• Ausstellung mein Werdenberg, Ausstellungen mit Relikten von Bewohnern rund um das Schloss
    «Ich hoffe nicht, dass sich die Menschen an die Kultur aus dem Netz zu sehr gewöhnt haben», sagt Thomas Gnägi, Leiter Schloss und Museen Werdenberg.  (Daniel Ammann)

Fasziniert vom Grossen, den Fokus aufs Detail gerichtet

Der Entscheid, die gesamte Schlossmediale dieses Jahr ausfallen zu lassen und auf nächstes Jahr zu verschieben, ist Thomas Gnägi, Leiter Schloss und Museen Werdenberg, nicht leicht gefallen. Gesundheitlich gehe es ihm gut – «was mich aber plagt, ist die ungewisse Zukunft der Saison auf Schloss Werdenberg». Wie die Vorsicht gehört aber noch etwas zu seinen Charaktereigenschaften: Optimismus.

So einfach lässt sich Thomas Gnägi, Leiter Schloss und Museen Werdenberg, nicht in eine Schublade stecken. Besser gesagt, lässt sich diese Schublade kaum mit einem Etikett versehen, das auf den 49-Jährigen in allen Lebenslagen passen würde. Einerseits mag er das Kleine, richtet den Fokus also auf das Detail. Andererseits fasziniert ihn das Grosse, er interessiert sich für die Zusammenhänge – das Allgemeine. Er pendelt von Zürich ins Kleinststädtli Werdenberg und zurück, wo er mit seiner Frau und den zwei Kindern seit Jahren zuhause ist.

An diesem Mittwochvormittag ist Thomas Gnägi quasi in seinem zweiten Zuhause anzutreffen: In seinem Büro unterhalb vom Schloss Werdenberg. In Zeiten der Coronakrise führt er das Gespräch per Telefon. Auch wenn somit das gemütliche Ambiente für ein Porträt fehlt, nimmt er sich gerne Zeit dafür. Und auch wenn sich währenddessen die Arbeit auf seinem Bürotisch stapelt. Zwar ist es seit dem 13. März auch ums Schloss unbehaglich still geworden. Ebenso im Museum des Schlosses, wie auch im dazugehörenden Schlangenhaus im Werdenberger Städtli. Thomas Gnägis Arbeit fokussiert sich derzeit mehr als sonst auf administrative Angelegenheiten. Letztlich auch deshalb, weil sich die administrative Leiterin gerade im Mutterschaftsurlaub befindet. Während dieser stillen Zeit können allerdings nun endlich auch liegen gebliebene Arbeiten erledigt werden. Seine Mitarbeiter sind im Homeoffice, den Besuchern bleibt der Zugang zum Schloss und den Museen aufgrund der Krise verwehrt. «Eine sehr beklemmende Situation», sagt Thomas Gnägi. Gesundheitlich gehe es ihm gut, «was mich aber plagt, ist die ungewisse Zukunft der Saison auf Schloss Werdenberg». Und dass er wisse, wie sehr seine Mitarbeiter derzeit diesen wunderschönen Ort vermissen. 

«Ich weiss nicht genau, was auf uns zukommt», sagt Thomas Gnägi. Aber es lässt sich aufgrund von aktuellen Studien erahnen, dass wir mit den Konsequenzen der Corona-Krise mehrere Monate und vielleicht sogar Jahre leben müssen. Was die finanzielle Seite betrifft, ist vieles noch offen – «da stehen wir am Anfang, das Ganze zu überblicken.» Was ihm aber besonders Sorge bereitet, ist die Frage, ob Schloss Werdenberg bald wieder eine erfreuliche Anzahl von Besuchern begrüssen darf. «Die Menschen kommen hierher, weil sie die Authentizität lieben.» Er fragt sich, ob die Verunsicherung Besucher abhalten wird. «Ich hoffe nicht, dass sich die Menschen an die Kultur aus dem Netz zu sehr gewöhnt haben und sich nun nur noch im Gartenbaucenter eindecken, um sich wieder zurückzuziehen, anstatt Veranstaltungen oder die Museen zu besuchen.» Thomas Gnägi plagen Fragen, die derzeit niemand beantworten kann. Zwar gehört auch eine grosse Portion Optimismus zu seinem Wesen – «derzeit schwingen in meinen Gedanken allerdings Vorsicht und vielleicht auch ein wenig Zurückhaltung mit.»

Der 29. Mai wäre der Start für die neunte Schlossmediale gewesen – ein kulturelles Spektakel, das die Sinne der Besucher betört. Sei es durch Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, alles gepaart mit einer Mischung aus hochkarätigen Künstlern und Neuentdeckungen. «Dass die Schlossmediale dieses Jahr nun komplett verschoben werden musste, tut schon weh», sagt der Schlossleiter. Zwar findet sie unter demselben Motto «Gross und Klein» nächstes Jahr statt. Aber die Redewendung «Aufgehoben ist nicht aufgeschoben» hat auch ihre Tücken. Monatelang wurde am facettenreichen Programm herumgetüftelt. Offen bleibt, ob alle gebuchten Künstler auch nächstes Jahr verfügbar sind. Es ist wohl so, dass nun auch viele dieser Künstler zumindest diesen Sommer keine Aufträge haben.

Letztlich bleibt auch die leidenschaftliche Arbeit von Thomas Gnägi und seinem Team hinter den Schlossmauern verborgen. Der Lohn für ihre Arbeit ist zu einem grossen Teil auch die Freude der Besucherinnen und Besucher, die das Team dem Publikum nun nicht bereiten kann. Solch ein vielseitiges Programm überhaupt zusammenzustellen, stellt sich ein Laie alles andere als einfach vor. Wie Thomas Gnägi sagt, ist es im Grundsatz ganz einfach: «Geschichte trifft auf die heutigen modernen Menschen. Das erzeugt eine Spannung, die wir uns im Schloss zunutze machen.» Was die Umsetzung anbelangt, bedarf es Know-how und viel künstlerisches Gespür. 

Ein Gespür, das sich Thomas Gnägi in seiner beruflichen Laufbahn angeeignet hat. Zum Beispiel während seiner früheren Zeit als Lehrer: «Kinder nehmen meist ganz unvoreingenommen wahr. Diese Fähigkeit konnte ich während meiner Lehrerzeit oft beobachten und versuche, sie in der Museumsarbeit umzusetzen.» Denn ein Museum sei ein Ort, an dem wissenschaftlich aufgearbeitete Geschichte an das Publikum vermittelt würde, sagt er. Besonders an einem historischen Ort wie dem Städtli oder dem Schloss würden die Menschen mit einer Fülle an haptischen und visuellen Eindrücken konfrontiert, beispielsweise mit den alten Steinen und dem verwitterten Holz, aber auch mit eindrücklichen Räumen und historischen Objekten. «Das bietet jedem einen einfachen Zugang. Und daraus versuche ich, täglich zu schöpfen.» 

Eine wichtige Zeit war später auch das Studium der Kunstgeschichte an der Universität Zürich mit Mittelalterarchäologie und technischer Bildwissenschaft in den Nebenfächern. «Dieses Mosaik an Fächern und Erfahrungen in verschiedenen Buch- und Ausstellungsprojekten war die perfekte Vorbereitung auf die Arbeiten, die sich mir im Schloss Werdenberg stellen.» 

Kleine Mosaiksteine hat Thomas Gnägi schon früh gesammelt, damals wohl eher unbewusst: Schon als Jugendlicher besuchte er immer wieder Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen oder organisierte gleich selbst Jazzkonzerte und Ausstellungsprojekte. Seine Dissertation an der Universität Bern und am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich schrieb er zu den Arbeitsskizzen des renommierten Schweizer Architekten Karl Moser, der vor hundert Jahren den Schritt aus dem Historismus des 19. Jahrhunderts in die Moderne des 20. Jahrhunderts in seinen Arbeiten vollzog. «Mich faszinieren Skizzen, weil sie die Wahrnehmung während des Zeichnens festhalten und die Entwicklung eines Projektes beeinflussen können. Dabei sind sie meist nur eine Momentaufnahme eines Gedankens und werden etliche Male verworfen, bevor die Idee tatsächlich realisiert wird.»

Dieser Prozess ist wohl auch der Weg mancher Kulturschaffenden. Viele Künstler stehen gerade aber in dieser schwierigen Zeit heute vor einer unsicheren Zukunft. Zum Glück gibt es nun explizit für den Kulturbereich finanzielle Hilfen vom Bund und den Kantonen. «Man hat in dieser schwierigen Zeit erkannt, dass besonders Kulturschaffende und Kulturinstitutionen für eine Produktivität verantwortlich sind, die man nicht nur in Zahlen ausdrücken kann. Sie bewirtschaften ein Gut, das für unsere moderne Gesellschaft von zentraler menschlicher Bedeutung ist.» Ein Gut, das Thomas Gnägi seit sechs Jahren in seiner Funktion als Museumsleiter und seit zwei Jahren als Leiter von Schloss Werdenberg hilft, es mit grosser Passion und Leidenschaft zutage zu fördern und zu pflegen – so ungefähr könnte die Schublade vielleicht angeschrieben sein. (bfs)

24. Apr 2020 / 12:05
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