• Fabian Flückiger, Vaduz
    Ein regelmässiger Austausch mit Kunstschaffenden ist für den Junior Curator ein wichtiger Arbeitsauftrag.  (Tatjana Schnalzger)

«Ein schöner Lohn nach intensiver Arbeit»

Der gebürtige Berner Fabian Flückiger hat sich als Jung-Kurator in Liechtenstein einen Namen gemacht. Der Weg ins Kunstmuseum führte den 31-Jährigen jedoch über mehrere Stationen nach Vaduz. Die vielseitige Arbeit und seine Leidenschaft zur Kunst sind dabei zentral.

Von Nathalie Bagnoud

Herr Flückiger, Sie arbeiten seit knapp vier Jahren im Kunst­museum Liechtenstein, seit letztem Jahr als Junior Curator. Wie gestaltete sich Ihre bisherige berufliche Laufbahn? 
Fabian Flückiger: In meiner Jugend führte mich das Interesse an der Fotografie zur zeitgenössischen Kunst und später zu einem Kunststudium in Lausanne und Zürich. Nach meiner Erstausbildung als Grafiker war ich im Zentrum Paul Klee in Bern an den Vorbereitungen einer grossen Ausstellung über Klee und Picasso beteiligt. Während der Studienzeit wurde mir klar, dass die kunstinstitutionelle Arbeit das ist, was ich auch in Zukunft machen will. Dies führte mich vor dem Stellenantritt in Vaduz zu Engagements in der Kunst Halle Sankt Gallen und im Musée d’art moderne et contemporain in Genf.  

Am 22. Februar wurde im Kunstmuseum die Ausstellung «Nora Turato. explained away» offiziell eröffnet. Es ist die erste umfassende Museumsausstellung der in Amsterdam lebenden Künstlerin Nora Turato. Sie sind der Ausstellungskurator – wie sind Sie auf die Künstlerin aufmerksam geworden? 
Die Arbeit von Nora Turato habe ich über eine längere Zeit verfolgt, ohne sie persönlich gekannt zu haben. In Palermo sah ich erstmals eine ihrer Performances, bei welcher mich ihr Umgang mit Sprache und die Kraft des Auftritts stark beeindruckt hatten. Enttäuschend war, dass sie von international bekannten Museen und Kunsthallen «nur» als Performance-Künstlerin eingeladen wurde, obschon ihr Werk deutlich mehr zu bieten hat. Meine Begeisterung, mit einer jungen Künstlerin meiner Generation eine Ausstellung umzusetzen, die ihrem vielschichtigen Werk gerecht wird, fiel mit der Möglichkeit zusammen, sie für die Reihe im Kunstmuseum Liechtenstein ein­zuladen, welche jungen Künst­lerinnen und Künstlern eine erste institutionelle Ausstellung ermöglicht. Das entgegengebrachte Vertrauen der Leitung des Kunstmuseums Liechtenstein, mit einer Künstlerin mit Jahrgang 1991 ein Projekt dieser Dimension umzusetzen, schätze ich enorm.

Wie ging der Prozess danach weiter?  
Kurz nach der Einladung für die Einzelausstellung stoppte Nora Turato auf dem Weg von Zagreb nach Amsterdam in Vaduz, damit sie die Ausstellungsräume erstmals sehen konnte. Es begann ein lebendiger Dialog. Wir tauschten uns teilweise mehrmals täglich über unsere Ideen aus. Es lag auf der Hand, bei ihrem konzeptuellen Werk für die Ausstellung alle Werke neu und vor Ort zu realisieren. Die Skulpturen bekamen wir als 3-D-Datei, die wir mit einer Schlosserei und Schreinerei in Schaan materialisierten. Für die Ausstellung entstanden vier «kritische Umgebungen», die Verbindungen zum privaten oder öffentlichen Raum herstellen. Es geht um Rollenbilder, Konsum, Neoliberalismus und «gemeine» Architektur, aber auch um Stilmittel der online zirkulierenden Sprache. Tu­rato spielt mit einem bestimmten Klang, Wortwitz und Rhythmus in ihren Arbeiten. Diese Prosa und ihr Umgang mit Skulptur, Malerei, Performance und Video werden wir als Phänomen in ein paar Jahren nochmals anders verstehen.  

Wie einfach war der Kontakt und der Austausch mit der Künstlerin? Wo ist Ihr Aufgaben-bereich und wie viel darf der oder die Kunstschaffende mitentscheiden? 
Ohne eine gute Kommunikation wäre ein Projekt dieser Grösse in dieser Konsequenz nicht umzusetzen. Wie sich die Zusammenarbeit gestaltet und die verschiedenen Charaktereigenschaften zusammengehen, weiss man im Voraus nie. Das ist ein Abenteuer, bei dem beide voneinander lernen können. Die Zusammenarbeit mit Nora war hervorragend. Dazu gehören direkte Gespräche und Meinungsverschiedenheiten. Unsere Aufgabenbereiche unterscheiden sich stark. Kunstschaffende repräsentieren ihr eigenes Werk. Das gilt es in dem vorhandenen Potenzial zu unterstützen und ansprechende Umsetzungsmöglichkeiten in den Ausstellungsräumen zu finden. Kuratoren arbeiten mit historischen und gegenwärtigen Positionen, konzipieren thematische und monografische Präsentationen. Nebst den konzeptionellen und organisatorischen Aufgaben kommt dazu, eine Ausstellung in Sprache zu fassen und einem Publikum auf verschiedenen Ebenen zu vermitteln. 

Was macht Ihr Job für Sie persönlich so spannend?  
Man hat das Privileg, sich ständig mit neuen Inhalten zu beschäftigen und mit vielen interessanten Menschen in Kontakt zu treten. An einem Tag während der Vorbereitungen war ich im Gespräch mit meinen Teamkollegen, mit der Künstlerin, einem Autor aus Ljubljana, dem Schreiner in Schaan und der holländischen Botschafterin für Liechtenstein und für die Schweiz. Mit allen spricht man über etwas Konkretes der Ausstellung. Mit diesem bunten Mix von Leuten am Abend der Vernissage vor Ort zu sprechen, ist dann ein schöner Lohn nach intensiver Arbeit.

Welches Projekt beschäftigt Sie zukünftig?
Die Publikation zu «Nora Turato. explained away» gibt noch einiges zu tun. Ende März und Mai finden weitere Performances hier im Kunstmuseum statt. An der ETH in Zürich sind Nora Tu­rato und ich zu einem Vortrag eingeladen. Demnächst findet eine Führung mit Thomas D. Trummer, dem Direktor des KUB, und mir statt, dies am 7. April um 11 Uhr. Kleinere und umfangreichere Aufgaben für kommende Ausstellungen und Publikationen sind in Arbeit. Am 11. April ist dann schon die Eröffnung der Ausstellung des Fotografen Thomas Struth im Dialog mit Werken der Hilti Art Foundation.
 
«Im Kunstmuseum wird Liechtensteiner Kunst zu wenig Platz gegeben.» Was sagen Sie persönlich zu dieser Aussage? Haben Sie diese Rückmeldung auch schon erhalten?
Ich habe diese Kritik persönlich nie gehört. Das Museum hat als Nationalgalerie einen anderen Bildungsauftrag als beispielsweise der Kunstraum Engländerbau. Ich kann Ihre Frage vielleicht so beantworten, dass bei «Nora Turato. explained away» wunderbare Werke von den Liechtensteinerinnen Regina Marxer und Anne Marie Jehle aus der Sammlung des Kunstmuseums Liechtenstein einbezogen sind. In der aktuellen Sammlungspräsentation im Seitenlichtsaal sind zwei tolle Malereien der liechtensteinischen Künstlerin Beate Frommelt zu sehen. Es finden immer wieder Ausstellungen mit einem lokalen Bezug statt, wie etwa die grosse Ferdinand-Nigg-Ausstellung vor drei Jahren, Ausstellungen zu den Sammlungen Altmann oder Monauni, Gastspiele von Demenz Liechtenstein, der Triennale visarte.liechtenstein und viele mehr. Zudem sind uns lokale und regionale Kooperationen ein grosses Anliegen und werden auch so gelebt. Ich denke, die Bevölkerung in Liechtenstein kann stolz auf ihr international renommiertes Kunstmuseum sein, das so vielseitige, lebendige Projekte und Kooperationen bieten kann.
 

28. Mär 2019 / 17:27
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