht und verneint: «Der beginnt nun bald eine KV-Lehre.» (mk)
 

25. Mai 2018 / 06:00
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