• Friedemann Malsch in Vaduz
    Friedemann Malsch will mit der neuen Ausstellung die Kontinuität der Sammlungstätigkeit in Liechtenstein aufzeigen.  (Daniel Schwendener)

Wenn Kaiser Sigismund auf Andy Warhol trifft

Die Ausstellung «Liechtenstein. Von der Zukunft der Vergangenheit. Ein Dialog der Sammlungen» wurde von Johann Kräftner, Direktor der fürstlichen Sammlungen, Kunstmuseumsdirektor Friedemann Malsch und Konservatorin Christiane Meyer-Stoll anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums kuratiert. Im Interview erklärt Friedemann Malsch die Besonderheiten der Ausstellung.

Von Mirjam Kaiser

Einen «Dialog der Sammlungen» verspricht die neue Ausstellung im Kunstmuseum. Inwiefern treten denn hier Sammlungen miteinander in Dialog?
Friedemann Malsch: Die Ausstellung vereint Werke aus vier verschiedenen Sammlungen: den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein, der staatlichen Sammlung des Kunstmuseums sowie der Sammlung ­Batliner und der Hilti Art Foundation. Deren Schwerpunkte sind zeitlich und geografisch ganz unterschiedlich angelegt. Der Dialog findet auf mehreren Ebenen statt, unter anderem zwischen verschiedenen Jahrhunderten. Wenn man zum Beispiel das Porträt von Kaiser Sigismund aus dem 15. Jahrhundert mit einem Werk von Andy Warhol konfrontiert, kann man sich vorstellen, dass zwischen diesen Gemälden nicht nur eine riesige Zeitspanne liegt, sondern dass auch die sehr unterschiedlichen Kunstvorstellungen der Epochen zum Tragen kommen. Die Ausstellung bildet also keine kunstgeschichtliche Entwicklung ab, sondern ermöglicht ein lebendiges Miteinander-in-Beziehung-Treten zwi­schen Zeiten, Themen und Kunstwerken. 

Meisterwerke des 15. bis 19. Jh. werden Kunstwerken des 20. und 21. Jh. gegenübergestellt. Ist dies unüblich für ein Museum?
Es ist nicht völlig neu, Werke verschiedener Epochen gemeinsam auszustellen. Seit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre stellen Museen immer wieder Werke unterschiedlicher Zeitebenen in denselben Räumen aus. Das hat die Tate Gallery 1986 begonnen und seitdem haben Museen immer wieder versucht, die ältere Kunst mit der jungen Kunst in Verbindung zu bringen. Das hängt auch ein bisschen mit Kunstbewegungen wie der Arte Povera zusammen, die diese ­Verbindungen von sich aus herstellten. Aber für das Land Liechtenstein ist das sicher ganz neu und findet zu einem dafür sehr passenden Moment statt, dem 300-Jahr-Jubiläum. 

Was macht diese Gegenüberstellung besonders?
Besonders ist an dieser Ausstellung, dass zum ersten Mal in grossem Umfang die fürstliche Sammlung und die staatliche Kunstsammlung in einen inhaltlichen Dialog miteinander treten und damit gemeinsam auch eine Kontinuität herstellen. Das war ja schon der Grundgedanke bei der Gründung der staatlichen Kunstsammlung 1968, dass die staatliche Sammlung den modernen Staat Liechtenstein repräsentieren und deshalb mit ihren Beständen zeitlich an die fürstlichen Sammlungen anschliessen soll. 

Die Kunstwerke sollen grundlegende Fragen der Menschheits­geschichte beinhalten. Welche?
Wir haben die Ausstellung nach vier grösseren Themenfeldern gegliedert, von denen jedes in ­einem der grossen Säle im Obergeschoss behandelt wird. Es beginnt mit der Erde, der Grundlage unserer Lebensbedingungen. Das zweite Thema ist eines, das die Menschen seit der Antike, etwa mit der mythologischen Figur des Narziss, beschäftigt: das Porträt. Dies beinhaltet das Gesicht, mit all seinen Möglichkeiten und den Projektionen, die wir als Betrachter hineinlegen. Das dritte Themenfeld betrifft «Menschliches». Damit klingt schon an, dass es um die Gefühlswelt geht,  also darum, wie ich mich als Mensch in der Welt fühle. Die Spanne reicht von der Idylle bis hin zur Transzendenz auf der einen Seite, bis zu den dunklen Seiten der menschlichen Existenz auf der anderen Seite. Und das vierte Thema ist die Kunst. Die Menschen haben sich sehr früh – denken wir an die Zeugnisse aus der Vor- und Frühgeschichte – mit etwas beschäftigt, was wir heute Kunst nennen. 

Wie war es, die auszustellenden Werke auszusuchen?
Die Erarbeitung einer solchen Ausstellung geht in Schritten vor sich. Gemeinsam mit Dr. Kräftner, dem Direktor der fürstlichen Sammlungen, haben wir zunächst über die Struktur der Ausstellung nachgedacht. Dabei entschieden wir uns für etwas Lebendiges. Im nächsten Schritt haben wir uns auf die vier genannten Themenfelder geeinigt. Wenn Sie sich so ein Themenfeld vornehmen, dann durchforsten Sie die eigenen Sammlungsbestände, wobei Ihnen manche Werke sofort einfallen, andere erst auf den zweiten Blick. Das heisst, in der Sammlung wird konkret nach Werken gesucht, die zu den Themenfeldern passen. 

Worauf zielen Sie mit dieser Präsentationsform ab?
Die Idee zur Ausstellung stand von Beginn an im Kontext des 300-Jahre-Jubiläums. Wir als Kunstmuseum haben uns Gedanken darüber gemacht, welchen Beitrag wir zum Jubiläum leisten können. Da wir ein zeitgenössisches Museum sind, sind wir eigentlich mehr mit der Zukunft beschäftigt als mit der Vergangenheit. Im Gespräch hat Johann Kräftner sehr positiv auf den Vorschlag reagiert, etwas zur Zukunft zu machen. Das Ziel der Ausstellung ist es, einmal zu zeigen, dass es beim Sammeln von Kunst um Kontinuität geht und dass es ein Zusammenspiel gibt zwischen der fürstlichen und der staatlichen Sammlung. Mit dem Einbezug der beiden weiteren Sammlungen, der Sammlung Batliner und der Hilti Art Foundation, zeigen wir, dass weitere hochkarätige Kunstsammlungen nach dem Ende des zweiten Weltkriegs hier im Land entstanden sind. Damit führen wir schliesslich vor Augen, welchen kunsthistorischen Reichtum es hier in Liechtenstein gibt. 

Erstmals werden Werke der vier wichtigsten Liechtensteiner Sammlungen gemeinsam gezeigt. Inwiefern ergänzen sie sich?
Die beiden Sammlungen Batliner und Hilti sind sehr hochkarätig und weisen einen starken Akzent in der Klassischen Moderne auf, also der Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo die Sammlung des Kunstmuseums nicht so stark ist.

Der Ausstellungstitel lautet «Von der Zukunft der Vergangenheit». Inwiefern soll aus der Vergangenheit auf die Zukunft geschlossen werden können?
Das ist ein Satz, der vieles offenlässt. Unser Ziel ist es ja, zu zeigen, dass es eine kontinuierliche Entwicklung in diesem Land gegeben hat und dass es ein Zusammenspiel, eine Zusammenarbeit gibt zwischen den Repräsentanten einer früheren Zeit und den Repräsentanten einer neueren Zeit. Und dass es kein Konfliktpotential ist, sondern ein Kooperationspotential und damit ein echtes Potential für die Zukunft. Wenn wir durch die Leihgaben der beiden anderen Sammlungen auch noch zeigen können, dass das Zusammentragen von hochkarätiger Kunst im Fürstentum Liechtenstein dazu beiträgt, dass hier ein richtig grosser Pool von Kunst entsteht, dann ist das ein Versprechen für die Zukunft, auch für das Land Liechtenstein. Und da hat die fürstliche Tradition einen ganz grossen Anteil daran, weil sie den Boden dafür bildet, dass sich das in der Moderne und in der Jetztzeit fortsetzen kann. 

Welche Highlights aus den einzelnen Sammlungen wird es in der Ausstellung zu sehen geben?
Es gibt sehr bekannte Werke in der Ausstellung wie einen Rubens, Andy Warhols «Cherry Marilyn», Rembrandts «Amor mit der Seifenblase», ein grosses Landschaftsgemälde von Joos de Momper, Bruegels «Blindensturz», Umberto Boccionis «Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum», die vielleicht wichtigste Skulptur des 20. Jahrhunderts, oder Joan Mirós «Vögel und Insekten». Zudem werden auch Werke gezeigt, die aus Ausstellungen und Präsentationen des Kunstmuseums bekannt sind wie zum Beispiel ein Meisterwerk von Pippilotti Rist, das «Schminktischlein», oder von Kimsooja «Encounter – Looking into Sewing». Es wird aber nicht nur bekannte Werke geben, sondern auch solche, die noch niemand kennt – und die auch in der Fachwelt kaum bekannt sind. Die fürstlichen Sammlungen sind ja riesig, auch dort gibt es Preziosen, die lange nicht in der Öffentlichkeit zu sehen waren. 
 

30. Aug 2019 / 07:00
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