• Mauren
    Seit 37 Jahren treues Mitglied des Musikvereins Konkordia Mauren: Remi Ritter.  (©Paul Trummer/TravelLightart)

Unterwegs mit Trompete und Harley Davidson

Mal in Lederkluft und Sonnenbrille, mal in traditioneller Tracht des Musikvereins Konkordia Mauren – so kennt man Remi Ritter aus Mauren. Sein Herz schlägt für die Blasmusik ebenso wie für Rockmusik. Für seine Trompete ebenso wie für seine Harley-Davidsons. So gegensätzlich seine zwei Leidenschaften erscheinen, so gut bringt Remi Ritter beides unter einen Hut. Als Frohnatur geniesst er sein Leben – ob mit Trompete auf der Bühne oder mit seiner Harley auf Tour. 

Mit seiner Vespa kommt Remi Ritter soeben von der MFK angerollt und betritt das Medienhaus, seinen schwarzen Helm unter den Arm geklemmt. Er habe soeben auf dem Amt noch sämtlichen Papierkram erledigt, um sein neues Fahrzeug nach Liechtenstein holen zu können, erzählt er. Aber etwa nicht eine zweite Vespa, sondern eine original Harley-Davidson – seine fünfte Maschine dieses beliebten Kult-Kalibers. Am liebsten würde er sofort nach Holland fahren, wo sie nach ihrer Verschiffung aus den USA derzeit auf Remi Ritter wartet. Doch sein Terminkalender ist ausgefüllt, grösstenteils mit Musikproben. Wer glaubt, der Harley-Davidson-Fahrer spiele als Drummer oder E-Bassist in einer Rockband, liegt kläglich falsch. Der 51-Jährige ist Trompeter – und zwar seit 37 Jahren beim Musikverein Konkordia Mauren. Zweimal die Woche probt er mit seinen Vereinskollegen und -kolleginnen und einmal mit der Brassband, in der er ebenfalls als Trompeter spielt. So sind die Montag-, Mittwoch- und Donnerstagabende bereits fix mit Musik besetzt. Wobei der Vater zweier erwachsener Töchter die Proben nicht als Termine sieht – «Die Musik ist vielmehr meine Leidenschaft».

Eine Leidenschaft, die schon früh in Remi Ritter schlummerte. Noch gut kann er sich daran erinnern, wie er sich als Kind im Fernsehen Konzerte von Big Bands angesehen hat – «damals noch in Schwarz-Weiss», sagt er. Oft hätten seine Eltern erzählt, wie er als kleiner Junge zum Bildschirm rannte, mit seinem Finger auf die Trompete zeigte und sagte: «Das will ich lernen.» Mit sechs Jahren kam er seinem Wunsch dann schon ein bisschen näher, als er mit dem Blockflötenunterricht beginnen durfte. Mit neun Jahren hielt er bereits seine erste Trompete in den Händen und besuchte regelmässig die Musikschule in Vaduz. Unbedingt wollte er Mitglied des Musikvereins Konkordia Mauren werden. Sprichwörtlich fällt der Apfel nicht weit vom Baum – Vorbild war sein Vater, der bei der Konkordia Posaune spielte. Dennoch musste er sich seine Aufnahme im Verein wie alle anderen erst erspielen: «Zum einen brauchte ich dafür eines der drei Abzeichen Bronze, Silber oder Gold, wofür ich vor einer Jury des Liechtensteinischen Blasmusikverbandes vorspielen musste.» Diese Hürde mit Leichtigkeit genommen, stand mit gerade mal zwölf Jahren das nächste Vorspiel vor der Konkordia selbst im Vereinslokal Weiherring an. Auf Anhieb gab auch der Verein grünes Licht. Es folgte ein Probejahr, das später allerdings abgeschafft wurde. «Ziel war es, zu testen, ob der Neuling in den Verein passt», sagt Remi Ritter. Auch da gab es keine Zweifel, sodass der junge Trompeter 1983 als fixes Mitglied in den Maurer Musikverein aufgenommen wurde. «Ich war der Jüngste, der Älteste etwas über 80 – und alle müssen miteinander klarkommen. Eine tolle Erfahrung, die für das Leben prägt.»

Schnell hat sich das junge Talent herumgesprochen und mit 18 Jahren wurde Remi Ritter in die Big Band Liechtenstein aufgenommen. «Unter anderem mit Profimusikern auf der Bühne zu stehen, war dann nochmals eine andere Liga», sagt er. Nach drei Jahren verabschiedete er sich allerdings wieder von der Big Band. Profimässig wollte er nie Trompete spielen – stattdessen absolvierte er in St. Gallen eine Ausbildung zum Marketing-Assistenten und stieg in den 
Familienbetrieb Ritter Auto Mauren ein. «Neben der Konkordia wurden mir in meiner Ausbildungszeit die Proben mit der Big Band zu viel.» 

Auch die Brass-Band wollte den Trompeter an Bord haben – «Immer wieder haben sie angefragt und wie bekannt: Steter Tropfen höhlt den Stein.» So gehört Remi Ritter seit nun drei Jahren als fixes Mitglied zur Brass-Band. Mit ihr tritt er jährlich circa fünf Mal auf, mit der Konkordia sind es übers Jahr verteilt mit 30 weitaus mehr Auftritte. Dazu gehören all die kirchlichen Anlässe wie beispielsweise die Erstkommunion, sämtliche gesellschaftliche Feiern wie auch Jubiläen. 

Dieses Jahr ist der Musikverein Konkordia Mauren nach 150-jähriger Vereinsgeschichte selbst Jubilar. Sämtliche Festlichkeiten, für die Remi Ritter der OK-Präsident war, wurden coronabedingt bereits am 17. März abgesagt. «Eine Absage, die schmerzte.» Alles wäre geplant gewesen und für die Freunde aus dem Südtirol die Zimmer für die Übernachtung bereits reserviert. Für den OK-Präsidenten besonders bitter: Ausgerechnet in diesem Jahr hätte das Erbprinzenpaar seine traditionelle Wanderung durch Mauren gemacht und wäre dann am grossen Jubiläumsfest empfangen worden. 

Im Raum stand, sich der Feuerwehr Mauren und dem Gesangsverein anzuschliessen, die nächstes Jahr gemeinsam ihr jeweils 150-Jahr-Jubiläum feiern. «Schliesslich haben wir uns entschieden, unser Jubiläum gebührend 2024 zu feiern, wenn Mauren Gastgeber des landesweiten Verbandsmusikfestes ist», sagt Remi Ritter. «Damit wir das Feiern aber ja nicht verlernen, gibt es im 2022 mit unserem Oktoberfest ein Warm-up.» Er hoffe, dass spätestens dann ein Stückchen Normalität zurückgekehrt ist. 

Remi Ritter ist ein leidenschaftlicher Musiker – «einmal Musikant, immer Musikant», so seine Devise. Ebenso wie: «Einmal Harley-Davidson-Fahrer, immer Harley-Davidson-Fahrer.» Er sei etwa acht Jahre alt gewesen, als er auf der Einfahrt vor seinem Elternhaus gestanden sei und sein Onkel mit gehörig Sound auf einer Harley-Davidson herangebraust kam. Ohne gross zu fragen, habe sein Onkel ihn vor sich auf die Maschine gesetzt und Gas gegeben. «Diese Fahrt nach Schellenberg werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen!» Der Wind in den Haaren und nicht zuletzt der Duft nach Freiheit habe sich in seinem Gedächtnis eingebrannt. Nie mehr wollte er dieses für ihn schier unbeschreibliche Gefühl missen wollen. Ein bisschen musste er sich dann aber doch noch gedulden und eroberte zuerst mit 14 Jahren Liechtensteins Strassen noch mit dem Mofa. Kaum seinen 18. Geburtstag gefeiert, absolvierte er die Motorradprüfung. Zwei Jahre lang musste er sich mit einer 125er begnügen  «Dennoch fuhr ich voller Stolz während meiner Lehre mit meiner Honda zur Arbeit.»

Mit 20 Jahren legte er dann die Prüfung für Motorräder über 125 Kubik ab. Die Ampel für eine Harley-Davidson stand auf grün, hätte es dann nicht doch noch ein Problem gegeben: das Geld. Denn Remi Ritter wollte nicht einfach irgendeine Harley-Davidson – «Ich wollte eine Fat Boy, kein übliches Einsteigermodell.» Weil Vorfreude bekanntlich die schönste Freude ist, entschied er sich, dafür eisern zu sparen und überbrückte den Weg zu seinem grossen Traum mit einer Yamaha, 750 Kubik. 

Seine Faszination für Harley-Davidson-Maschinen teilte Remi Ritter mit einem Freund, dem allerdings eine eigene gehörte. Und zwar ausgerechnet eine Fat Boy in Schwarz, wie es sich Remi Ritter erträumt hatte. Nie und nimmer hätte er daran gedacht, dass diese jemals ihm gehören würde. «Eines Tages kam der Kollege auf mich zu und erzählte mir, dass er sich einen Kombi kaufe – seine Freundin war schwanger.» Beides konnte er sich nicht leisten und so bot dieser Remi Ritter seine Fat Boy zu einem sehr guten Preis an. Natürlich steht diese noch heute in Remi Ritters Garage, seine «Harlady», wie er sie getauft hatte. Mittlerweile hat seine Harlady Gesellschaft von drei weiteren Harley-Davidson-Maschinen bekommen: Eine originale und sehr seltene Shuffle-Head-Harley, die er «Red Rose» nennt. Es folgte eine weitere Maschine aus einer Versteigerung, die er «Ashtray» nennt, und eine militärgrüne Harley, die «Military» heisst. Und schon bald wird auch seine neue Maschine, die noch auf ihre Abholung wartet, einen Platz in seiner Garage bekommen – «Corona» soll seine fünfte und bestimmt nicht letzte Maschine heissen. 

Erzählt Remi Ritter von seinen Harley-Touren, ist jedes Wort, das er spricht, vom Duft der Freiheit umgeben und von Humor und unvergesslichen Begegnungen und Erlebnissen geprägt. Beispielsweise als er anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums von Harley-Davidson mit einer seiner Maschinen nach Genua fuhr. Bei seiner Ankunft sei das ganze Hafengelände abgesperrt gewesen und Remi Ritter war in Sorge, wo er über Nacht seine Harley sicher abstellen könne. Da kam ihm der Onkel-Trick in den Sinn. Wieso sollte, was bei ihm funktionierte, nicht auch bei einem Sicherheitsmann klappen? Kurzerhand lud er diesen auf eine kleine Tour ein, worauf der Security hinter Remi Ritter Platz nahm und sich an diesen klammerte. Remis Rechnung ging auf: Der Sicherheitsmann war so begeistert, dass dieser ihm ein abgesichertes Kabäuschen anbot, wo Remi Ritter seine Maschine über Nacht unterstellen konnte. Mit dem Schiff ging es dann nach Barcelona, wo er mit Harley-Davidson-Fans aus der ganzen Welt eine Woche lang feierte. Rund einen Monat später ging’s in die USA nach Milwaukee, wo er gar eine Sonderführung durch das Harley-Werk bekam. «Eigentlich wäre das Werk geschlossen gewesen, aber ich scheine bei Sicherheitsmännern einen Stein im Brett zu haben. Nachdem er meinen Pass eingehend betrachtete, tat es ihm leid, dass ich den weiten Weg auf mich genommen habe und nun vor einem verschlossenen Werk stehe», schmunzelt der 51-Jährige. Mit einer Spezialführung wurde er belohnt – «Ich war in der Hall of Fame und im Büro von Willie G. Davidson!», erzählt er fast schon ausser sich. «Einfach nur wow – und Gänsehaut pur.» 

Noch lange könnte Remi Ritter über seine Harley-Touren erzählen. Doch die Zeit drängt, es steht die Donnerstagsprobe mit dem Musikverein Konkordia Mauren an. Seit dem 17. August können die Vereinsmitglieder wieder proben – und haben noch ein ganzes Stück Arbeit vor sich: Im November geben sie im neuen Maurer Saal ihr traditionelles Herbstkonzert. 

Remi Ritter zieht den schwarzen Helm wieder an, bevor er sich auf seine Vespa schwingt und sich auf den Nach-Hause-Weg nach Mauren macht. Zurück bleibt die Geschichte einer Frohnatur, für die es wahrscheinlich nichts Schöneres geben würde, als auf einer seiner Harleys Trompete zu spielen – und dabei einfach die Freiheit zu geniessen.  (bfs)

27. Aug 2020 / 18:36
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