• Friedemann Malsch, Vaduz
    Friedemann Malsch wird im Sommer 2021 in Pension gehen. Der Kunst wird er treu bleiben.  (Tatjana Schnalzger)

Nie der Routine verfallen

Nach insgesamt 21 Jahren als Gründungsdirektor des Kunstmuseums Liechtenstein und zuvor vier Jahre als Konservator der staatlichen Kunstsammlung wird sich Kunsthistoriker und Kurator Friedemann Malsch im Sommer 2021 in die Pension verabschieden. Doch bis es so weit ist, gibt es im letzten vollen Jahr noch einiges zu tun. Wehmütig ist Friedemann Malsch in Anbetracht seines Ausscheidens nicht. Er legt grosses Vertrauen in seine Nachfolge und sieht den Generationenwechsel mit neuen Perspektiven verbunden.

Das Coronavirus war für den Alltag einschneidend. Inwiefern auch für das Kunstmuseum?
Friedemann Malsch: Die Situation ist sehr ungewöhnlich. Dass das öffentliche Leben weitestgehend eingefroren wird, habe ich noch nie erlebt. Auf das Kunstmuseum bezogen, ist es so, dass wir – wie alle Museen – mit einer langfristigen Perspektive arbeiten. Da sind die zwei Monate der Schliessung nicht so wahnsinnig viel. Die Ausstellungsplanung machen wir bereits zwei oder drei Jahre im Voraus und auch bei der Arbeit mit der Sammlung ist ein langfristiger Denkansatz entscheidend. Am einschneidendsten war, als plötzlich niemand mehr ins Museum kommen durfte. Den Menschen die Kunst nicht zeigen zu können, hat uns am meisten geschmerzt. Auch dass das Team nicht mehr zusammensitzen konnte, war etwas ganz Neues. Wir sassen zwar alle in unseren Büros Tür an Tür, mussten die Wochenbesprechungen aber per Videokonferenz abhalten. Wir haben uns indes seit dem ersten Tag der Schliessung auf die Wiedereröffnung vorbereitet und im Zuge dessen beispielsweise die Ausstellung von Steven Parrino bis Mitte August verlängert. Dadurch rutscht das gesamte Programm um einen Ausstellungstermin weiter in die Zukunft.  

Ist das Programm trotzdem so, wie Sie es sich für Ihr letztes Jahr als Direktor vorgestellt haben?
Die Ausstellung von Steven Parrino war etwas, das ich schon lange machen wollte, und ich bin froh, sie jetzt machen zu können. In den drei oder vier Monaten vor meinem Ausscheiden werde ich mit Aufräumen, Aussortieren und der Übergabe an meine Nachfolge beschäftigt sein. In ein Projekt aktiv involviert zu sein, wäre schwierig.   

Was ist das Besondere an Steven Parrino?
Da gibt es mehrere Gründe. Der handfesteste ist, dass wir einige seiner Werke mit dem Erwerb der Sammlung Ricke – die wir gemeinsam mit den Museen in St. Gallen und Frankfurt 2006 ­erworben haben – in unsere Sammlung bekommen haben. Seitdem ist der Wunsch da gewesen, Parrino in einer Ausstellung zu zeigen. Von ihm hat es noch nie eine grössere Ausstellung im deutschsprachigen Raum gegeben. Seine Unabhängigkeit, die er als Künstler hatte, hat mich immer schon fasziniert. Parrino war ein hoch intelligenter Typ mit einer ganz eigenen Haltung. Leider ist er mit nur 46 Jahren bei einem Motorradunfall gestorben und daraufhin ein wenig in Vergessenheit geraten. Und genau das gehört zum Kunstmuseum dazu: Solche Künstler wiederzuentdecken und sie ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

Mit dieser Einstellung haben Sie das Profil des Museums geschärft. Was gehört noch dazu?
Zunächst ist das Kunstmuseum Liechtenstein auf einer anderen Ebene als die restlichen Museen der Region und auch als die meisten anderen Museen überhaupt: Wir sind eine Nationalgalerie und haben damit einen viel grösseren Auftrag zu repräsentieren und am Image Liechtensteins mitzuwirken. Zudem befinden wir uns nicht im Zentrum der Kunstwelt, sondern liegen an deren Rand. Allerdings beklagen wir dies nicht, sondern haben versucht, eine Stärke daraus zu machen. Wie das Beispiel von Steven Parrino zeigt, sammeln und stellen wir gerade solche künstlerischen Positionen aus, die in den Zentren der Kunstwelt wenig bis gar nicht gezeigt werden. Dies aus nachvollziehbaren Gründen wie etwa dem ökonomischen Aspekt. Wir hingegen haben die Möglichkeit, diese Künstler zu zeigen und ergänzen somit mindestens die europäische wenn nicht sogar die westliche Museumslandschaft mit unserem besonderen Profil. So wird das Kunstmuseum Liechtenstein mittlerweile auch wahrgenommen. Und das ist auch gut. Mit einem klaren Profil verankert sich ein Museum in den Köpfen der Menschen. Das braucht zwar Zeit, aber ich bin überzeugt, dass es uns in den vergangenen zehn Jahren gut gelungen ist.  

Die staatliche Kunstsammlung ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil dieses Profils.
Schon Georg Malin hatte den ­Gedanken, mit der staatlichen Kunstsammlung, die 1968 gegründet wurde, die moderne Seite Liechtensteins zu repräsentieren. Dies fand ich eine sehr kluge Überlegung, die ich mit dem Kunstmuseum gerne weitergeführt habe. Gleichzeitig hatten wir von Anfang an aber auch eine klare Vorstellung davon, wie sich die Sammlung entwickeln sollte. Als das Museum im Jahr 2000 eröffnet wurde, waren erst Anfänge der Substanz da. Sie war vergleichbar mit einem Skelett, dem wir seither Fleisch an den Knochen gegeben haben. Der Erwerb der Sammlung Ricke war diesbezüglich ein toller Qualitätssprung. Einen weiteren haben wir 2015 mit der Erweiterung durch die Hilti Art Foundation gemacht. Damit sind wir in eine andere Liga aufgestiegen. Diese Sammlung ist vor allem dort stark, wo das Museum schwach ist: In der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Qualitätssprung wurde selbst weit über die Region hinaus sehr aufmerksam registriert.  

Ist es für Sie wichtig, dass auch nach Ihrem Ausscheiden an diesem Profil festgehalten wird?
Weil sich das Museum in den vergangenen 20 Jahren eben ein solches Profil erarbeitet hat, gehe ich davon aus, dass meine Nachfolge in irgendeiner Weise etwas mit diesem anfangen wird. Es wird sicher eine Kontinuität geben. Gleichzeitig glaube ich aber auch, dass es anders sein wird als in meiner Zeit – was verständlich ist. Schliesslich wird eine neue Generation folgen und damit kommen automatisch neue Perspektiven und eine neue Dynamik auf das Kunstmuseum zu. Wichtig dabei ist, das Profil nicht so zu verändern, dass die Glaubwürdigkeit verloren geht. Denn Glaubwürdigkeit hat viel mit Vertrauen zu tun und dieses ist bekanntlich schnell verspielt. Aber das weiss meine Nachfolge bestimmt auch.

Dann fällt es Ihnen nicht schwer, das Amt des Direktors in andere Hände zu legen?
So ist das Leben. Ich war auch einmal jung und wollte die Dinge verändern. Die Nachfolgegenerationen werden es anders machen als ich. Das gehört dazu. Übrigens habe ich festgestellt, dass mein Vorgänger Georg Malin diesbezüglich dieselbe Einstellung teilt. Wir haben nach wie vor ein wunderbares Verhältnis und er hat mich immer unterstützt – und das, obwohl ich zum Gründungsdirektor des Kunstmuseums wurde. Er hat sich darüber gefreut und wusste es zu schätzen, dass ich den Schwerpunkt des Dreidimensionalen für die Sammlung des Museums beibehalten habe und dieser nun den Kern der Sammlungspolitik bildet. Man sieht also, auch ich habe nicht bei Null angefangen, sondern das weitergeführt, was Georg Malin begonnen hat – auch wenn ich Dinge anders angegangen bin und die Vorzeichen anders waren.  

Wie würden Sie denn die vergangenen 20 Jahre als Direktor des Kunstmuseums beschreiben? 
Ich werde häufig gefragt, weshalb ich so lange an derselben Stelle geblieben bin. Heutzutage gibt es oft nur Fünfjahresverträge und anschliessend sollte man möglichst wechseln. Ich muss ehrlich sagen, dass ich alle fünf Jahre eine neue Aufgabe bekommen habe, weshalb ich hier gar nicht wegwollte. Als ich 1996 nach Liechtenstein kam, gab es plötzlich das Projekt, ein neues Museum zu bauen. Daran habe ich fünf Jahre gearbeitet. In den nächsten fünf Jahren ging es darum, das Museum zum Laufen zu bringen, das Profil zu erarbeiten und es nach Aussen sichtbar zu machen. 2006 folge schliesslich der Erwerb der Sammlung Ricke. Ein Präzedenzfall, da erstmals drei Museen eine Sammlung gemeinsam erworben und sich auch noch verpflichtet haben, diese zusammenzuhalten. Das hat in Europa ordentlich für Aufsehen gesorgt. Zum zehnjährigen Jubiläum des Museums war klar, dass es die Erweiterung durch die Hilti Art Foundation geben wird – also weitere fünf Jahre, in denen es hiess: Planen, Bauen, Umbauen. 2015 ist sie eröffnet worden und wir mussten an der neugewonnen Public Privat Partnership arbeiten. Somit ist die Zeit am Kunstmuseum nie zur Routine geworden. Ausserdem bin ich gerne in Liechtenstein geblieben, weil ich gemerkt habe, dass man hier Vertrauen in die Kompetenz hat. Das ist die Voraussetzung dafür, um etwas mit Hand und Fuss aufbauen zu können. 

Durch die vielen unterschiedlichen Aufgaben haben Sie nie den Bezug zur Kunst verloren.
Es gibt viele Museumsdirektoren, die kaum noch etwas mit der Kunst zu tun haben, weil sie zu sehr mit der Politik, der Verwaltung und dem Beschaffen von Geld beschäftigt sein müssen. Es ist sehr schade, dass die Spitzen der Museen immer weniger das tun, wofür sie eigentlich qualifiziert wären – nämlich sich mit der Kunst zu beschäftigen. Ich hingegen konnte immer noch schreiben, Ausstellungen kuratieren und mich um die Sammlung kümmern. Verglichen mit anderen Ländern gibt es hier immer noch sehr wenig Bürokratie.

Werden Sie die Arbeit nach Ihrem Ausscheiden vermissen?
Das kann ich erst sagen, wenn es so weit ist. Manchmal denke ich schon, dass es schön wäre, wenn ich als Direktor noch ein wenig mehr freie Gestaltungsmöglichkeit hätte. Allerdings sage ich mir dann, dass es meinen Kolleginnen und Kollegen nicht so gut geht wie mir. Ich habe jetzt schon viele Freiheiten, die ich sehr geniesse. Da wird der Unterschied zu der Zeit nach meiner Pensionierung gar nicht so gross sein. Ich habe nicht das Gefühl, dann einem Hobby nachgehen zu müssen, das ich bis jetzt nicht ausleben konnte. Die Kunst ist lebendig, sie verändert sich ständig und ist auch sehr vielfältig. Ich entdecke immer wieder neue Künstler. Und damit wird die Kunst auch immer ein Teil meines Tuns bleiben. Ich kann auch noch in der Rente schreiben, beraten, Künstler-Freundschaften pflegen oder forschen.    

Als Direktor haben aber Sie die Entscheidungsfreiheit, welche Ausstellung als nächstes präsentiert wird?
Der Direktor hat die künstlerische Verantwortung und damit rechtlich gesehen auch die Freiheit, selbst zu entscheiden. Allerdings praktizieren wir hier sehr flache Hierarchien. Deshalb entscheide ich nie alleine. Ich berate mich mit Christiane Meyer-Stoll und seit jüngerer Zeit auch mit unserem Junior-Kurator Fabian Flückiger. Mir ist es ein Anliegen, dass das Kunstmuseum gemeinsam Entscheide trifft. Denn damit ziehen wir alle an einem Strang und unser kleines Team würde nie so viel zustande bringen können, wenn wir nicht so gut zusammenarbeiten würden.

Glauben Sie, dass sich die Bedeutung eines Museums in den nächsten Jahren verändert?
Ich kann mir gut vorstellen, dass die Menschen in dieser Corona-Krise so etwas stabiles wie ein Museum wieder mehr zu schätzen gelernt haben. Sie hatten wieder Zeit, über die Sachen nachzudenken, die wirklich wichtig sind. Und darum geht es auch den Kunstmuseen. Sie beschäftigen sich mit den Dingen, von denen man wirklich meint, dass sie über lange Zeit Bestand haben. Das ist in dieser beschleunigten Gesellschaft ab und an vergessen gegangen. Schliesslich lebt das Museum als Ort ja auch nur von den Menschen, die es bespielen, nutzen und sich mit der Kunst auseinandersetzen. Deshalb bin ich der Meinung, dass sich ein Museum automatisch mit den Menschen verändert. In zehn Jahren werden andere Ausstellungen thematisiert werden als heute. Das Museum versucht dabei aber stets, Abstand zu gewinnen. Nur so ist es möglich, etwas in seiner Bedeutung für die Zukunft besser einordnen zu können.

*Interview: Julia Kaufmann  

29. Mai 2020 / 16:20
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