• Masters of Colors, Nendeln
    Das Mutter-Tochter-Gespann trägt auch selber Kunstwerke unter der Haut (links Sally und rechts Nadja).  (Tatjana Schnalzger)

Eine Tätigkeit zwischen Leid und Freud

Die Liechtensteiner Tattoo-Künstlerin Nadja Kranz arbeitet auf ihrem Gebiet schon seit über 30 Jahren. Nach der Eröffnung ihres eigenen Tattoo-Studios in Nendeln wuchs auch der Wunsch ihrer Tochter Sally, in die Kunst, die unter die Haut geht, einzusteigen. Das kreative Mutter-Tochter-Duo sieht jede ihrer gestochenen Tätowierungen als Kunstwerk. Bis die Tinte aber unter die Haut findet, kann der Weg sehr facettenreich sein.

Im sonnendurchfluteten Tattoostudio «Masters of colors» in Nendeln wird der Kunde beim Betreten mit Kunst übersät. Auf dem Empfangstisch liegen Tattoo-Magazine, um sich inspirieren zu lassen, an den Wänden hängen eigens von Nadja Kranz gemalte Bilder und auf einer Ablage stehen zwei aus Beton handgefertigte Totenköpfe. «Ich bin ein äusserst kreativer Mensch und liebe es, mich künstlerisch auszuleben», erklärt die knapp über 50-jährige Liechtensteinerin mit einem Lächeln. Sie habe vor einiger Zeit im Gemeindesaal in Eschen einige Bilder ausgestellt «und drei konnte ich sogar verkaufen», sagt die Tattoo-Künstlerin stolz. Ihre Tochter ermuntere sie immer wieder, eine eigene Ausstellung auf die Beine zu stellen, aber dafür sei sie momentan noch nicht bereit. 

Ein Tattoo ist kein Accessoire
Nadja Kranz eröffnete 1998 ihr eigenes Tattoo-Studio im Unterland. Davor durfte sie bei einem renommierten Vorarlberger Tattoo-Meister ein einjähriges Praktikum absolvieren. «Ich bin Franz auch heute noch überaus dankbar, dass er mir diese Chance gab», so Nadja Kranz. Zur Tattoo-Kunst fand sie durch Umwege. Nach abgeschlossener Sekundarschule und Drogistenlehre sammelte sie Erfahrungen im Detailhandel, schloss die Handelsschule ab und arbeitete im kaufmännischen Bereich. «Meine ersten Erfahrungen im Tattoo-Bereich hatte ich bereits in der Schule. Damals war es Trend sich selber die Tinte unter die Haut zu stechen», erzählt Nadja Kranz und schüttelt den Kopf. «Das könnte ich mir heutzutage nicht mehr vorstellen.» Und zwar aus folgendem Grund: Häufig würden Kunden zu ihr ins Studio kommen mit misslungenen Tätowierungen. «Jugendliche kaufen sich im Internet eine Tätowierungsmaschine sowie die Tinte und legen ohne gross zu überlegen los.» Ein schnelles, billiges Tattoo kann überaus gesundheitsgefährdend sein und schliesslich doch teuer werden. «Wir müssen öfters sogenannte ‹Cover ups› machen. Also ein Motiv mit einem neuen überstechen», erklärt die Tattoo-Künstlerin. Eine Verewigung unter der Haut sei kein Accessoire. «Deswegen legen wir unseren Kunden immer nahe, sich gut zu überlegen, was sie sich tätowieren lassen möchten», ergänzt Sally Kranz. Die 28-Jährige arbeitet seit acht Jahren an der Seite ihrer Mutter. Die kreative Ader wurde ihr in die Wiege gelegt. Sie besuchte die Kunstschule Liechtenstein und nach ihrem Schulabschluss absolvierte sie bei der Keramikwerkstatt Schädler in Nendeln eine dreijährige Keramikmalerinnen-Lehre. «Für mich ist jedes gestochene Tattoo ein Kunstwerk», erklärt Sally. Sie sei mit ihren Kunden sehr geduldig und scheue sich keine Mühe, eine Skizze mehrmals anzufertigen. Ihr erstes Tattoo stoch ihr – wie wäre es auch anders zu erwarten – ihre Mutter. Drei hübsche Blumen zieren ihr Schulterblatt. Ein Motiv, das nie aus der Mode kommt. «Rosen sowie auch Schmetterlinge, Anker oder Schriftzüge sind immer noch sehr gefragt», erklärt Sally. Diese oldschool Motive werden immer gewünscht sowie Mandalas, Maori, Taschenuhren und Kompasse mit Landkarten werden zur Zeit öfters verlangt. 

Katholischer Pfarrer gestochen
Für das Mutter-Tochter-Gespann gibt es aber auch in der Tattoo-Welt Grenzen: «Wir stechen keine rechtsradikalen Zeichen oder Symbole», so Sally. Ihre Mutter ergänzt: «Obwohl ich schon Anfragen erhalten habe, würde ich jedoch das Gesicht eines Kunden nie tätowieren.» Ihr Beruf sei extrem vielfältig. Die Frauen sind nicht nur Künstlerinnen, sondern auch teilweise Psychologinnen. «Jeder Kunde hat eine Geschichte hinter seiner Tätowierung. Während der Sitzung öffnen sie sich und erzählen aus ihrem Leben», so Nadja. Ein Erlebnis ist ihr besonders gut in Erinnerung. Sie durfte einst einen katholischen Pfarrer tätowieren. Im Gespräch erzählte er ihr von seinem Beruf. Dieser sei geprägt von Leid und Freud. Von der Taufe bis zur Grabrede. «Ich erklärte ihm, dass es bei meinem Beruf ähnlich sei. Er blickte mich erstaunt an und fragte mich, wie ich darauf käme. Ich sagte ihm, dass auch ich Geburtsdaten, sowie auch Todesdaten tätowiere. Namen von Neugeborenen sowie Verstorbenen.» Sie einigten sich, dass ihr Alltag gar nicht so verschieden sei. Sally Kranz sieht Tätowierungen auch als eine Verschönerung des Körpers. Eine Kundin hatte eine Kaiserschnitt-Narbe unterhalb vom Bauch. Sie bildete sich ein, dass die Narbe schmerzen würde und suchte Rat bei einem Arzt. «Dieser konnte sich diese Schmerzen nicht erklären», so Nadja Kranz. Die Frau kam in ihr Studio und liess sich ein Tattoo über die Narbe stechen. «Danach hatte sie nie wieder Schmerzen», erklärt sie zufrieden. Egal ob ein Tribal, ein Schriftzug oder ein Porträt des Haustiers - den Tattoo-Künstlerinnen ist es wichtig, dass sich Kunden ihren Tattoowunsch gut überlegen. Denn schliesslich soll es ein Leben lang den Körper zieren. (nb)
 

27. Okt 2018 / 07:00
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