• KUL Portrait Martina Morger
    Martina Morger alias Lea Luke vor ihrer humorvollen Bilderwand. (Daniel Schwendener)  (Daniel Schwendener)

«Man muss sich auch darstellen wollen»

Im August war im Bongert in Balzers eine Ausstellung einer spannenden jungen Frau zu sehen. Martina Morger alias Leia Luke steht mit beiden Beinen im Leben und weiss sehr genau, was sie will. Die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Karriere in der Kunstszene.
Balzers. 

Bereits ihre Homepage macht einen neugierig. Zwei weisse, ineinander verflochtene «L» in Schnürli­schrift auf schwarzem Grund als Logo. Darunter «Leia Luke», das Alias von Martina Morger aus Balzers. Ein grosses Bild von Papier­zapfen, aneinandergereihte Papier­schnipsel mit Worten darauf, eine Art Federkleid an einer Wand. Dazu unter «Neues» die Erklärung zur jüngsten Ausstellung im Bongert in Balzers: «Nichts ist für immer. Das Leben als ewige Transformation, das Vergessen als ständiger Begleiter, die Geschichte als rollender Stein. Alles für nichts?»

Eine grosse Frage auf dieser klaren, durchdesignten, optisch perfekt abgestimmten Internetseite, die man so gar nicht auf einer Künstlerinnen-Homepage erwartet. Leia Luke aber liebt grosse Fragen. Spätestens, wenn die 25-Jährige vom Weltall zu schwärmen beginnt, von Physik und Astrophysik, von Medizin, dem menschlichen Gehirn oder dem Meer wird klar, dass Leia Luke die grossen Zusammenhänge sucht.
Die Frau mit den braunen, langen Haaren und den wachen Augen hinter Brillengläsern hinterfragt, spielt mit Gedanken, lässt Kunst im Kopf entstehen. «Headstorm – der Gedankensturm im Kopf» heisst dann auch eine ihrer Bildserien, die aber gleichzeitig zeigt, dass Leia Luke keinesfalls nur ein Kopfmensch ist. Ganz im Gegenteil, sie ist eine Macherin. «Das Bild wollte ich eigentlich unbedingt auf einem Feld in Balzers malen, während ein Föhnsturm tobt», erzählt sie. «Aber der Föhn kam und kam nicht – und das in Balzers. Also behalf ich mir mit einer Windmaschine.» Der Wind «verweht» die Farbe auf der Leinwand. Damit will Leia Luke zeigen, dass Gedanken, Bilder und Informationen im Kopf nie stillstehen. «Ein ständiges Wehen, ein steter Fluss der Neuronenströme.»

Um Gedanken oder vielmehr Erinner­ungen, um das Vergessen oder das Bewusstwerden von Veränderungen ging es der jungen Künstlerin in ihrer jüngs­ten Ausstellung, die am 27. August zu Ende ging. Unter dem Titel «Nüt isch för immer» zeigte sie im geschichtsträchtigen Haus im Züghüsle 18 in Balzers ganz unterschiedliche Werke. Die Tapete zum Vergessen – eben jene aneinandergereihten Papierschnipsel – fragte beispielsweise, was man vergessen hat oder wann es sich lohnt, etwas zu vergessen. Leia Luke thematisiert Déjà-vu-Erleb­nisse, verbindet vergangene Zeiten mit dem Hier und Jetzt, indem sie alte Postkarten mit lustigen Sätzen aus der Gegenwart ergänzt. So sagt beispielsweise Maria, die den Leichnam von Jesus im Arm hält: «Kumm wach uf, mier gohn in Ospelt.» Eine lustige Installation mit viel Witz und einem Hauch Gesell­schafts­kritik.
«Das muss schon sein», sagt Leia Luke, die gerne lacht und findet, dass Humor unbedingt einen Platz in der Kunst haben muss, obwohl die Kombination oft belächelt wird. Zu unrecht, findet Leia Luke. «Man sollte sich selbst nicht todernst nehmen.»

Ernst ist es ihr aber auf jeden Fall mit der Kunst. Obwohl man aufgrund der Qualität ihrer Arbeit eigentlich etwas anderes denken würde, hat Leia Luke keine klassische Kunstausbildung absolviert. Dies soll sich nun ändern. Nach den Sommerferien hat sie mit dem Vorkurs an der Liechtensteinischen Kunstschule begonnen.
Die gebürtige Balznerin hatte immer schon eine kreative Ader. Vor allem aber war Martina Morger ein wissbegieriges Kind. Ihr Vater, ein Ingenieur, hat ihr Geschichten über den Weltraum erzählt. Das kleine Mädchen hörte fasziniert zu. Es wollte sich die Unendlichkeit vorstellen können, wollte wissen, wie weit Sterne entfernt sind und wie schnell sich das Licht bewegt. Begeistert saugt Martina Morger alles auf, was mit Wissenschaft zusammenhängt. Vor allem Physik und Medizin haben es ihr angetan. «In einem Schluck Wasser sind mehr Atome als Sterne im Universum», sagt Martina Morger, um eine Kostprobe von dem zu geben, was sie immer wieder aufs Neue fesselt. «Allein die Vorstellung an solche Dimensionen relativiert Alltagsprobleme enorm.» Martina Morger lacht.

Warum wird eine Frau mit einem solchen Wissensdurst nicht Ärztin oder Physikerin? Es kommt wie aus der Pistole geschossen: «Zu wenig kreativ!» Dies ist dann auch der Grund, warum die Balznerin nach dem Gymnasium Publizistik studiert. Nach dem abgeschossenen Studium arbeitet sie ein Jahr in Südafrika. Sie arbeitet gestalterisch und visuell, kreiert für eine Firma ein neues Erscheinungsbild, macht ein sogenanntes Re-Branding. Sie liebt die Kommunikation, interessiert sich für die Schnelllebigkeit der Welt und welche Rolle Medien darin spielen. Und dennoch fehlt ihr etwas. «Ich habe gemerkt, dass ich mich ausdrücken möchte. Ich möchte mich mitteilen, meine Gedanken durch die Kunst weitergeben und mit diesen immer wieder spielen», sagt Martina Morger. Als freischaffende Künstlerin findet sie in ihrem Atelier in Balzers die richtige Art, sich auszudrücken.

Drei Einzelausstellungen hat sie bereits bestritten – und das in weniger als zwei Jahren. Die junge Frau mit dem Totenkopfring am Finger zeigt sich selbstbewusst, sagt den Ausstellungen zu, noch bevor sie weiss, was sie eigentlich zeigen möchte. Und doch weiss sie ganz genau, was sie will. Folgt ihrem Konzept, denkt alles durch. Ein «einfach Drauflosarbeiten» gibt es bei ihr nicht. Und doch wirkt alles so leicht – die Poesie-Installation auf Glas, die Zeitreise als Stillleben in der Vitrine oder die Lichtinstallation auf Holz. Es ist es ein Spiel mit der Kunst, mit Darstellungs­formen, mit Farben, mit Ausdruck, mit Stilen.
Sie wolle sich nicht einschränken, sagt Leia Luke auf die vielen Stile angesprochen. «Ich will keine Restriktionen in der Form.» Die Künstlerin, die auch tanzt und singt, möchte, dass die Betrachter immer wieder aufs Neue staunen können und auch sie möchte das Staunen nicht verlernen.

Sie sei heute noch das wissbegierige Kind von früher, das ob der Welt und ihren Geheimnissen staunt und alles verstehen möchte. Während des Gesprächs im Garten des Bongert in Balzers gleich neben einem knisternden Lagerfeuer könnte man sich stundenlang mit Leia Luke unterhalten. Die junge Frau weiss viel, zeigt sich interessiert, überlegt, bestimmt. Wenn sie etwas wolle, bekomme sie es auch. Das glaubt man ihr aufs Wort.
Leia Luke hat aber nichts Aufdringliches. Es macht sie vielmehr sympathisch, wenn sie selbstkritisch durch ihre Haare streicht und die Brille für die Pressefotos von der Nase nimmt und dem Fotografen sagt, dass sie sich auf den gerade gemachten Fotos gar nicht gefalle. Es wird solange weiterfotografiert, bis Schüsse dabei sind, die der jungen Frau zusagen.

Sie gibt sich nicht leicht zufrieden, weil sie selbst fotografiert und sehr genau weiss, wie sie wirkt und was sie transportieren möchte. Leia Luke machte sich auch ihr eigenes Branding samt Künst­lernamen und Logo. Dazu gehört auch ihre klar strukturierte Webseite  «www.leialuke .com». Eine Künstlerin, die sich gleich selbst vermarktet. Eher ungewöhnlich in der Kunstszene, wo sich die meisten lieber im Hintergrund halten und ihren Werken den Vortritt lassen. «Man muss sich schon auch darstellen wollen», findet Leia Luke. «Es geht ja um Kommuni­kation, darum, dass man etwas transportiert und anregt.» Zu guter Letzt braucht es einen coolen Namen. Mit Leia Luke will Martina Morger das weibliche und männliche Element vereinen. Beides stecke in ihr. Leia und Luke heissen die Zwillinge der Star-Wars Reihe von George Lucas. Filme, die für Martina Morger «nicht nur eine Inspirations­quelle, sondern auch eine geistige Reise in weite Fernen» sind. Als Leia Luke will Martina Morger noch unzählige geistige Reisen unternehmen, will «die Gedanken rollen lassen», wie sie sagt – als Künst­lerin, die immer wieder gerne in die Welt der Wissenschaft abtaucht. (Janine Köpfli)

KUL Portrait Martina Morger

Die Tapete zum Vergessen - eben jene aneinandergereihten Papierschnipsel - fragte beispielsweise, was man vergessen hat oder wann es sich lohnt, etwas zu vergessen. (Daniel Schwendener)

03. Sep 2014 / 10:44
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