• Projektleiterin Dagmar Frick-Islitzer in ihrer Ausstellung «Kunst kann» im Engländerbau in Vaduz.

«Ein Blick auf Künstler tut gut»

Für die Ausstellung «Kunst kann» hat Initiatorin und Projektleiterin Dagmar Frick-Islitzer nicht nur mehrere Projektpartner vereint, sondern auch zwölf Künstlerpositionen. Zu sehen sind zwölf Kunstwerke und zwölf Lernstationen, die sie im Kunstraum Engländerbau kuratiert hat. Frick-Islitzer hat alle Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers in Liechtenstein, Berlin, Wien und Südtirol besucht und im Vorfeld der Ausstellung rund einstündige Interviews mit ihnen geführt. Ausschnitte davon sind in der aktuellen Ausstellung wie auch umfassend im dazu erscheinenden Handbuch zu finden. 

Von Mirjam Kaiser

In «Kunst kann» stellen  14 Künstler aus Liechtenstein, Deutschland, Österreich und Italien gemeinsam aus. Wie kam es dazu? 
Dagmar Frick-Islitzer: Bereits im Vorgängerprojekt «Künstlerbrille» war unter anderem eine Vermittlungs- und Lernplattform für die breite Öffentlichkeit vorgesehen, doch dann musste das Projekt gesplittet werden. Es war zu umfangreich. Für diese Plattform habe ich dann neue Partner gesucht.

Die Partner stammen aus Berlin, St. Pölten und Dorf Tirol. Wie kam es zu dieser internationalen Zusammenarbeit?
In Berlin habe ich mich als Erstes nach Räumen umgesehen und das Haus am Lützowplatz schien mir geeignet für ein solches Vorhaben. Als ich 2017 beim dortigen künstlerischen Leiter Marc Wellmann angefragte, war er sofort dabei. Den Leiter des Bildungshauses St. Hippolyt in St. Pölten habe ich 2018 bei einem Symposium in Österreich kennengelernt und Leo Andergassen von Schloss Tirol oberhalb von Meran war bereits beim Vorgängerprojekt der Künstlerbrille als Partner vorgesehen. Im Kunstraum Engländerbau bewarb ich mich auch schon 2017/18 mit der Idee der Plattform.

Aus jedem Land sind drei Künstlerinnen oder Künstler dabei. Wie wurden diese ausgesucht?
Jeder Partner hatte freie Hand, achtete aber darauf, dass seine Künstler aus möglichst unterschiedlichen Disziplinen und Kunstsparten vertreten sind und dass sie sich gegenseitig gut ergänzen. Diese künstlerische Vielfalt ermöglicht auch eine Vielfalt der Lernmöglichkeiten. Zudem wurde auf eine Aus-
gewogenheit zwischen den beteiligten Frauen und Männern Wert gelegt.

In Ihrem Projekt verbinden Sie Musik, Literatur sowie darstellende und bildende Kunst. Wie geht dies zusammen?
Jeder der Partner betreute seine Künstlerinnen und Künstler und entwickelte gemeinsam mit ihnen je eine Lernstation. Wir Partner stellten sicher, dass die Besucher dort künstlerische Erfahrungen machen können, die nahe am Entstehungsprozess ihrer Kunstwerke liegen. Durch die vier Sparten ergibt sich eine spannende Bandbreite, die unterschiedliche Sinne ansprechen.

Erfahrbarkeit ist ein wichtiges Thema der Ausstellung. Was möchten Sie damit erreichen?
Es geht um künstlerische Haltungen, um Denk- und Arbeitsweisen, die Künstlerinnen und Künstler besitzen, um das Neue zu finden. Dafür begeben sich Kunstschaffende absichtlich in Unsicherheit, denn auf gewohnten Pfaden passiert meist nur das Plan- und Vorhersehbare. Sie haben ein Sensorium entwickelt und finden sich damit auf unbekanntem Gelände ganz gut zurecht. Das unbekannte Gelände widerspiegelt unsere gegenwärtige Zeit, die von Dynamik und Unübersichtlichkeit, Widersprüchlichkeit und Tempo geprägt ist. Ambiguität und Komplexität kann Menschen verunsichern. Hier tut ein Blick auf Künstlerinnen und Künstler gut. Wir können schauen, wie diese sich in unsicheren Situationen verhalten und welche Haltungen und Eigenschaften sie an den Tag legen. Schlussendlich geht es aber darum, diese Arbeitsweisen auf das eigene Umfeld zu übertragen. Es ist mein Wunsch, bei den Besuchern ein Perspektivenbewusstsein zu schaffen und einen Perspektivwechsel zu evozieren. So möchte ich auch kunstfernen Menschen neue Zugangsarten ermöglichen, indem ich ihnen künstlerische Denkweisen und Vorwärtsstrategien näherbringe. In jeder und jedem von uns schlummert ein kreatives Potenzial, das uns hilft, in dieser komplexen Welt zurechtzukommen und ideenreiche Lösungsansätze zu entwickeln.

Das Projekt ist nicht als reine Ausstellung gedacht, sondern als Vermittlungs- und Lernplattform. Warum?
Unser oberstes Ziel war es, sowohl eine gute Kunstausstellung zu präsentieren, als auch einen persönlichen Erfahrungsraum für die Besucher zu schaffen. In diesem Erasmus+-co-geförderten Projekt haben wir daher Kunst mit Bildung, insbesondere Erwachsenenbildung verbunden. 

Wie wollen Sie bei den Besuchern einen Lernprozess in Gang setzen?
Durch die Lernstationen. Sie sind dazu da, die künstlerischen Handlungen selbst auszuprobieren und dadurch persönliche Erfahrungen zu machen wie zum Beispiel Beobachtung, Experimentierlust, Ergebnisoffenheit, Achtsamkeit, Konzentration und Disziplin, Umgang mit Fehlern oder gar Scheitern, aber auch die Kultivierung von Gedankenvielfalt und Ideenflüssigkeit, das Spiel mit Bild, Sprache und Wort. Das sind künstlerische Haltungen, die man sich hauptsächlich durch das eigene Ausprobieren aneignet.

Das Projekt ist eine Zusammenarbeit mit der AIBA. Inwiefern betrachten Sie Ihr Kunstprojekt als Erwachsenenbildung?
Kunst ist für mich eine Form von Weltaneignung. Dadurch wird die eigene Persönlichkeit gebildet. Das kann individuell wie kollektiv, aktiv wie passiv geschehen. Daher ist Persönlichkeitsbildung immer auch Erwachsenenbildung.

Die Ausstellung heisst «Kunst kann». Was wollen Sie damit ausdrücken?
Das ist ein Titel, der vieles anspricht, aber auch genügend offen lässt. Kunst kann aufzeigen und verzaubern, auf Schönheit oder Missstände verweisen, beglücken, aber auch provozieren und irritieren, zum Nachdenken anregen und einen persönlich weiterbringen. Dafür braucht es Offenheit und die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen. Kunst gehört zum Menschsein; sie ist quasi ein Lebens-Mittel. Sie ist auch eine andere Form von Sprache, die Dinge vermitteln kann, ohne sie direkt anzusprechen.

War die Umsetzung Ihres Projekts ebenfalls von den Coronamassnahmen betroffen?
Ja, Ende März wäre in Meran ein transnationales Treffen geplant gewesen, das wir nicht durchführen konnten. Stattdessen haben wir unmittelbar nach dem Lockdown mit Skype-Besprechungen begonnen. So haben wir wöchentlich jeweils zweistündige Onlinesitzungen abgehalten. Manchmal auch öfters. Diese haben uns gute Dienste in der Detailarbeit geleistet. Neben diesen Einschränkungen schwebte eine grosse Ungewissheit, ob wir überhaupt die Präsentation eröffnen können. Doch unser Projekt wurde mit der Entwicklung der Plattform, die in allen vier Ländern nacheinander gezeigt werden soll, und mit dem Verfassen des Handbuchs zu einem riesigen Dampfer, den wir mit voller Kraft vorantrieben. Was wir dank der Kulturstiftung Liechtenstein nun auch in Angriff nehmen können, ist der Dreh eines halbstündigen Films über die Vermittlungs- und Lernplattform im Kunstraum Engländerbau in Vaduz. Dieses Medium wird uns bei einer partiellen oder kompletten Schliessung aufgrund von Corona eine virtuelle Alternative sein. 

27. Aug 2020 / 18:39
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