• Algordanza: Wenn aus Verstorbenen Schmuck wird
    Kohlenstoff, Druck und Hitze machen es möglich, dass aus der Asche eines Verstorbenen ein Diamant gezüchtet werden kann.

Verstorbene als Diamant verewigt

Eine Erinnerungskultur gibt es, seit Menschen leben. Denn niemand will vergessen gehen. So gibt es Denkmäler, Museen, Archive. Die Firma Algordanza in Domat-Ems bietet eine moderne Art der Erinnerung an: Aus der Asche von Verstorbenen und ihren Haaren schafft sie einen Diamanten, sozusagen einen ganz persönlichen Erinnerungsdiamanten.

Wenn es um Erinnerungskultur geht, geht es doch um zwei Dinge: Dass wir uns einerseits darauf besinnen, was wir niemals vergessen dürfen. Andererseits wollen auch wir als Menschen selbst nicht vergessen gehen. Das war wohl schon in der ganzen Geschichte der Menschheit so. Entsprechend entstanden Archive, Dokumentationen, Museen, Denkmäler und Gedenktage. Vor 15 Jahren wurde in der Schweiz, in Domat-Ems, ein weiterer Ort der Erinnerung geschaffen. Nur wenige Meter von der Autobahnausfahrt entfernt steht sie – die Firma Algordanza. Ein Unternehmen, das Erinnerungen produziert. Von aussen wirkt der Bau unscheinbar, innen aber funkelt und glitzert es. Über 10 000 Diamanten sind hier seit 2004 schon gezüchtet worden – einzigartige Diamanten, weil sie aus der Asche und den Haaren von Verstorbenen entstehen. 
Schicksalsschläge
Durch den Eingang geht es einen schmalen Gang entlang, vorbei an zwei Büroräumen. An der Wand hängt eine Weltkarte mit den markierten Standorten in 33 Ländern, in welchen die Algordanza tätig ist. Johannesburg, Hong Kong, Singapur, Vancouver, Rom, London und Oslo sind nur einige Städte, in denen die Firma tätig ist. Inhaber Rinaldo Willy empfängt den KuL-Besuch in dem Raum, wo er auch die Angehörigen von den Verstorbenen begrüsst. Entweder nimmt er hier die Asche entgegen oder er übergibt den daraus gezüchteten und geschliffenen Diamanten. Jährlich sind es rund 1000 Urnengefässe, die an diesem Tisch übergeben und deren Asche daraus schliesslich zum Kern eines Diamanten wird. Jede Übergabe ist mit einer Geschichte verbunden, die auf ihre Art berührt. Es ist beispielsweise die Geschichte einer jungen Frau, die für sich und ihre zwei kleinen Kinder ihren an Krebs verstorbenen Mann mit einem Diamanten verewigen möchte. Oder die Geschichte eines Mannes mittleren Alters, der seine Frau infolge eines tragischen Freizeitunfalls verlor. Oder die Geschichte einer weiteren vom Schicksal gebeutelten Frau, deren Mutter, kurze Zeit darauf ihr Vater und schliesslich ihr Bruder den Kampf gegen Krebs verloren. Nicht selten ist Rinaldo Willy schon an seine Grenzen gestossen, wenn es darum geht, das Schicksal auch nur ansatzweise verstehen zu wollen. Besonders nachdenklich machen ihn auch Menschen, die ihrem Schicksal mit einer Sterbebegleitung selbst ein Ende setzen. Entsprechend habe er sich von Gesprächen mit Angehörigen mittlerweile ein bisschen zurückgezogen. Nach wie vor verlässt aber kein einziger Diamant die Firma, der bei Rinaldo Willy nicht in der Schlusskontrolle war. Nachdem der Erinnerungsdiamant geschliffen, poliert und graviert wurde, wird eine umfangreiche Dokumentation über ihn erstellt. Jeder Stein erhält ein Zertifikat, das Auskunft über die Herkunft des Kohlenstoffs, die Echtheit des Diamanten sowie weitere spezifische Charakteristika gibt. Unterzeichnet wird das Zertifikat jeweils von Rinaldo Willy. 
Selbst an Krebs erkrankt
Die gesamte Transformation ­eines Erinnerungsdiamanten dauert zwischen vier und acht Monaten und beginnt mit der Isolation des Kohlenstoffs. Wie Rinaldo Willy erklärt, gibt es zwei Kohlenstoffquellen: Asche und Haare. Zusätzlich können auch persönliche Gegenstände wie Briefe, Tagebücher oder Fotos verwendet werden. Für die Isolation des Kohlenstoffs aus der Kremationsasche ist ein mehrstufiges chemisches Verfahren notwendig. Rinaldo Willy schliesst die Türe zu diesem laborartigen Raum auf. Was auch immer zu jenem Zeitpunkt ganz genau passiert ist insbesondere für Chemiker mit Fachwissen nachvollziehbar, für Laien ist bloss sichtbar: Das Verfahren in insgesamt acht Glasgefässen, die sich aneinanderreihen, ist im Gange. 
«In einem nächsten Schritt ist die Reinheit des isolierten Kohlenstoffs weiter zu erhöhen», erklärt Rinaldo Willy, während er den Raum nebenan ansteuert. Dort wird der Kohlenstoff in einem Vakuum auf über 2600 Grad Celsius erhitzt. Daraus entsteht Graphit mit einer Reinheit von 99 Prozent. Das Graphit wird danach in eine speziel­le Wachstumszelle eingesetzt. «Diese Wachstumszelle besteht aus bis zu 25 Komponenten, die von unseren Mitarbeitern in Handarbeit hergestellt werden», so der Firmeninhaber. Die Wachstumszelle schaffe eine perfekt isolierte Umgebung für den ungestörten Wachstumsprozess des Erinnerungsdiamanten. 
Die Wachstumszelle wird schliesslich in die sogenannte HPHT-Presse eingesetzt, von denen zwölf Geräte im Gebäude nebenan stehen. Wie Rinaldo Willy erklärt, steht HPHT für High Pressure High Temperature – also hoher Druck und hohe Temperatur. Die Wachstumszelle wird in der Presse einem Druck von rund 60 000 bar und einer Temperatur von über 1400 Grad Celsius ausgesetzt – «unter diesen Bedingungen wandelt sich die Gitterstruktur von Grafit in einen Diamanten um». 
Mit der Idee eines Erinnerungsdiamanten ist die Algordanza Marktführer. Rinaldo Willy darf darauf stolz sein. Als stolz möchte er sich allerdings nicht bezeichnen – «ich freue mich, dass es so gut läuft und die Firma schon so vielen Menschen eine Freude bereiten konnte», sagt er bescheiden. Der Ursprung seiner Idee hat allerdings eine traurige Geschichte. Mit Anfang 20 ist Rinaldo Willy selbst an Krebs erkrankt. «Ich habe mir überlegt, was ich insbesondere meiner Mutter hinterlassen könnte», erzählt er. Irgendwann sei er über einen Artikel über die Zucht von Diamanten gestolpert. «Und so bin ich auf die Idee dieses Erinnerungsdiamanten gekommen.» Er habe mit einem seiner Lehrer an der HTW darüber gesprochen, so der gelernte Betriebsökonom. «Als ich wieder gesund war, ist dieser Lehrer auf mich zugekommen und hat mir angeboten, das Ding gemeinsam durchzuziehen.» 
Die Anfänge der Firma waren harzig – «jeder Rappen, der herausgeschaut hat, habe ich wieder in die Firma gesteckt.» Hinzu kommen viel Fleiss und Mühe – mit dem Ergebnis, dass sich die Algordanza schnell zu ­einem stetig wachsenden Unternehmen gemausert hat. Während der Kundenstamm früher vor allem aus ­Angehörigen von Menschen bestand, die an ­einem Herzinfarkt, einem Hirnschlag oder infolge eines Unfalls verstorben sind, seien es heute vorwiegend Krebspatienten, die ihren Angehörigen ein Stückchen diamantene Erinnerung schenken wollen. 
Bezaubernde Art des Gedenkens
Zweifelsohne: Der Diamant ist eine ganz besondere Art des Abschieds und der persönlichen Erinnerung an einen geliebten Menschen. «Mit grösster Sorgfalt, Wertschätzung und Diskretion ermöglichen wir eine neue, bezaubernde Art des Gedenkens», so Rinaldo Willy. Ob er sich als Inhaber dieser Firma auch einmal vorstellen könnte, selbst zu einem Diamanten zu werden? «Eine Frage, die mir oft gestellt wird», sagt Rinaldo Willy. Egal wie sehr ihm selbst dieser Gedanken aber gefalle – «im Endeffekt muss dies meine Familie entscheiden und damit umgehen», so der zweifache Familienvater. Geht es nach seiner fünfjährigen Tochter, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass auch Rinaldo Willy einmal zu einem diamantenen Erinnerungsstück wird. Sie sage oft zu ihm: «Papa, gell aus dir wird mal ein Diamant!» Er schmunzle dann jeweils und sage: «Jaja ... aber lass mir bitte noch ein bisschen Zeit!» (bfs)

 

28. Nov 2019 / 15:39
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