• Silvia Ruppen, Vaduz
    Grafikerin Silvia Ruppen steht in ihrem Atelier in Vaduz vor zahlreichen Büchern, die sie gestaltet hat.  (Tatjana Schnalzger)

«Das gestalterische Arbeiten ist mein Leben»

Wird ein neues Buch in Liechtenstein publiziert, ist oft auch die Grafikerin Silvia Ruppen daran beteiligt. In den vergangenen 45 Jahren hat sie sich in der Region einen Namen als kreative Buchgestalterin und Illustratorin gemacht und schon mehrere Preise abgeräumt. Während sie ihre ersten 24 Jahre in Liechtenstein bei Louis Jäger angestellt war, kann sie mittlerweile auf weitere 22 Jahre erfolgreiche Selbstständigkeit zurückblicken.

Die Grafik sei ihre Leidenschaft und ihr Leben, sagt Silvia Ruppen, während sie gemütlich in ihrem stilvollen Atelier in Vaduz sitzt. «Ich habe immer für meinen Beruf gelebt.» Das glaubt man ihr aufs Wort, denn in den vergangenen Jahrzehnten hat sie unzählige Bücher, Briefmarken und Ausstellungen gestaltet. Zu ihren Kunden zählen namhafte Institutionen wie die Kulturstiftung, der Historische Verein, die LGU oder früher auch die Cipra und die Landesbank. Und obwohl Silvia Ruppen mittlerweile das Pensionsalter erreicht hat, denkt sie noch lange nicht ans Aufhören: «Ich möchte noch ganz lange als Grafikerin gebraucht werden.»

Schon in der Schule sei es ihr Traum gewesen, Grafikerin zu werden. Als sie diesen Berufswunsch jedoch vor ihrem Lehrer äusserte, sei dieser alles andere als begeistert gewesen. «So ein Blödsinn. Das ist doch ein brotloser Job», habe er gesagt. So habe sie neben der Aufnahmeprüfung für die Kunstgewerbeschule auch jene für das Lehrerseminar gemacht. Da sie beide Prüfungen bestanden hatte, konnte sie auswählen. «Für mich war die Entscheidung sonnenklar», grinst die quirlige Frau mit den grauen kurzen Haaren. «Auch wenn mich meine Eltern lieber im Lehrerseminar gesehen hätten.» Dafür sei ihr jüngerer Bruder später Lehrer geworden. Den Einstieg in die Kunstgewerbeschule bezeichnet die gebürtige Züricherin als faszinierend. «Es war eine andere Welt – nicht so konventionell wie in meinem Elternhaus.» Nach dem einjährigen Vorkurs entschied sich Silvia Ruppen für die Grafikklasse, die ihr sehr gefiel. Dort hat sie alle Drucktechniken wie Linolschnitt, Holzschnitt, Radierungen, das Aquarellieren oder auch das Fotografieren von Grund auf gelernt.

Nach dem Abschluss der Kunstgewerbeschule nahm die reisefreudige junge Frau eine Stelle im Tessin an. «Ich musste so weit weg, damit meine Eltern einsahen, dass ich eine eigene Wohnung brauche», so die Grafikerin. In Lugano hat sie schliesslich in der Filiale eines Modehauses Stoffmuster entworfen. Nach einem halben Jahr schloss die Firma und sie wechselte in ein Grafikbüro. «Der Chef war nie da und ich als Neuling hatte keinerlei Erfahrung», erzählt Ruppen. So schaute sie sich nach einer neuen Stelle um und wurde in Liechtenstein fündig. Dank ihrer Freundschaft zur Liechtensteiner Grafikerin und Künstlerin Evelyne Bermann, mit der sie zusammen in Zürich studierte, konnte sie bei der Schekolin in Schaan der Hausgrafikerin für die nächsten paar Jahre zur Seite stehen. «Ich habe angefangen, hier Wurzeln zu schlagen und wollte bleiben.» Damals, 1974, habe es für Grafiker eigentlich nur drei mögliche Arbeitsstellen gegeben: bei Kurt Bühler in Vaduz, der Hilti AG in Schaan oder bei Louis Jäger, ebenfalls in Vaduz. Da für die junge Grafikerin nur Louis Jäger in Frage kam, rief sie ihn kurzerhand an und informierte sich über Jobmöglichkeiten. «Er fragte: ‹Sind Sie denn gut?›, worauf ich erstarrte und nach einer kurzen Pause ‹ich glaube schon› rausrückte», erzählt Silvia Ruppen, der man als Kind beibrachte, sich nicht selbst zu loben. Dieses Bewerbungsgespräch war schliesslich der Beginn einer 24-jährigen fruchtbaren Zusammenarbeit.

«Bei Louis Jäger hatte ich eine ganz tolle Zeit. Ich habe sehr viel gelernt, konnte mir ein riesiges Beziehungsnetz aufbauen und viele naturnahe Themen bearbeiten», schwärmt die Frohnatur. Die Technik des Aquarellierens hat Silvia Ruppen bei ihrem Lehrmeister verfeinert und auch das selbstständige Arbeiten hat sie bei ihm gelernt. 1998, nach Louis Jägers Pensionierung, wagte Silvia Ruppen den Schritt in die Selbstständigkeit. Dieser Schritt habe sie viel Überwindung gekostet, obwohl sie wusste, dass sie viele Kunden von Louis übernehmen konnte. «Mit jedem Auftrag lernt man eine neue Welt, ein neues Fachgebiet kennen», so Ruppen. Ebenso hat sie das Glück, bis heute Aufträge zu erhalten, die ihr auch persönlich etwas bedeuten. So habe sie sich wie Jäger auf Themen spezialisiert, die mit Natur, Geschichte oder Kultur zu tun haben. So konnte auch sie – wie Louis Jäger – mehrere Briefmarken gestalten.

Die ruhige, aber doch willensstarke Frau hat sich insbesondere in der Buchgestaltung einen Namen gemacht und viele wichtige Werke Liechtensteins wie das Buch Peter Kaiser, 1793–1864 von Arthur Brunhart, historische Jahrbücher, den Band zum 40. Regierungsjubiläum von Fürst Franz-Josef II., die Trilogie «Mier z Balzers» von Emanuel Vogt oder verschiedene Publikationen der beiden Historiker Peter Geiger und Rupert Quaderer gestaltet. Zu diesen Buchaufträgen kam sie unter anderem durch Robert Allgäuer, den damaligen Kabinettsdirektor des Fürstenhauses und spätere Inhaber des Schalun-Verlages. «Das war sehr wichtig für mich, da ich durch ihn sehr viel über die Kunst des Büchermachens gelernt habe.» Durch diese ersten Bücher lernte sie andere Herausgeber und Institutionen wie den Historischen Verein oder das Liechtenstein-Institut kennen. «Die Erarbeitung des Historischen Lexikons war nicht zuletzt wegen dem spannenden Inhalt sicher ein Höhepunkt für mich», schwärmt Ruppen. Auch die Illustration ist eine grosse Leidenschaft und zählt zu den Talenten von Silvia Ruppen. So durfte sie zum Beispiel 25 Jahre lang die Umschläge für die Schriftenreihe zu naturwissenschaftlichen Themen der Bristol-Stiftung illustrieren. Neben ihrer gestalterischen Tätigkeit im Atelier und am Computer konnte Silvia Ruppen in ihrer Laufbahn auch schon mehrere Ausstellungen im Liechtensteinischen Landesmuseum gestalten. In der Ausstellung «Welt der Wiegendrucke» liess sie ihrer Fantasie freien Lauf und kreierte für die Präsentation der wertvollen Bücher verschieden farbige Kabinette für die einzelne Städte, in denen diese Bücher erschienen sind. «Die Kuratorin der ursprünglichen Ausstellung in Deutschland staunte nicht schlecht, als sie meine Interpretation ihres Themas sah, liess mich jedoch gewähren.» Auch die Auftritte Liechtensteins an den Buchmessen in Leipzig und Frankfurt tragen seit 20 Jahren die Handschrift der Grafik-Pionierin.

Mittlerweile blickt Silvia Ruppen auf fast 50 Jahre Berufserfahrung zurück, in denen sie viel erschaffen und erreicht hat. Eine lange Zeit, in der sich so einiges verändert hat, vor allem durch das Aufkommen der Computer. «Zuerst stand ich dem Computer eher kritisch gegenüber», gesteht Ruppen. Mitte der 1990er-Jahre hätte sie vom Technischen her quasi einen neuen Beruf erlernen müssen. Doch mittlerweile schätzt sie die Vorzüge dieser technologischen Errungenschaft. Heute könne sie sich gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne den Mac wäre. Die zweite grundlegende Veränderung war der zunehmende Spardruck und damit verbunden das Gefühl fehlender Wertschätzung. «Eine Person wunderte sich sogar einmal, dass ich für ­etwas, was ich gerne tue, auch noch Geld verlange.» Da sie sich vorwiegend auf kulturelle und naturnahe Projekte spezialisiere, treffe sie der Spardruck, der heute bei vielen Institutionen herrsche, ziemlich stark. «Man traut sich zum Teil kaum noch die Arbeit zu verrechnen, weil man weiss, dass bei vielen die Gelder gekürzt wurden», bedauert die Grafikerin. «Aber auch ich muss Miete etc. bezahlen.» Früher hätten die Kunden lediglich gefragt, ob man etwas machen könne. Heute müsse man für alles Offerten schreiben und wenn später ein Mehraufwand dazukäme, müsse man sich rechtfertigen. «Das ist schon sehr belastend.»

Trotz der zunehmend schwierigeren Bedingungen hat sich die Arbeit in ihrem eigenen Grafikatelier in den letzten 22 Jahren bewährt. So hat die kreative Frau schon zahlreiche Auszeichnungen in Empfang nehmen dürfen. So zum Beispiel mehrfach den Preis für die «Schönsten Bücher Liechtensteins». Auch half sie schon einige Male bei der Vermittlung von Autoren an namhafte Verlage wie den Haupt-Verlag, den Chronos-Verlag oder den Benteli-Verlag. Konkrete Wünsche hat Silvia Ruppen für die Zukunft keine – ausser, dass sie noch möglichst viele Jahre weiterarbeiten möchte. «Die Arbeit erfüllt mich und macht mir Freude», sagt sie. Ebenfalls zeigt sie sich dankbar dafür, in all den Jahren viele gute und langjährige Kunden gehabt zu haben. Schwierige Geschäftspartner fallen ihr auch nach längerem Überlegen nicht ein – ausser einem Einzigen. «Ich habe die besten Kunden der Welt», schwärmt die zufrieden wirkende Idealistin.

Inspiration für ihre Projekte holt sich Silvia Ruppen auf ihren täglichen Spaziergängen am Rhein und ihren zahlreichen Reisen. So reist sie beispielsweise seit 30 Jahren einmal jährlich für eine Woche nach Venedig. Und noch ein Hobby hat Silvia Ruppen neben ihrer Begeisterung für die Kunst: die Landwirtschaft. Gemeinsam mit ihrem Mann Arthur hat sie zu Hause in Mauren einen grossen Garten sowie einen Stall, wo sie früher Schafe hatten. Sie habe die Schafwolle gesponnen, damit gestrickt und gewoben. Jetzt seien es «nur» noch Esel, Hunde und Katzen. «Ich mag diesen Gegensatz zwischen dem Designer-Leben im Atelier und meinem bäuerlichen Leben zu Hause», sagt die Wahl-Maurerin. So ist die bescheidene Künstlerin auch nicht scharf auf eigene Ausstellungen: Erst einmal waren ihre Illustrationen vor Jahren in einer kleinen Ausstellung in der Stein Egerta zu sehen. Neben dem Malen mit dem Pinsel fertigt sie in ihrer Freizeit auch detaillierte Bleistiftzeichnungen an, die sich sehen lassen können. «Doch ich sehe mich nicht als Künstlerin. Es war mir nie wichtig, als Künstlerin gesehen zu werden», sagt Silvia Ruppen bescheiden. Einige ihrer Bleistiftzeichnungen hat sie in ihren persönlichen 10 mal 10 Zentimeter grossen «Jahrbüchlein» veröffentlicht. Ein solches Büchlein mit Fotografien, Zeichnungen und kleinen Texten bringt sie seit ihrer Selbstständigkeit jedes Jahr heraus und verschickt es an Kunden und Freunde. Wie kreativ die leidenschaftliche Grafikerin ist, zeigt sich beispielsweise am Büchlein «Geheimnisvolle Tierwelt am Rhein». In diesem zeichnete sie auf der Grundlage von Fotografien ursprünglichste Tiere, wie zum Beispiel ein Wollnashorn, das vor 500 000 bis 10 000 vor Christus im vergletscherten Rheintal lebte. (mk)

25. Jun 2020 / 18:57
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