• Operette Vaduz 190121
    Regisseurin Astrid Keller: «Ich versuche die Geschichte so zu gestalten, dass sie die Leute heute bewegen wird.»

«Emanzipatorisches Motiv hat das Feuer entfacht»

Astrid Keller führt die Regie über die aktuelle Operetten-Produktion «Der Bettelstudent». Das Libretto habe sie schon beim ersten Lesen begeistert, sagt die Regisseurin. Vor allem das Thema der sexuellen Belästigung sei für sie als Operettenstoff erstaunlich gewesen.

Interview: Bettina Stahl-Frick


Frau Keller, Sie sind die erste Frau, welche die Regie einer Liechtensteiner Operetten­inszenierung übernimmt – herzliche Gratulation erst einmal. Wie ist es denn zu dieser Zusammenarbeit gekommen?
Astrid Keller: Herzlichen Dank! William Maxfield hat meine Inszenierung «Kasimir und Karoline» von Ödon von Horvath im Seeburgtheater gesehen. Vorher kannten wir uns aber schon über Leopold Huber bei dem ich in «My fair Lady» vor drei Jahren hier in Vaduz die Missis Higgins gespielt habe. Und so kam es schliesslich zur Zusammenarbeit. 

Der Bettelstudent ist eine Operette in drei Akten. Wie haben Sie sich der Geschichte angenähert?
Das Libretto hat mich schon beim ersten Lesen begeistert. Die verarmte adlige Laura Nowalska wehrt sich gegen die Übergriffe des Machthabers. Das Thema der sexuellen Belästigung ist als Operettenstoff erstaunlich. Ebenso das emanzipatorische Motiv der Frau, die sich wehrt. Das hat mein Feuer für das Stück entfacht.

Die Geschichte dreht sich um die Liebe, um Gewissensbisse und Enttäuschungen ... welchen Charakter macht für Sie die Geschichte aus?
Es gilt, die Balance zu halten zwischen Komik und Ernst. Wir haben hier drei Zeitebenen in einem Stück vereint. Ebene eins: Die spannende, mit ziemlich witzigen Dialogen gespickte Handlung spielt 1704 in Originalkostümen. Ebene zwei: Die Entstehungszeit 1882, in der Millöcker das Werk komponierte mit viel schmelzender Wiener Musik  (der einzige polnische Einfluss ist der Mazurkatanz). Ebene drei: Unsere Aufführungszeit 2019 hier in Vaduz mit einem Thema, das über die «Me Too»-Debatte ziemlich aktuell ist.
Bleiben wir noch kurz auf der zweiten Zeitebene: Der Bettelstudent wurde 1882 in Wien uraufgeführt.

Inwiefern haben Sie die Dramaturgie entstaubt?
«Ach, ich hab sie doch nur auf die Schulter geküsst» – das singt Gouverneur Ollendorf ziemlich am Anfang des Stückes. Wie es wirklich war, sehen Sie bei uns während der Ouvertüre! Ich versuche die ganze Geschichte so zu gestalten, dass sie die Leute heute bewegen wird. Ich nehme die Situationen ernst. Eine grosse Hilfe ist die grandiose Musik. Ich krieg jetzt schon Gänsehaut, wenn ich das Rachefinale im 
2. Akt mit den wunderbar starken Stimmen der Solisten, dem 50 köpfigen Chor und dem Liechtensteiner Sinfonieorchester höre.

Apropos Wien: Dort haben Sie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst – am «Max Reinhardt-Seminar» – Ihre Schauspielausbildung absolviert. Was hat Sie ursprünglich in die Welt der Kunst geführt?
Die Literatur! Es war die Idee, Texte zum Leben zu erwecken. Ich erinnere mich, wie ich mit zwölf Jahren in der Schule ein Gedicht vorzutragen hatte. Es mit den richtigen Emotionen und Gedanken zu interpretieren, das hat mich damals schon sehr beglückt. Einen Text habe ich immer erst dann wirklich verstanden, wenn ich ihn mir zu eigen gemacht habe, das heisst: in mein Innerstes aufgenommen habe. Auswendig lernen ist dabei nur die Oberfläche. Manchmal finde ich in meinem Leben für Empfindungen nicht die richtigen Worte und dann gibt es Dichter, die mir aus der Seele sprechen.

Verschiedene Engagements führten Sie ans Wiener Burgtheater, an das Stadttheater St. Gallen, nach Bern und Konstanz sowie ans Schauspielhaus Zürich. Mittlerweile spielten Sie über 150 Rollen am Theater, im Fernsehen und Filmen. Was war Ihre Lieblingsrolle?
Oh, da gibt es einige: Gelsomina in «La Strada», der Teufel in der «Schwarzen Spinne» von Gotthelf, alle Horvathfrauen, die ich gespielt habe. Das Schöne an diesen Rollen ist, so viele Leben gelebt zu haben. Und eigentlich versuche ich immer im Moment zu leben, also jede Rolle, auch die der Regisseurin, im Moment voll auszuschöpfen.

Später führten Sie in diversen Produktionen Regie. Wo fühlen Sie sich wohler: Auf der Bühne oder ziehen Sie die Fäden lieber im Hintergrund?
Die Frauenrollen werden mit dem fortschreitenden Alter spärlicher, deswegen ist es gut in diesem Beruf ein zweites Standbein zu haben. Ich habe nie angestrebt, Regie zu führen und bin ziemlich erstaunt darüber, wieviel Spass es mir macht für eine ganze Produktion verantwortlich zu sein.

Vor welche Herausforderung stellte Sie der Bettelstudent?
Die grösste Herausforderung war für mich bei dieser Produktion der Probenplan. Wir haben viele Sänger aus der Region, die daneben noch täglich unterrichten müssen und andere Profisänger, die in München, Amsterdam, und weiteren Städten Operntermine haben. Mit diesen vielen Absenzen einen Probenplan zu erstellen, der auch für mich eine gewisse dramaturgisch sinnvolle Abfolge ergibt, war eigentlich unmöglich. Also habe ich drei Wochen lang kreuz und quer durch das Stück geprobt. In den letzten beiden Probenwochen ist zum Glück jedoch alles zusammengewachsen.

Inwiefern haben Sie einen persönlichen Bezug zum Stück?
Laura spricht mir aus dem Herzen, ich hätte in ihrer Situation genauso gehandelt. In meiner Schauspielerkarriere haben natürlich auch Intendanten sowie Agenten versucht, mich mit ihrer Macht zu beindrucken. Ein sehr berühmter älterer Schauspieler, den ich in meinem ersten Film in Wien kennengelernt habe, wollte mir sogar eine Wohnung einrichten und mir einreden: «Mädele, in unserem Beruf läuft alles übers Bett.» «Das glaube ich nicht», war meine Antwort, die sich bis heute für mich bewahrheitet hat.

Am Freitag ist Premiere: Auf einer Skala von 0 bis 10, wie nervös sind Sie und was tun Sie dagegen, um die Nerven im Griff zu behalten?
Bis zur Premiere habe ich alles in der Hand, nach der Generalprobe gehört die Aufführung den Menschen auf der Bühne und den Zuschauern. Ich kann mich nur noch freuen oder ärgern, also kann ich an der Premiere nur noch mit verschwitzten Händen  zuschauen, mitfiebern und Daumen halten.

Alle Spieldaten und Kartenreservationen unter www.operette.li
 

25. Jan 2019 / 06:00
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