• 20200116 Interview Philipp Fankhauser
    Philipp Fankhauser rennt dem nächsten Nummer-eins-Hit nicht hinterher. Er macht einfach das, was ihm passt.  (Nils Vollmar)

«Früher haben wir Musik gespielt, heute spielen wir mit ihr»

Blues-Musiker Philipp Fankhauser sitzt auf dem Sofa in seinem Musikzimmer in der Nähe des Zürcher Flughafens. An den Wänden hängen Gitarren, goldene Schallplatten und Alben sogenannter Blues-Originale. Fankhauser ist seit gut 34 Jahren im Musikbusiness. Er hat sich dem Blues, der «authentischen Musik», wie er sagt, schon vor vielen Jahren verschrieben und bereut das bis heute nicht. Obwohl er sich manchmal wünscht, noch etwas anderes im Leben gemacht zu haben.

Von Julia Kaufmann

Sie sind schon seit gut 34 Jahren im Musikbusiness. Wie haben Sie und die Musikbranche sich verändert?
Philipp Fankhauser: Mit der Erfahrung und durch das Älterwerden habe ich mit meiner Band eine wunderbare Routine entwickelt. Damit möchte ich allerdings nicht sagen, dass wir abgebrüht sind. Vielmehr ist es eine Routine, dank der wir schon bevor wir die Bühne betreten wissen, dass der Abend gut werden wird. Wir brauchen uns vor einem Auftritt nicht zu fürchten. Im Gegenteil. Wir warten nur darauf, wieder live auftreten zu können. Vor 20 oder 25 Jahren haben wir Musik gespielt, jetzt spielen wir mit ihr. Jemand hat einmal zu mir gesagt, dass Blues wie Rotwein sei: Je älter, desto besser. Über 30 Jahre Erfahrung zu haben ist auch ein Vorteil in diesem Geschäft, obwohl es sich in den letzten Jahren sehr verändert hat. Diesem Wandel versuche ich aber kein allzu grosses Gewicht zu geben. Ich habe nicht das Gefühl, mich verändern zu müssen, und gehe relativ unbeirrt meinen Weg.  

Würden Sie die Aussage, dass früher alles besser war, unterschreiben? 
Das sage ich ab und an. Für gewisse Dinge gilt das auch. Für anderes wiederum nicht. Ich glaube, das sieht jede Generation so. In 
30 Jahren werden vielleicht auch Sie auf diesen Moment zurückblicken und dasselbe sagen. Oft werden Erlebnisse mystifiziert oder glorifiziert. Das Negative, was man erlebt hat, geht gerne vergessen. Insofern bin ich überzeugt, dass wir in einer guten Zeit leben. 

Was würden Sie Ihrem 20-jährigen Ich heute mit auf den Weg geben?
Wahrscheinlich würde ich ihm raten, nicht nur auf die Musik zu setzen. Der 20-jährige Fankhauser soll nicht vergessen, gute Bücher zu lesen, Museen zu besuchen und mehr Allgemeininteressen zu haben. Ich merke manchmal, dass ich eine Monokultur betreibe und von vielen anderen Dingen im Leben keine Ahnung habe. Während 24 Stunden täglich besteht mein Lebensinhalt darin, auf die Bühne zu gehen und Musik zu machen. Zwischendurch ist das langweilig, weil meine Gedanken ständig um dieselben Themen kreisen. Glücklicherweise bin ich sehr viel unterwegs. Das kompensiert die Langeweile. Trotzdem spiele ich in der Fantasie ab und zu damit, zum Beispiel Rosen oder Pferde zu züchten.  

Den konkreten Gedanken, Reissaus zu nehmen, hatten Sie aber nie? 
Der Gedanke kommt mir immer wieder. Aber am Ende lässt mich die Musik dann doch nicht los.

Weil Sie es einfach zu sehr lieben, auf der Bühne zu stehen.
Jedes Konzert, jedes Publikum, jeder Abend und jeder Ort ist anders. Ich kann vier Mal innerhalb eines Jahres im selben Lokal spielen und es ist trotzdem nie dasselbe. Darum wird es nicht abgedroschen. Ja, wir sind routiniert, aber wir «rotzen» unsere Setliste nicht einfach runter. Ich liebe es, mit dem Publikum zu kommunizieren. Davon habe ich auch nach etwa zweieinhalbtausend Konzerten noch nicht genug. Äusserst selten kommt es vor, dass mir ein Konzert kein Spass macht. 

Wieso haben Sie sich überhaupt dem Blues verschrieben? 
Das hat wohl mit meiner Persönlichkeit zu tun. Blues ist eine sehr positive Musik, gleichzeitig aber auch unglaublich melancholisch, verloren, fragend und verzweifelnd. Diese Mischung der Gefühle macht es aus. Willie Dixon, ein Blues-Komponist und -Bassist aus Chicago, hat einst gesagt, dass der Blues «the true fact of life» sei. Das hat mich fasziniert. Die Musik ist authentisch. Nichts ist aufgesetzt, Blues will niemandem gefallen. Seine Wurzeln gehen auf ein afro-amerikanisches Erbe zurück, das ich als weisser Schweizer bestenfalls ausgeliehen habe. Ich versuche dem den höchsten Respekt zu zollen. Deshalb singe ich weder über Baumwollfelder noch über soziale Probleme oder dass ich kein Geld habe. Das bin nicht ich.
  
Dann sind die Geschichten, die Sie erzählen, von Ihrem Alltag inspiriert? 
Sie haben mit mir zu tun und sind authentisch. Ich singe aber nicht nur eigene Songs, sondern wähle auch Covers, die zu mir passen. Letztens hat mir jemand eine E-Mail geschrieben. Der Absender sei nach 35 Jahren Ehe von seiner Frau verlassen worden. Das Cover «You’ve got to hurt before you heal» habe ihm Kraft gespendet. Meine Musik scheint die Leute zu berühren. Sie besuchen die Konzerte, um die Geschichten zu hören. Es geht nicht immer nur um die Solos, die blinkenden Lichter und Rauchsäulen der Bühnenshow. Es steckt mehr dahinter. Wenn ich Schweizerdeutsch singen würde, könnte ich wahrscheinlich noch mehr Menschen erreichen.

Wie der Blues wollen auch Sie niemandem unbedingt gefallen. 
Ich habe immer schon das gemacht, was mir passt. Ich schreibe keinen Song mit der Frage im Hinterkopf, wie erfolgreich er wohl sein wird. Klar hat man gerne Erfolg. Auch zu einem Nummer-eins-Album sagt man nicht nein. Aber es muss nachhaltig sein. Einfach schnell schnell für ein paar Monate einen Hit landen, Hallen füllen, um dann wieder vergessen zu gehen, ist nicht mein Ding. Wir sind immerhin im 34. Jahr. Natürlich gab es auch Zeiten, in denen es nicht so gut lief. Manchmal ist man ein wenig unter dem Radar, dann wieder sehr präsent. 

Das ständige Unterwegssein ist bestimmt auch anstrengend.
Das ist es und es wird im Alter auch nicht einfacher. Mit 20 Jahren hatte ich weniger Mühe, allerdings mussten wir damals die Vorbereitungen auf der Bühne selbst treffen. Heute haben wir dank dem grösseren Erfolg eine bescheidene Crew von zwei Leuten. Beide sind schon über zehn Jahre dabei und bereiten alles für uns vor. Wir müssen nur noch den Soundcheck machen und das Konzert spielen. Auf der Bühne merke ich zum Glück noch keinen Energieschwund und nach den Konzerten unterschreiben wir nach wie vor traditionell Alben, CDs, LPs und Kassetten.

Lassen sich CDs und Kassetten überhaupt noch gut verkaufen?
Die sind sehr gefragt. Die Aussage, dass der Markt am Boden sei und neue Zeiten angebrochen seien, muss man relativieren. Wir haben knapp neun Millionen Einwohner. Manche davon sagen, dass der CD-Markt gestorben ist. Das mag wohl für diese paar 100 000 Trendigen so sein. Aber es gibt immer noch ein paar Millionen da draussen, die ein Album in der Hand zu schätzen wissen. Musik auf dem Smartphone ist einfach nicht sexy und klingt nicht gut. Daher glaube ich, dass es CDs, LPs und all das noch viele Jahre geben wird.


Wo sehen Sie Ihre Musik in weiteren 20 Jahren? 
Ich habe im Alter von 20 Jahren einmal gesagt, dass ich, bis ich 80 bin, Musik machen will. Das wäre in etwa 25 Jahren. So lange hoffe ich, in meinem Garten aus Blues, Soul, Country und ein wenig Jazz weiter gärtnern zu können und wer weiss, vielleicht noch einmal etwas mit Mundart zu machen. Sicher ist, dass ich mich nicht von dieser Musik verabschieden werde und eine völlig andere mache. Denn das könnte ich gar nicht.  

Hören Sie privat auch nur Blues, Jazz und Country-Musik?
Ich höre tatsächlich sehr viel Black Music und Soul Music. Das Radio schalte ich so gut wie nicht mehr ein. Für gute, handgemachte Musik habe ich trotzdem immer ein offenes Ohr. 
 
Würden Sie digitalgenerierte Lieder überhaupt als Musik bezeichnen? 
Aus meiner Sicht nicht, aber das ist nicht relevant. Es ist vermutlich wieder so ein Generationen-Ding. Unsere Grossväter haben die Songs der Beatles auch nicht als Musik bezeichnet. Aber wenn man es etwas objektiviert, hatten die Beatles durchaus mehr Qualität als diese computergenerierten Songs von heute. Falls ich doch einmal Radio höre, ist bei solchen Liedern direkt wieder Schluss, obwohl ich nicht infrage stelle, dass ein Song ohne echte Instrumente kreativ und kunstbehaftet sein kann. Ich setze aber auf handgemachte Musik. Höre lieber echte Drums und echte Gitarren. Die Chartsongs werden im Studio oft nachbearbeitet. 

Das ist bei Ihrer Musik nicht so.
Auf unseren Platten steht zum Teil «what you hear is what we recorded». Im Sinne von: Das, was aus dem Lautsprecher kommt, ist das, was wir in die Mikrofone gespielt haben. Klar macht man ab und an die eine oder andere Korrektur. Aber bei ganz vielen Stücken sind auch kleine Ungereimtheiten zu hören. Beispielsweise, dass dem Schlagzeuger der Schlagzeugstock heruntergefallen ist. Das haben wir nicht bearbeitet, weil wir es live eingespielt haben und der Moment echt war. Die Aufnahmen kommen aus keiner Konserve und das finde ich wichtig. 

Hat diese Authentizität zu Ihrem Erfolg beigetragen? 
Bestimmt. An Konzerten gibt es keine bösen Überraschungen, weil wir etwa wie auf den Platten klingen. Es gibt viele, die mehr als einmal unsere Konzerte besuchen und sagen, dass es jedes Mal gut, aber etwas anders war. Es läuft nichts auf Knopfdruck mit, das immer gleich klingt. An einem Abend ist das Tempo schneller, am anderen etwas langsamer. Die Geschichten sind anders und wir machen auch kleine Fehler. Deshalb ist es stets ein Abenteuer. Das spüren die Leute und sie sollen es auch mitbekommen. 

Sie waren auf Europatourneen und haben in den USA gespielt. Wo soll es noch hingehen? 
Wir versuchen, weitere Gebiete in Europa aufzutun. Als weisser Bluesmusiker aus der Schweiz ist es aber oft schwierig. Anders wäre es, wenn ich schwarz wäre und aus Chicago käme. Dann hätte ich viel bessere Chancen in Europa, ganz gleich, wie gut ich wäre. Hierbei handelt es sich um eine Art des umgekehrten Rassismus. Den ich nachvollziehen kann. Ich höre mir auch lieber die «Originale» an. Das Schöne ist aber, wenn wir einmal an einem Ort gespielt haben, holt man uns manchmal wieder zurück. Wir müssen uns zuerst live beweisen. Es scheint, dass die Alben als Referenz allein nicht ausreichen. Das ist mühsam. Aber wir haben noch 25 Jahre Zeit, um uns in diesen Ländern zu etablieren. 

War Ihnen von Anfang an bewusst, dass Sie als Weisser nicht die besten Karten haben? 
Ja, das war immer schon so. Die Originale sind B. B. King, Albert King und wie sie alle hiessen. Dieser umgekehrte Rassismus hat auch eine Geschichte: Elvis Presley hat Songs der Schwarzen genommen und Millionenhits daraus gemacht. Die schwarzen Songwriter wurden für ihre Arbeit allerdings nie anständig bezahlt. Der Weisse hat schlechte Eindrücke hinterlassen. 

30. Jan 2020 / 16:07
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