• Irena Antunovic in Vaduz
    Irena Antunovic ist stolz auf ihre Körperkunst – gaffende Blicke verunsichern sie nicht, wie die Architektin im Gespräch sagt.  (Daniel Schwendener)

Das Tagebuch unter der Haut

«Anfangs war es eine Sucht, mittlerweile wurden die Tattoos und ihre Geschichten zu meiner Lebenseinstellung», sagt Irena Antunovic. Es ist nun elf Jahre her, seit sie sich ihre erste Tätowierung stechen liess. Gefolgt sind nun einige Motive mehr. Ihr Ziel: Am ganzen Körper komplett tätowiert zu sein. Welche Geschichten sich hinter ihren Tattoos verstecken, erzählt die 35-Jährige und gibt somit quasi einen Einblick in ihr besonderes Tagebuch.

Die Überraschung ist Irena Antunovic gelungen, als sie ihre schwarze Lederjacke auszog. Zum Vorschein kamen zwei Arme, die alles andere als blosse Haut zeigen. Es fällt auch schwer, den Blick von diesen Armen zu lassen – ein Tattoo reiht sich an das andere und bedeckt so die Haut mit Kunstwerken. Es sind alles Kunstwerke, die aus Irena Antunovics Leben erzählen. Wie ein Tagebuch – verewigt auf ihrem eigenen Körper. 

Z wie Zwillingsschwester

Der erste Buchstabe, den sie in ihr besonderes Tagebuch schreiben liess, war ein «Z». Ein Z wie Zwillingsschwester, das die beiden auf diese Weise für immer verbinden soll. Das war vor elf Jahren. «Obwohl wir dieses gemeinsame Tattoo schon viel länger geplant haben», erzählt Irena Antunovic. Sie selbst habe es gezeichnet – verschnörkelt, so dass man es eigentlich gar nicht als Buchstaben erkennt. «Soll man auch gar nicht, denn es ist unser Symbol», sagt die 35-Jährige. An einer Tattoo-Convention machten die beiden dann schliesslich Nägel mit Köpfen – oder passender: Nadel mit Tinte. Seit jenem Samstagnachmittag ziert das gemeinsame Symbol die Innenseite ihrer Handgelenke, links. 
Der letzte Buchstabe des Alphabets war sozusagen der Anfang von Irena Antunovics Lebensgeschichte, die sie nun seit elf Jahren unter ihrer Haut trägt. Die 35-Jährige gibt einen Einblick in ihr «Tagebuch» und erzählt, was es mit ihrem zweiten Tattoo auf sich hat. Auf ihrem rechten Oberarm zeigt sie auf Pokerkarten und Würfel. «Ich habe es in einer Zeit stechen lassen, in der ich Enttäuschungen von Männern einstecken musste», sagt sie. Es sollte wieder Hoffnung in ihr Leben bringen und ihr aufzeigen, dass es auch manchmal gut tut, das Spiel des Lebens nicht ganz so ernst zu nehmen und mit Optimismus nach vorne zu blicken. Gezeichnet hat sie es selbst – wie alle Tattoos, die sie auf ihrem Körper trägt. «Die Zeichnung entsteht natürlich nicht von heute auf morgen», erklärt sie. Es sei vielmehr ein Prozess, in welchem sie das Erlebte auch verarbeite. Wellen verbinden das Kunstwerk zu einem flammenden Herz, das sie auf der Unterseite ihres rechten Unterarms trägt. «Es steht für Familie», sagt sie. Diese nämlich ist Irena Antunovic heilig. Eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt für sie ausserdem die Religion – daher ziert die Oberfläche ihres rechten Unterarms die Muttergottes Maria, gezeichnet in abstrakter Form. «Es ist nicht wichtig, wann und wie oft man in die Kirche geht – vielmehr geht es darum, einen Glauben zu haben, der einem in schwierigen Zeiten Kraft und Zuversicht gibt.» Auf ihrem linken Arm geht es mit Tiefgang weiter: Ein Totenkopf, umhüllt von Rosen und Federn, soll sie daran erinnern, dass der Tod zum Leben gehört. Auch wenn dieser mit Schmerz verbunden ist. Das Gesicht einer Frau symbolisiert den «Dia de los muertos», zu deutsch der Tag der Toten, einer der wichtigsten Tage in Mexiko, an welchem feierlich den Toten gedacht wird. Die Uhr auf der Innenseite ihres Oberarms zeigt fünf vor zwölf Uhr – «ein Reminder während meiner Studienzeit, nicht immer alles auf den letzten Drücker zu erledigen», sagt die 35-Jährige, die heute als Architektin tätig ist. Ebenso bringt sie diese Zeichnung aber auch mit dem Leben wie auch dem Tod in Verbindung. Im Sinne einer Uhr, die für jedes Leben tickt und irgendwann für jeden abläuft. 

«Nicht für andere Menschen – sondern für mich»

Irena Antunovic ist eine junge Frau mit Tiefsinn. Sie lebt ihr Leben – bewusst und nie mit Angst, eine Lebenssituation zu hinterfragen. Ihre Tattoos lässt sie jeweils in Schwarz stechen. «Farbe finde ich bei anderen Menschen schön, zu mir passt sie allerdings nicht», sagt sie. «Ich würde mich wie ein bunter Papagei fühlen», schmunzelt sie. Irgendwie eigenartig – fällt sie mit ihren Kunstwerken auf der Haut doch ohnehin in der Gesellschaft auf. Was sie eigentlich gar nicht bezwecken möchte, wie sie sagt. «Ich bin ein sehr zurückhaltender Mensch», beschreibt sie einen ihrer Charakterzüge. Klar würden sie die Menschen auf der Strasse anschauen – manchmal geradezu anglotzen. «Daran habe ich mich allerdings gewöhnt und mit den Blicken komme ich ganz gut klar.» 
Mit den Armen ist das Tagebuch natürlich noch nicht fertig – weiter geht es seitlich ihrem Rumpf entlang mit einem Portraitbild von Frida Kahlo, eine berühmte mexikanische Malerin. «Diese Frau war bekannt für ihre Taffheit», sagt Irena Antunovic. Eine Eigenschaft, die sie im Alltag leben möchte. 
Auf ihrem rechten Oberschenkel sind zwei Gesichter gezeichnet: Ein lachendes und ein weinendes. «So, wie auch das Leben spielt: Manchmal ist einem zum Lachen, dann wieder zum Weinen. Und manchmal weiss man vor lauter Emotionen gar nicht, wozu einem zumute ist.» Emotional ist für die 35-jährige Architektin die Hand auf ihrem linken Oberschenkel, die einen Rosenkranz hält. «Sie steht für meine verstorbenen Grosseltern», erzählt Irena Antunovic. Sie schmunzelt: «Meiner Nana hätte es gefallen», ist sie überzeugt. Ihr Neni hätte selbst eines gehabt – «auf der Brust, aber es war eher eine Jugendsünde.» 
Ihre Tattoos hingegen sind bewusst gewählt – wie auch die beiden abstrakt gezeichneten Portraitbilder ihrer Eltern, die jeweils das linke und rechte Schienbein zieren. Oder der kleine Diamant hinter ihrem rechten Ohr – «nachdem mich ein Mann enttäuscht hatte, liess ich mir diesen Diamanten stechen, um mich daran zu erinnern, dass ich Besseres verdient habe.» 
Noch gibt es bei Irena Antunovic Hautstellen, die nicht bedeckt sind. «Irgendwann wird es diese aber nicht mehr geben», sagt sie. Bis auf das Gesicht wolle sie den ganzen Körper tätowiert haben. «Anfangs war es wie eine Sucht, ein neues Tattoo stechen zu lassen», sagt die Architektin. «Heute ist es eine Lebenseinstellung.» Eine Lebenseinstellung, die sie auf ihrem Körper zur Schau trägt. Ihr ist bewusst, dass dies nicht allen gefällt und sie so auch mit Vorurteilen zu kämpfen hat. «Ein Bauherr, für den ich plante, sagte einst zu mir, dass er sich anfangs schon ein bisschen erschrocken habe. Als er mich dann aber besser kennenlernte, sagte er, dass es einfach zu mir passe.» Grundsätzlich ist die 35-Jährige in ihrem Job als Architektin vorsichtig – «ich trage meist langärmelige Blusen und taste mich so an die Kundschaft erst einmal heran.» Auch bei ihren Eltern führten die Tätowierungen in der Vergangenheit schon zu Diskussionen. «Vor allem meine Mutter machte sich Sorgen.» Mittlerweile habe sie ihre Leidenschaft aber akzeptiert. Sie wird es wohl müssen, denn Irena Antunovic hat schon ihr nächstes Tattoo geplant: Bald soll der Kopf einer Frau die Haut auf ihrem Rücken bedecken, inklusive ein Bär, Füchse und Adler. «Ich bin sehr verbunden mit der Natur, so soll auch dies auf meinem Körper seinen Platz haben.» Ganz billig ist ihre Lebenseinstellung nicht – «ich weiss, wofür ich jeden Tag zur Arbeit gehe», sagt sie und lacht. Bereut hat sie aber noch keinen einzigen Nadelstich – und kein einziger Nadelstich hat ihr in der Vergangenheit je Probleme auf ihrer Haut gemacht. Irena Antunovic fühlt sich pudelwohl in ihrer Haut – auf ihre Körperkunst ist sie stolz. Zwar sehen ihr «Tagebuch» alle – «aber richtig deuten können sie meine Symbole deswegen noch lange nicht.» Nur eine Botschaft ist nicht missverständlich, die sie auf ihre beiden Fussrücken stechen liess: Stay strong – stark bleiben möchte auch Irena Antunovic. «Nicht für andere Menschen – sondern für mich.» (bfs)

27. Okt 2018 / 07:00
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