• Anita Grüneis bei einer Lesung des Literatursalons in der Landesbibliothek.

«Ich habe einen Job nie wegen des Geldes gemacht»

«Routine hat mich nie interessiert», sagt Kulturjournalistin Anita Grüneis. «Ich habe immer gerne etwas Neues ausprobiert.» Diese Einstellung zeigt sich auch im Lebenslauf der 71-Jährigen. Es gibt kaum ein Berufsfeld, das sie in ihrer langen Karriere nicht ausprobierte und kaum eine Literaturgattung, in der sie sich noch nicht versuchte.

Mit 20 Jahren, nach begonnenem Germanistikstudium, zog Anita Grüneis 1968 hochschwanger zu ihrem Freund nach Liechtenstein – genauer gesagt nach Triesenberg. «Am Anfang habe ich kein Wort verstanden, wurde aber sehr gut aufgenommen», erzählt sie. Es sei schon ein kleiner Kulturschock gewesen, da sie direkt von einer Uni kam, an der sie politisch aktiv war. «Zuerst habe ich lernen müssen, dass es hier nicht angesagt ist, als Frau am Stammtisch den Mund aufzumachen», sagt sie rückblickend. 
Zuerst als Gast, später als Mitarbeiterin, fand Anita im 1969 gegründeten TAK Theater in Schaan eine neue Heimat. «Ich war sehr glücklich, dass es mit dem TAK ein kulturelles Zentrum gab», sagt sie. Schon in Deutschland galt ihr Interesse der Kultur. Mit 15 Jahren sah sie ihre erste Oper, zu Schauspielen fuhr sie regelmässig nach Nürnberg. Ausserdem verfasste sie erste Theaterkritiken für die Schülerzeitung. Im TAK durfte sie dann sogar bei den ersten Eigenproduktionen mitarbeiten. Das eröffnete ihr eine neue Perspektive, denn die Ehe hing bereits schief und sie dachte daran, wieder mit dem Schreiben zu beginnen, um ihr eigenes Geld zu verdienen. «Ich bin zu ‹Volksblatt›-Chefredakteur Walter Bruno Wohlwend ins Büro spaziert und habe nach einem Job gefragt. Zur Probe schickte er mich zu einer Boutique-Eröffnung und ich konnte danach gleich loslegen», so Grüneis. 
In diesen Jahren gab es auch dunkle Zeiten wie ihre Scheidung 1977 und der anschliessende Sorgerechtskrieg. «Wenn du die Kinder haben willst, kannst du nicht im unseriösen Journalismus arbeiten», hat ihr ihr Anwalt damals gesagt. Sie hat ihren Job gewechselt und ein ganzes Jahr lang «gegen eine Welt von Männern» gekämpft, bis sie das Sorgerecht für ihre zwei Kinder bekam. Als Alleinerziehende musste sie nun für eine Familie sorgen, denn sie erhielt nur Alimente. Ein Jahr arbeitete sie beim «St. Galler Tagblatt» in Buchs, merkte aber, dass sich der Lokaljournalismus mit den Kindern schlecht vereinbaren liess, und so fand sie in der Industrie eine geregelte Tätigkeit. Während fünf Jahren baute sie bei der Hilcona die PR-Abteilung auf, übernahm später bei der Censor AG die Personalleitung. «Liechtenstein hat mir beruflich immer ermöglicht, neue Wege zu gehen», sagt sie dankbar. Nebenher schrieb sie weiterhin Theaterkritiken für das «Volksblatt», das «St. Galler Tagblatt» wie auch die «Bündner Zeitung» sowie die Vorarlberger Kulturzeitschrift «Kultur» und machte sich unter Anita Hänsel einen Namen als Kulturkritikerin. 
«Als ich 1992 wieder unter meinem Mädchennamen Grüneis schrieb, musste ich nochmals fast neu anfangen», sagt sie rückblickend. Während sie früher für ihre scharfen Rezensionen bekannt war, gibt sie zu, heute milder zu urteilen. «Als ich im Theater gearbeitet habe, habe ich gesehen, wie verletzend eine vernichtende Kritik sein kann», erzählt sie. Wirklich negative Rückmeldungen gebe sie heute lieber mündlich weiter. «Aber nur, wenn danach gefragt wird», betont sie. 
In den 1990er-Jahren hat Anita Grüneis als Freischaffende zusammen mit Robert Allgäuer, damals Präsident des Kulturbeirats, zahlreiche Projekte realisiert: die Herausgabe des «Kulturhandbuchs Bodensee-Hochrhein», die Ausstellung «Zeitgenössisches Kunstschaffen aus Liechtenstein» sowie verschiedene Projekte im Rahmen des Gastauftritts von Liechtenstein an der Olma. Die zeitgenössische Kunstausstellung hat sie als Projektleiterin nicht nur nach Pully (CH) und Luzern gebracht, sondern auch nach Luxemburg. «Auch wenn der Aufwand sehr gross war, haben wir für die Ausstellung sehr gute Presse bekommen», berichtet die ehemalige Projektleiterin stolz. Verdient habe sie in jener Zeit nicht viel: «Ich habe einen Job nie wegen des Geldes gemacht. Ich habe viel lieber etwas aufgebaut. Ausserdem bin ich eine schlechte Geschäftsfrau», meint sie lachend. Schliesslich sei sie immer irgendwie durchgekommen. 
Trotz beruflicher Auslastung ist Anita mit ihrer Tochter (*1968) und ihrem Sohn (*1972) viel gereist, zum Beispiel durch Frankreich, Holland, Schottland oder Sizilien. Zu Beginn sind sie mangels Geld mit Tramperrucksäcken von Jugendherbergen zu Youth Hostels gezogen. «Eine der schönsten Reisen war die nach Kuba, damals hatte die Landesbank PS-Scheine herausgegeben, von denen ich welche gehandelt habe und so kam ich zu Geld, das meiner Meinung nach nicht erarbeitet war. Das habe ich verwendet, um mit den Kindern nach Kuba zu reisen. Damals gab es kaum Touristen, was für die Kinder ein kleiner Kulturschock war. 
Nach einem kurzen Engagement bei den Theatergastspielen Kempf in München arbeitete Anita Grüneis aushilfsweise beim Amt für Denkmalpflege Aarau, bevor sie in den Jahren 1992 bis 1995 die Pressearbeit und Dramaturgie im TAK in Schaan übernahm. Für diese Arbeit durfte sie auch Stücke anschauen und so habe sie den Regisseur Reinhard Göber fürs TAK entdeckt, der dann die Trilogie der Irrungen inszenierte, darunter auch das schräge Stück «Velvet Liechtenstein». «Mit den Schauspielern aus dieser Zeit habe ich zum Teil heute noch Kontakt», erzählt sie freudestrahlend. Nach vier Jahren beim TAK wagte Anita Grüneis nochmals einen Neuanfang und fing bei Radio L als Nachrichtenredaktorin an. «Das war für mich die schönste Zeit», sagt sie heute rückblickend, «da bin ich beruflich heimgekommen». Dafür hätte sie aber das Schreiben neu lernen müssen: «Radio-Nachrichten müssen einfach und kurz sein – ähnlich wie wenn man für Kinder schreibt.» Für die Sendung «das Porträt» habe sie interessante Persönlichkeiten interviewen dürfen wie zum Beispiel den Sänger Bo Katzmann, den bekannten Regisseur Christoph Schlingensief oder die Hilfswerkpionierin Inge Büchel. Auch eine Schlagersendung mit Oldies durfte sie damals zusammenstellen. Mit 55 Jahren bekam sie die Chance, die Marketing- und Kommunikationsabteilung der HTW Chur aufzubauen und pendelte sieben Jahre lang nach Chur. Mit 62 Jahren liess sie sich frühpensionieren, jobbte bei der Uni Liechtenstein in Sachen Kommunikation und kehrte für ein Jahr zu Radio L zurück. «Dies habe ich als Abschluss nochmals gebraucht», sagt sie. 
Mittlerweile ist Anita Grün­eis fünffache Grossmutter geworden, was sie sehr geniesst: «Ich freue mich immer riesig, wenn ich von meinen Enkeln, die im Aargau und in Bern wohnen, Neues lernen darf». Mit den Mädchen habe sie auch schon Reisen gemacht, mit dem Jüngsten war sie kürzlich in Rom und der Älteste wolle mit ihr nach Amsterdam. «Und der Nummer zwei habe ich versprochen, mit ihr nach bestandener Matura in Neuseeland die Drehorte von ‹Herr der Ringe› abzufahren. Das dürfte in circa vier Jahren sein, da muss ich noch eine Weile durchhalten», sagt die junggebliebene Oma grinsend.
Neben ihrer umfangreichen beruflichen Tätigkeit war Anita Grüneis auch immer schriftstellerisch tätig. Sie realisierte nicht nur fünf Bände der Kinderbuch-Reihe «Lisa und Max», sondern auch mehrere Biografien. Für die PEN-Zeitschrift «Zifferblatt» verfasste sie Gedichte, für die Jahrbücher des Literaturhauses Prosa, für ihre Enkel Kindergeschichten und für den Literatursalon der IG Wort Kurzgeschichten. «Nach zahlreichen Absagen habe ich meine Geschichten nicht mehr Verlagen angeboten, weil ich so frustriert war», erklärt die vielseitige Autorin. 2001 porträtierte sie im Buch «Lust auf Leistung» den Liechtensteiner Radrennfahrer Andrea Clavadetscher, den sie bei einer seiner drei «Race Across America»-Teilnahmen begleiten durfte und dabei täglich für das «Vaterland» berichtete. 2011 schrieb sie in «Ich geb nicht auf! Meine Odyssee als Schmerzpatientin» die Krankheitsgeschichte von Caroline Egger-Batliner nieder und 2009 die Biografie «Mich hat das Leben grenzenlos verwöhnt» mit dem Grossindustriellen Peter Stromeyer aus Konstanz. Wie könnte es anders sein, ist Anita Grüneis auch heute wieder mit einer Biografie beschäftigt. Vor knapp zehn Jahren hat sie ein weiteres Hobby für sich entdeckt: das Herstellen von Modeschmuck. Unter dem Namen «Zobelfitz» fertigt sie Schmuckstücke, die sie an Märkten und einmal wöchentlich im Eingangsbereich des Kaufin in Schaan verkauft. 
«Ein Gefühl, das sich durch mein Leben zieht, ist, dass ich nie irgendwo dazugehörte», sagt Anita Grüneis nachdenklich. Als Tochter eines Lehrers ist sie in einem Bauerndorf bei Nürnberg aufgewachsen, musste bei ihrem Vater in den Unterricht und kam als Einzige aufs Gymna­sium, wo sie wiederum als Bauerntrampel abgestempelt wurde. Auch in Liechtenstein habe sie nie dazugehört, sowohl als Frau in einer Männerdomäne wie auch als alleinerziehende Mutter. «Ich musste nur den Mund aufmachen, und schon wusste man, dass ich nicht hierhergehöre», sagt sie in ihrem feinen Hochdeutsch. Natürlich versteht sie jeden Dialekt, als sie selbst einmal Liechtensteinisch reden wollte, meinten ihre Kinder, das sei «voll peinlich», und so liess sie es. Nichtsdestotrotz bezeichnet sie Liechtenstein als ihre Heimat. Zurecht. Denn vermutlich weiss sie mehr über dieses Land als manch Alteingesessener. (mk)
 

28. Mär 2019 / 17:17
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