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    Karin Ospelt in ihrem Element.

Den Zauber des Alltäglichen sichtbar machen

Karin Ospelt aus Eschen ist in Liechtenstein und der Region schon längst keine Unbekannte mehr. Sie hat vermutlich schon in allen bekannten Jazzformationen des Landes gesungen, macht mit kreativen Kunstprojekten auf sich aufmerksam und ist seit neustem auch Gesangslehrerin an der Musikschule Liechtenstein. Seit 2017 ist sie Mitglied in der Band AEIOU des Züri-West-Keyboarders Oli Kuster. Seither hat sich ihr Bekanntheitsgrad in der Schweiz wesentlich vergrössert und mehrere ihrer Lieder laufen in den Radiostationen der Schweiz auf und ab. Nichtsdestotrotz ist die Wahlbaslerin auf dem Boden geblieben.

Wir treffen Karin Ospelt an einem Dienstagmorgen in der Musikschule in Triesen, wo die Gesangslehrerin seit Oktober 2018 einmal wöchentlich unterrichtet. Zwar wohnt die Eschnerin seit 2010, dem Beginn ihres Studiums in Jazzgesang, in Basel, sie ist jedoch regelmässig auch in Liechtenstein anzutreffen. 

Das Singen und das Kreative begleitet Karin Ospelt schon seit ihrer Kindheit. Auf Kindervideos ist zu sehen, wie sie – noch bevor sie lesen konnte – aus Büchlein heraus etwas singt. Auch gemeinsam mit ihrem Vater, einem Lehrer, hat sie zu Hause viel gesungen. An Hochzeiten oder Geburtstagen stand sie immer wieder mal auf der Bühne und sang. Da ihre Mutter Handarbeitslehrerin war, begann sie auch schon früh mit kreativen Tätigkeiten. Schon immer hat sie ihr Kinderzimmer aufwendig mit Lianen, Efeu oder Moos dekoriert. «Meine Eltern haben mich da zum Glück einfach ­machen lassen», sagt sie rückblickend. 

In der Primarschule lernte sie Blockflöte, später Klarinette und spielte damit auch bei der Eschner Musik. Da ihr Onkel Jazzsaxofonist ist und der Jazzclub Tangente sich quasi vor der Haustüre befand, interessierte sie sich schon früh für diese ihr damals noch unbekannte Musikrichtung. Da kam es ihr sehr gelegen, dass der Vater einer Freundin eine grosse CD-Sammlung hatte, von der sie jegliche CDs ausleihen durfte. «Dadurch kam ich erstmals näher mit Jazzmusik in Berührung», so die 30-Jährige. Im Gymnasium trat sie dem Gymi-Chor bei und merkte schnell, «dass das Singen das Meine ist». So begann sie mit 13 Jahren, Gesangsunterricht bei Johannes Uthoff zu nehmen, was ihr sehr gefiel. In dieser Zeit gründete sie gemeinsam mit Gymi-Kollegen ihre erste Jazzband mit dem Namen Major Music, mit der sie schon in jungen Jahren in der Tangente auftreten durfte. Auch zusammen mit dem Liechtensteiner Gitarristen Roger Szedalik stand sie schon mehrfach auf der Tangente-Bühne, sowohl als Teenager wie auch heute noch verwirklichen sie gemeinsam musikalische Projekte. 

Auch ihre zweite Leidenschaft, die Kunst, wurde im Gymnasium geweckt. «Ich hatte einen super Kunstlehrer, der mich für die Kunst begeisterte und mein künstlerisches Talent erkannte», erzählt Karin Ospelt. Sie begann, sich für die abstrakte Kunst zu interessieren und fing mit dem Malen an. Von Anfang an war für sie klar, dass sie nach der dritten Klasse das Profil «Kunst, Musik und Pädagogik» wählen würde. Als sie sich nach einem Jahr für einen Schwerpunkt entscheiden musste, stand sie erstmals vor der Wahl Kunst oder Musik. Sie entschied sich für die Kunst, was sie auch nie bereute. «Für mein Umfeld hingegen war es manchmal schwierig, einen Zugang zur Kunst zu finden», so Ospelt. Trotzdem zog sie nach der Matura 2007 nach Bern, um Musik und Medienkunst zu studieren. In dieser Zeit entstanden ihre ersten Klanginstallationen, Performances und Videoarbeiten. Als Abschlussarbeit kleidete sie einen Raum komplett in Alufolie ein, den sie mit zahlreichen Mikrofonen ausstattete. «Ich wollte wissen, wie Alufolie klingt», so Ospelt. Diese Zeit in Bern bezeichnet die junge Künstlerin gerne als Experimentierphase. «Ich habe vieles ausprobiert, weil mich alles interessierte.» Sie nahm experimentelle Hörspiele auf, die auf SRF1 und dem Bayrischen Rundfunk ausgestrahlt wurden und gewann Wettbewerbe. Sie fertigte Collagen, malte, nahm Videos auf und zeichnete realistisch. Heute hat sie sich auf Installationen, Fotografie und abstrakte Zeichnungen spezialisiert. Videos macht sie aktuell vor allem noch für ihre Musik. 

Während dem Kunststudium arbeiteten die Studenten oft mit den Kollegen des Konservatoriums zusammen. «Ich habe mir dann oft gedacht, dass ich auch zu denen gehören möchte.» So wechselte die leidenschaftliche Sängerin direkt im Anschluss an ihr Kunststudium ans Konservatorium in Basel, um Jazzgesang zu studieren. «So bin ich von der freien Kunstwelt in die Jazzwelt gekommen.» Mit Lisette Spinnler erwischte sie eine Gesangslehrerin, die gut zu ihr passte. Sie machte sich öfter daran, Lieder zu schreiben und sang in den verschiedensten Formationen. Sie war in einer Lindy-Hop-Band, jammte mit Kollegen der Jazzschule und verdiente fortan ihr Geld als Gastsängerin bei verschiedenen Jazzformationen. Während ihres Studiums verbrachte sie «wegen einer interessanten Jazzsängerin» 2013 ein Jahr in Bologna und nahm erfolgreich bei einem Casting teil, das die Förderung junger Musikerinnen zum Ziel hatte. Mit der gecasteten Band SOFIA konnte sie dann 2014 in Paris, Berlin, Zürich und Köln auftreten. Aus diesem Projekt entstand Karin Ospelts Poetic-Jazz-Quartett Nebuleuse mit Mitgliedern aus Deutschland, Frankreich und Liechtenstein. Als Abschlussprojekt ihres Studiums gründete die Sängerin 2015 das Jazz-Pop-Trio Cassiopeia (heute Pioneer Plant), mit dem sie auch vermehrt Auftritte in der Schweiz hatte. Eines ist all ihren Bands gemein: Sie kehrte für Auftritte immer wieder in die Tangente und damit in ihr Heimatdorf Eschen zurück. 

Neben ihren Bandprojekten und Musikengagements war Karin Ospelt auch immer wieder als Künstlerin aktiv. 2011 beteiligte sie sich an der Ausstellung «Dreck hält warm» des Kunstvereins Schichtwechsels im alten Kaufin in Schaan, 2012 stellte sie in den Pfrundbauten in Eschen aus, nahm 2012 beim Kleinstaatentreffen in Genua und Nottingham und 2013 in San Marino teil und beteiligte sich neben vielen kleineren Ausstellungen 2013 bei einer Gruppenausstellung im Kunstmuseum in Vaduz. 2017 trat sie der Künstlervereinigung Visarte bei und konnte dadurch 2018 erstmals bei der Triennale im Kulturhaus Rössle in Mauren ausstellen. Dort zeigte sie eine aufwendige Mehl-Arbeit, die bei ihrem Aufenthalt im Künstleratelier in Berlin entstanden ist. «Sinnliche Materialien verfolgen mich schon länger», sagt die Künstlerin dazu. So war auch ihr erstes selbst produziertes Musikvideo ein «Stop Motion Clip» aus Mehl. Ihre Arbeiten aus Lebensmittel kombiniert sie mit Hellraumprojektoren, sodass diese spannende Schatten werfen. Auch für die aktuelle Ausstellung im Gasometer in Triesen, die am 29. November eröffnet, hat sich Karin Ospelt mit Lebensmitteln beschäftigt: mit Holunder und Mais. «Holunder ist so alltäglich, aber trotzdem hat es etwas Poetisches, wenn man sich lange damit beschäftigt und es so zu einem Kunstwerk formt.» Für ihre Installation produzierte die Künstlerin tagelang Zeichnungen aus Holundersaft und kre­ierte eine Hellrauminstallation zum Thema Riebel und Holundermus dazu. «Flüchtiges festzuhalten ist mein Ziel, sowohl in der Kunst als auch in der Musik.» 

Aus Karin Ospelts Lebenslauf wird schnell klar, Musik und Kunst begleiten sie schon ein Leben lang. Die beiden Bereiche sollen gleichermassen Platz in ihrem Leben finden, meint sie.  Während sie zurzeit je einen Tag an der Musikschule Liechtenstein und an jener in Basel unterrichtet, ist ihr wichtig, dass ihr genügend Zeit bleibt, freischaffend und kreativ tätig zu sein. So plant sie so viel Zeit wie möglich in ihren Alltag ein, um Kunstprojekte voranzutreiben oder Songs zu schreiben. Damit will sie die Menschen berühren: «Ich will den Zauber des Alltäglichen sichtbar machen, indem ich Stimmungen einfange oder berührende Lieder schreibe.» Die Leute sollen mit tiefgründigen Texten und Werken zum Nachdenken angeregt werden, aber trotzdem eine Leichtigkeit behalten. «Mir ist wichtig, dass in meiner Kunst und Musik neben poetischen Momenten eine Unbeschwertheit drin ist.» 

Eine solche Mischung aus Unbeschwertheit und Tiefgründigkeit vermittelt Karin Ospelt seit 2017 auch mit ihrer Synthie-Pop-Band AEIOU, mit der sie vor Kurzem ein erstes Album rausgebracht hat und mit der sie bald auf Tour geht. Davor ist sie im November noch mit dem Bassisten Ilya Alabuzhev und einem kammermusikalischen Jazzprogramm unterwegs auf einer Konzerttour durch die Ukraine. Wie vielfältig Karin Ospelts Schaffen ist, zeigen nicht nur ihre unterschiedlichen Bandprojekte mit an die 50 Auftritte pro Jahr, sondern auch ihre verschiedenen Jobs, die von der Kunstschaffenden über Songwriterin bis hin zur Musiklehrerin reichen. Wer Karin Ospelt kennt, weiss, dass ihr die Ideen für neue Projekte nicht so schnell ausgehen werden und sie immer mal wieder für eine Überraschung gut ist. (mk)

28. Nov 2019 / 15:32
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