• Sarah Zilian in Schaan
    Sarah Zilian vor einem ihrer Werke, die oftmals von Schmerz, Trauer und Gefangensein geprägt sind.  (Daniel Schwendener)

Eine Rebellin, die sich gefangen fühlt

Wer Sarah Zilian kennt, weiss: Die 39-Jährige sagt stets geradeheraus, was sie denkt. Was viele allerdings nicht wissen: In ihrem Inneren kann Sarah Zilian auch sehr verletzlich sein. Um Enttäuschungen, Wut oder Trauer verarbeiten zu können, setzt sie sich gerne ins Atelier und malt. Dabei entstehen Werke, die für Sarah Zilian Spiegelbilder sind. Und für den Betrachter Farben, Formen und Figuren mit Tiefgang.

Was andere von ihr denken, ist Sarah Zilian ziemlich schnurz. «Schon als Kind war ich eine Rebellin», sagt die 39-Jährige. Eine Rebellin, die sich weder gerne einordnen lässt, noch Vorschriften aufgebrummt bekommt. «Eine Rebellin, die sich manchmal auch gefangen fühlt», sagt Sarah Zilian. Gefangen wie diese gemalte Frau, welche die Wand in ihrem Wohnungsflur in Schaan ziert. Die Farben dieses Acrylbilds wirken auf den ersten Blick gegensätzlich und doch geht das zarte Lindgrün in Einklang mit dem düsteren Schwarz. Sie wirkt verletzlich und gleichzeitig stark. Es macht sich auf dem Bild Angst und Trauer breit, die wiederum in Optimismus und Frische übergeht. So verwundert es auch nicht, dass das Bild ein Werk von Sarah Zilian ist. Denn die Künstlerin sieht darin ihr Spiegelbild. «Ich wirke nach aussen oft ganz anders, als mein Innenleben wirklich fühlt», sagt sie. Mit ihren Bildern bringt sie dies zum Ausdruck – «eine Rebellin, die eigentlich gutmütiger nicht sein könnte.» 

Es ist noch gar nicht so lange her, dass Sarah Zilian das erste Mal den Pinsel für ein derartiges Kunstwerk angesetzt hat. «Meine Mitbewohnerin in der damaligen WG malte regelmässig», erzählt sie. Dies habe sie inspiriert. «Ich kaufte mir die nötigen Utensilien und legte los.» Sie kann sich noch genau erinnern, wie ihr erstes Werk ausgesehen hat. «Ich malte zwei Silhouetten von Menschen, im Hintergrund Säulen.» Sarah Zilian schnappt sich einen Fetzen Papier und einen gelben Malstift, der auf ihrem Küchentisch liegt. «In etwa so», sagt sie und skizziert. In Windeseile nimmt die Skizze Gestalt an. Und in Windeseile folgten damals auf ihr erstes Werk rund 30 weitere, die sie vor drei Jahren im Domus in Schaan ausstellte. 

Wenn Sarah Zilian malt, ist sie alles andere als eine Rebellin. «Dann ziehe ich mich komplett in das Atelier meines Vaters zurück, selbst das Handy hat dort keinen Platz.» Nur ihr Inneres rebelliert und die 
39-Jährige bringt ihre Gefühle auf die Leinwand. «Es ist schon so, dass sich oftmals Themen wie Trauer, Enttäuschung und Gefangensein in meinen Bildern niederschlagen.» Ihr aktuelles Werk ist ein geschlossenes Auge, das Tränen aus Blut weint. «Auch so eine Geschichte, die ich 
damit – Pinselstrich für Pinselstrich – verarbeitet habe», sagt Sarah Zilian. Entstanden ist ein düsteres Bild, das den Betrachter in den Bann zieht. Ebenso wie Sarah Zilian, wenn sie frei von der Leber weg ihre Lebensgeschichte erzählt. Eine Geschichte mit Ecken und Kanten – und Hürden. Mit ihren Worten malt sie zwar kein düsteres Bild – aber ein sehr tiefgründiges. «Ich zeichne beispielsweise auch gerne Gesichter mit Narben. Denn Menschen müssen nicht perfekt sein – aber sie müssen mit ihrem Ausdruck berühren können.»  

Das Faible für das Malen kommt bei Sarah Zilian nicht von Ungefähr. Von ihrem Vater wurde es ihr geradezu in die Wiege gelegt. Wilfried Zilian hat sich der Malerei und Bildhauerei verschrieben. Schon als Kind war die Tochter des Künstlers zufrieden, wenn sie Malfarben in ihren Händen hielt. «Als Teenager habe ich gemerkt, dass die bildende Kunst für mich nicht nur ein Zeitvertreib war, sondern sich zu einer richtigen Passion entwickelte.» Für sie war klar, die Kunstschule zu besuchen und den Weg ihres Vaters einschlagen zu wollen. Weniger klar war dies allerdings vor allem für ihre Mutter. «Sie meinte, dass ich damit mein Leben nicht finanziert bekomme, womit sie ja nicht ganz Unrecht hatte.» Gefangen in einer Leidenschaft, entschied sich Sarah Zilian dann schliesslich, sich zur Kosmetikerin ausbilden zu lassen. «Etwa nicht, weil ich das so unglaublich cool fand, vielmehr, damit ich einfach etwas hatte», sagt sie. «Von dem Einen oder Anderen wurde ich gar belächelt. So nach dem Motto: ‹Ist aus der Rebellin jetzt eine Tussi geworden?›» Was für Sarah Zilian einst eine Notlösung war, ist für sie heute das Beste, was ihr je passieren konnte: «Ich kann die Kunst in meinem Beruf als Kosmetikerin ausleben, und dafür bin ich sehr dankbar.» Seit nun fast 20 Jahren hat Sarah Zilian ihr eigenes Kosmetikstudio an der Obergasse in Schaan. «Spiegelbild» nennt sie es und hat damit einen Namen gewählt, der besser zu ihr nicht passen könnte. 

In ihrer Wohnung in Schaan lebt Sarah Zilian nicht alleine. Ihre sechsjährige Tochter Soey füllt die ohnehin bunte Wohnung mit viel, viel Leben. «Sie ist das Wichtigste in meinem Leben», sagt die 39-Jährige. Von dem Vater ihrer Tochter lebt Sarah Zilian getrennt – «nach wie vor haben wir aber ein sehr gutes Verhältnis.» Eine ebenso gute Beziehung hat sie zu ihren Schwiegereltern. «Im Alltag unterstützen sie mich mit Soey sehr», ist Sarah Zilian dankbar. «Natürlich ist es schön, einen Partner fix an seiner Seite zu haben – aber ganz ehrlich, ich bin ein Einzelgänger-Typ.» Nur wenn sie alleine sei, habe sie das Gefühl, sich auch richtig entfalten zu können, nicht gefangen zu sein. 
Sarah Zilian mag Bilder nicht nur auf der Leinwand, sie mag diese auch auf ihrer eigenen Haut. Ihr ganzer Körper ist tätowiert. «All die Bilder und Symbole sind quasi mein Tagebuch unter meiner Haut.» Vor Jahren hat sie all diese Bilder auf ihrem Körper auch öffentlich als Tattoo-Model preisgegeben. Angefangen hat ihre Model-Karriere eigentlich mit einem Auftrag für L’Oreal. Auf einem Laufsteg präsentierte Sarah Zilian Frisuren und trendige Outfits. «Zum einen fühlte ich mich in dieser Welt voller bissige Magermodels aber gar nicht wohl.» Andererseits wurden ihr dann auch ihre Tattoos, von denen immer mehr ihren Körper zierten, zum Verhängnis. Zumindest für den L’Oreal-Auftrag, darauf folgte nämlich ihre Karriere als Tattoo-Model. «Es machte mir Spass, mich lasziv und sexy zu zeigen – damals.» Zwar erhalte sie noch immer Anfragen für Shootings. «Aber es lohnt sich finanziell einfach überhaupt nicht», sagt sie. «Und anstatt einen Tag lang vor einer Kamera zu posieren, verbringe ich die Zeit viel lieber mit meiner Tochter Soey.» 

Auch der Sport nimmt in Sarah Zilians Leben eine wichtige Rolle ein. «Ich brauche die Bewegung für meinen inneren Ausgleich.» Entsprechend habe sie unter dieser Zeit gelitten, als sie aufgrund ihres Bandscheibenvorfalls ausser Gefecht war. «Ich fühlte mich einmal mehr wie gefangen.» Therapiestunden gehören zwar noch immer zu ihrem Alltag – «ich habe mich aber gut erholt.» So richtig erholen würde sich Sarah Zilian auch gerne mal auf einer Reise. «Zum Beispiel in Thailand, China oder in Tibet.» Um glücklich zu leben, brauche sie aber nicht viel – «nur Soey und das nötige Geld, dass wir zusammen ein schönes Leben haben.» Eine willkommene Einnahmequelle sind dafür auch ihre Bilder. Der Preis für ihre Werke variiert im drei- und vierstelligen Bereich, wie die Künstlerin sagt. Apropos: «Als Künstlerin sehe ich mich nicht», sagt Sarah Zilian. «Vielmehr als Lebenskünstlerin», schmunzelt sie. 

Aktuell malt Sarah Zilian gerade an keinem Bild. «Ich bin in der Inspirationsphase», sagt sie. Darauf folgen dann irgendwann die ganz zurückgezogenen Stunden im Atelier ihres Vaters. Dann blickt Sarah Zilian in ihr Inneres, stülpt dieses mit oft auch schmerzvoller Ehrlichkeit nach aussen und lässt den Pinsel auf der Leinwand danach tanzen. Sie malt so so lange, bis sie es vor sich erkennt: ihr eigenes Spiegelbild. Das Bild einer Frau, die selbstbewusst durchs Leben geht. Der der Tiefgang dabei nie fehlt. Und die den Mut hat, ihre Verletzlichkeit auch zu zeigen – egal, was andere von ihr denken. (bfs)

30. Mai 2019 / 20:27
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