• Karl Gassner in Eschen
    Früher spielte Karl Gassner in zahlreichen Beat- und später in Jazzbands. Nach einer längeren Pause ist er seit 2016 wieder mit den «Schuanis Seven» musikalisch aktiv.  (Daniel Schwendener)

Vom Musiker zum Konzertorganisator

Jazz in Liechtenstein – es gibt fast keinen Weg, der nicht an Karl Gassner vorbeiführt. Vor 40 Jahren gründete er in seinem Wohnhaus in Eschen den Jazzclub Tangente und hat dort seither über 500 Konzerte organisiert. Als Geheimtipp unter Jazzliebhabern geniesst der Jazzkeller in Szenekreisen mittlerweile in ganz Europa und sogar Amerika einen guten Ruf, sodass Weltstars mittlerweile zu den Stammmusikern des Eschner Lokals gehören.

Aufgewachsen in einer musikalischen Familie in Schaan versuchte sich Karl Gassner zuerst an der Blockflöte und dann am Klavier des Vaters. «Doch mich hat nur die Gitarre meiner Schwester interessiert», erzählt der 69-jährige Musikliebhaber in seinem Jazzlokal in Eschen.  Während seine Schwester Unterricht in der Musikschule nahm, brachte sich der damals 13-Jährige die ersten Griffe selbst bei. 
Mit 14 gründete er zusammen mit Johann Wanger, Toni Ritter und Xander Vogt seine erste Band «The Cormycs». Da die Gitarre schon besetzt war, liess sich Gassner von seinen Eltern zu Weihnachten seine erste Bassgitarre schenken und stieg als Bassist ein. «Meine Eltern hatten keine Freude daran, wenn wir nach Auftritten spät nach Hause gekommen sind – besonders, da ich und Toni aus behüteten Familien kamen», so Gassner. Als sich «The Chayns» 1967 auflösten, warben die Cormycs-Mitglieder deren Gitarristen Ludwig Walser an und nannten damals die Band in «Excerpt of Time» um. 1969 gründete er die Apollos, mit denen er vorwiegend an den Wochenenden im Hirschen in Wildhaus Tanzmusik spielte. «Da hatten wir erstmals etwas Geld verdient mit der Musik», so Gassner. 
1970 zog Karl Gassner nach Zürich, um an der ETH Elektrotechnik zu studieren. Da kurz vor seinem Abschluss die einzige Stelle im Land anderweitig besetzt wurde, wechselte der junge Student von der ETH an die Uni, um Realschullehrer zu werden. Eine Entscheidung, die er bis heute nie bereut hat: «So hatte ich Zeit für andere Projekte». In Zürich kam der Bassist erstmals auch mit seiner heutigen Lieblingsmusikrichtung in Berührung, als er der Rock-Jazz-Band «Uxorious» beitrat. «Das war schon cool, als wir mit Uxorious das Musiksignet für die DRS-Tagesschau aufnehmen durften», schwärmt Gassner. Doch auch während seiner Zeit in Zürich pendelte er oft nach Liechtenstein, um mit seinen Bands wie den «Kings» aufzutreten. Von 1973 bis 1975 umrahmte er mit dieser Gruppe vor allem Hochzeiten mit Schlager und Walzer. Seit seiner Studienzeit schlug Gassners Herz endgültig für den Jazz, und so erstaunte es nicht, dass er 1975 der Bryan Jeeves Jazzband beitrat, als er von seinem damaligen Nachbar Benno Marxer angefragt wurde. Bei einem dieser Konzerte hörte ihn der bekannte Pianist Istvan Lork, der auf der Suche nach einem Bassisten war und Karl Gassner anfragte. So stiess er 1976 zu Pauls Big Band in St. Gallen, mit der er Jazzmusik der 40er und 50er Jahre interpretierte. «In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt; zum Beispiel über Harmonien zu spielen, ohne dass man eine geschriebene Basslinie hat.» 
Als Karl Gassner 1975 von Zürich nach Liechtenstein zurückkehrte, nahm er eine Stelle an der Realschule Eschen an. 35 Jahre blieb er der Realschule treu, zwei Mal übernahm er für jeweils vier Jahre die Stelle des Schulleiters und über 20 Jahre lang war er der Stundenplaner für die Realschule Eschen. 1986 heiratete er und zog die zwei Kinder Sonja und Martin gross. «Damals hatte ich keine Zeit, aktiv zu musizieren», erklärt der Wahl-Eschner. Nichtsdestotrotz liess den Jazzfan seine grosse Leidenschaft nicht los und so eröffnete er 1979 als 29-Jähriger zusammen mit Jens Dittmar die «Tangente – Musik + Kunst» in seinem Wohnhaus in Eschen. Jens Dittmar war für die Kunst verantwortlich, Karl Gassner für die Jazzkonzerte. «Damals haben wir festgestellt, dass es schwierig ist, etwas über die Karriere lokaler Künstler herauszufinden», erzählt Gassner. Daher begann Jens Dittmar, Materialien über Liechtensteiner Künstler zu sammeln. Nachdem Dittmar Ende der 80er Jahre nach Deutschland zurückkehrte, führ­te Gassner seine Sammlungstätigkeit weiter und seine damalige Frau übernahm den künstlerischen Teil der Tangente. Daneben wurden verschiedene weitere Sparten ausprobiert wie Lesungen, Kleinkunst, Kasperletheater oder Kindermalkurse. 2006 wurde der Ausstellungsbetrieb in der Tangente eingestellt und seither steht nur noch der Jazz im Mittelpunkt. Die Dokumentationsarbeit über heimische Künstler führt Karl Gassner heute weiter, 2010 wurde die Dokumentationsstelle Kunst in Liechtenstein in die Stiftung DKL überführt und von der Tangente entkoppelt. 
Als ob «Charly», wie er von seinen Freunden genannt wird, mit all seinen Projekten noch nicht genug zu tun hatte, baute er in den frühen 90er-Jahren gemeinsam mit Bruno Kaufmann die Kunstschule auf. Während sich Kaufmann um den künstlerischen Teil kümmerte, erledigte Gassner alles Administrative. Er organisierte die Räume und das Inventar, verschickte Ausschreibungen und versuchte, Geld aufzutreiben. «Als nach drei Jahren nichts mehr vorwärts ging, habe ich alles hingeschmissen und bin gegangen», so Gassner. Es wäre nicht Karl Gassner, wenn er in dieser arbeitsintensiven Zeit nicht auch noch den Motorveteranenclub MVCL mit gegründet hätte und nebenher noch mehrere Oldtimer selbst renovierte. «Rückblickend betrachtet habe ich eine Zeit lang vielleicht zu viele Sachen gleichzeitig gemacht, sodass mein Privatleben manchmal darunter leiden musste», sagt Karl Gassner nachdenklich.
Seit Karl Gassner vor 40 Jahren die Tangente eröffnete, hat sich einiges getan. «Meine Eltern hatten zuerst gar keine Freude, dass ich so einen teuren Raum baute und keine Mieteinnahmen davon hatte», erzählt Gassner. Als es jedoch gut lief, hätten sie gemerkt, dass es bei den Besuchern gut ankommt und dass es nicht immer nur ums Geld gehen müsse. Ob ihn die Einwohner damals nicht für einen Spinner hielten? Im Gegenteil, die Nachbarn wie auch sein Umfeld seien seinem Projekt sehr offen gegenübergestanden. Bis heute: «Wir haben in 39 Jahren keine Reklamationen bekommen». Einzig die Parkplätze seien manchmal knapp. «Als ein Postauto über unsere Strasse umgeleitet wurde, kam es wegen den vielen Autos nicht durch», so Gassner. 
Geld verdient habe Karl Gassner mit der Tangente nie. «Mein Ansporn ist es auch heute noch, dass es den Besuchern und Musikern hier gefällt». Mittlerweile ist der Jazzclub in Szenekreisen auf der ganzen Welt bekannt und auch geschätzt. «Man muss an ein Projekt glauben. Nur wenn man daran glaubt, funktioniert es auch», ist sich Gassner sicher. Er habe in den letzten 40 Jahren sehr viele grossartige Musiker kennenlernen dürfen, die ihn sowohl vom Charakter als auch vom Können her überzeugten. Auch wenn manche Musiker zuerst viele Ansprüche zu haben schienen, seien alle mit einem Lächeln aus der Tangente gegangen. Ob er es nach dem 40. Jubiläumsjahr der Tangente nicht etwas ruhiger nimmt? «Wenn ich noch mag, mache ich weiter. Aber nur, wenn ich noch genug Geld zusammenbringe». Es sei ein kleines Wunder, dass sein Jazzclub schon so lange immer über die Runden kam. «Aber es ist Knochenarbeit.» Derzeit sei er gleichzeitig mit seiner vierten Chronik, dem Rechenschaftsbericht, der Revision wie auch mit Geld auftreiben beschäftigt. «Man bucht die Musiker, ohne das Geld auf der Seite zu haben. Das braucht Nerven wie Drahtseile», so Gassner. 
Seit seiner Pensionierung hat der Konzertorganisator nun auch wieder etwas mehr Zeit für eigene Bands. Von 2008 bis 2011 schloss er sich der Jazzband «Zitternde Lippen» an und seit 2016 sorgt er bei «Schuanis Seven» für den richtigen Bass. «Bis auf die Sängerin sind wir alle weit über 60 und haben einen ungeheuren Spass», schwärmt Gassner. (mk)

25. Jan 2019 / 06:00
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