• Pirmin Schädler, Triesenberg
    Pirmin Schädler in der Pfarrkirche Triesenberg.  (Tatjana Schnalzger)

Wichtigste Einnahmequelle ist versiegt

Pirmin Schädler lebt von der Musik. Die Krise hat auch ihm zugesetzt, weshalb er gemeinsam mit anderen Künstlern eine faire Lösung fordert.

Organist und Pianist Pirmin Schädler musste seit Beginn der Coronakrise auf viele Konzerte und Engagements, mit denen er seinen Lebensunterhalt finanziert, verzichten. Die einzige Einnahmequelle waren die Gottesdienste in der Pfarrkirche Triesenberg, die er seit 15 Jahren an der Orgel begleitet. Somit konnte der Triesenberger zumindest zu einem Bruchteil seinem gewohnten Alltag nachgehen – auch wenn das Gefühl, während der Messe «nur» vor leeren Bänken zu spielen, ganz speziell war. 

Sind Sie froh, dass Sie zumindest noch in der Kirche spielen konnten? 
Pirmin Schädler: Ja, sehr. Als es hiess, dass keine Gottesdienste mit Besuchern mehr stattfinden dürfen, haben sich die Gemeinde und die Pfarrei darauf geeinigt, die Gottesdienste über einen Livestream und den Gemeindekanal auszustrahlen. Für mich war das sehr angenehm, dass diese Einnahmequelle nicht versiegt ist. Auch für die Gläubigen vor dem Fernseher war es toll, dass die Messe im Dorf weiterhin gefeiert wurde und man von zu Hause aus live dabei sein konnte. An dieser Stelle muss ich der Gemeinde ein Kränzchen winden, da sie genauso gut hätte die Messen ausfallen lassen können. Vom Männergesangsverein Triesenberg bin ich auch von Anfang an  unterstützt worden. Übrigens ist kurz vor dem Ausbruch der Pandemie der Motor für das Gebläse der Orgel kaputtgegangen. Wegen verzögerter Lieferzeiten warten wir noch immer auf die Ersatzteile. In den vergangenen Monaten habe ich stattdessen auf dem Synthesizer gespielt. Das war nicht die einzige Besonderheit. 

Was war noch speziell? 
Das Gefühl, zu wissen, dass niemand unten auf den Bänken sitzt und die Messe nur aufgezeichnet und übertragen wird, war sehr speziell. Ich habe quasi nur für den lieben Gott und den Live-stream georgelt. Das war ganz in Ordnung, wobei es viel angenehmer ist, wenn Menschen in der Kirche sind, dann spielt man ganz anders. Das liegt zum Beispiel nur schon daran, dass bei Lied- begleitungen niemand da ist, der mitsingt. Um so kräftiger beginnt man dann überraschenderweise auch selber mitzusingen. Ich muss zugeben, dass mir das Spass gemacht hat und ich es wohl beibehalten werde.


Nun werden die Gottesdienste wieder wie gewohnt abgehalten. Sie sind bestimmt froh darüber. 

Es freut mich, dass wieder gesungen wird. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass plötzlich sehr viel mehr Menschen gekommen sind. Das könnte aber auch daran liegen, dass sie wegen dem Abstandsgebot auf allen Bänken verteilt sassen. Auf jeden Fall war ich es nicht mehr gewohnt, vor Leuten zu spielen. Ich glaube aber, dass es nach dieser langen Zeit zu Hause wohl allen so ging, die sich wieder an öffentliche Orte begeben haben.

Hätten Sie noch viele andere Auftritte gehabt? 

Die Monate April, Mai und Juni sind eigentlich für Ensembles und die Begleitung von Chören – sei es bei Proben oder Konzerten – reserviert. Das musste alles abgesagt werden. Hinzu kommt, dass diese Anfragen die wichtigste Einnahmequelle für mich sind. Geplant wären in diesem Jahr auch noch viele andere tolle Projekte gewesen. Beispielsweise hätte ich auf Jazz-Festivals in der Schweiz mit dem Jazzmusiker Marcel Oetiker spielen sollen. Selbstverständlich sind auch eine Reihe weiterer Jazz-Gigs ausgefallen. Insgesamt wurden durch das Berufsverbot in den vergangenen drei Monaten über 20 Konzerte und auch diverse andere nichtöffentliche Engagements abgesagt. Zudem kamen keine neuen längerfristigen Anfragen herein.

Haben Sie es vermisst, auf der Bühne zu stehen? 

Ich habe die Bühne sehr vermisst. Selbst einen kleinen Chor zu begleiten oder auf einer Hochzeit zu spielen, ist ein tolles Gefühl. Es muss auch längst nicht nur die grosse Bühne sein und auch die Anzahl der Zuhörer spielt überhaupt keine Rolle.

Kulturschaffende in Liechtenstein haben sich zusammengeschlossen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie gehören auch dazu.

Die Mutter meiner Kinder und ich sind beide selbstständige Musiker. Wir sind im Haushalt also gleich doppelt betroffen. Als Bühnenmenschen waren wir mit die Ersten, denen das Auftreten nicht mehr möglich war. Auch gehören wir zu den Letzten, die ihrer Tätigkeit wieder nachgehen können. Doch damit ist es noch nicht getan. Jeder Auftritt braucht eine gewisse Vorlaufzeit und wir hatten uns für gewisse Projekte bereits vorbereitet. Nun wurden bis Ende Jahr oder sogar bis ins nächste Frühjahr 80 bis 90 Prozent aller Konzerte abgesagt. Langsam tröpfeln neue Anfragen wieder herein, aber diese sind eher kurzfristig, wie etwa der Auftritt mit Amik Guerra und «Initialzündung» im TAK. Gemeinden, Institutionen und das Land bemühen sich mittlerweile, Kulturschaffende mit Engagements zu unterstützen. Trotzdem sieht es bei der finanziellen Unterstützung durch das Land für viele gar nicht gut aus, da sie durch ihre sehr unterschiedlichen und speziellen Tätigkeiten einfach komplett durch das Raster fallen. Ich persönlich gehöre da auch dazu.

Wie ist der Stand der Dinge? 

Wie schon aus diversen Berichten in der Presse bekannt ist, wurden bereits zwei runde Tische mit Katrin Eggenberger und dem Amt für Kultur abgehalten. Grundsätzlich möchten sie uns helfen und haben ein offenes Ohr. Trotzdem lief es in den vergangenen Wochen noch etwas harzig und bis heute gibt es keine konkrete Lösung. Die Kultur ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und ich denke, dass unser Land und unsere Politiker dies einsehen werden und wir Kulturschaffenden in naher Zukunft auch noch entschädigt werden.

Die Gemeinden helfen jenen, die durch das Raster gefallen sind. Wäre das eine Option? 

 Das ist eventuell eine Option, um die finanziellen Nöte zu lindern. Ich bin überzeugt, dass viele Kulturschaffende mit der jeweiligen Gemeinde Kontakt aufnehmen werden. Wir haben uns in den vergangenen Wochen allerdings zusammengeschlossen, um uns mit der gesamten Kulturbranche in Liechtenstein zu solidarisieren. Selbstverständlich könnte jede und jeder Kulturschaffende weiterhin selbst versuchen, zu seinem Recht zu kommen, aber wir möchten diese Angelegenheit für alle Kulturschaffenden in Liechtenstein gemeinsam geklärt wissen. Niemand soll noch zu Hause die Faust im Sack machen müssen, weil jemand finanzielle Unterstützung von seiner Gemeinde erhält und ein anderer vielleicht eben nicht. Deshalb ist es wichtig, dass wir eine Regelung mit der Regierung finden.

Können Sie der Krise dennoch etwas Positives abgewinnen? 

Auf jeden Fall. Ich konnte mehr Zeit mit meinen beiden Buben verbringen und war auch an den Abenden immer zu Hause. Ansonsten bin ich um diese Zeit meist im Probelokal oder auf der Bühne anzutreffen. Zudem sehe ich im Zusammenschluss der Liechtensteiner Künstlerinnen und Künstler etwas sehr Gutes. So können wir auch künftig gemeinsam auf Herausforderungen reagieren und uns gegenseitig unterstützen. Bezüglich der Arbeitslage bin ich überdies optimistisch, dass sich die Situation wieder erholen wird. Die Welt wurde nicht komplett auf den Kopf gestellt. 

 

Serie – Teil 73
Das «Vaterland» hat sich bei Kulturschaffenden erkundigt, wie es ihnen während der Coronazeit erging und welche Projekte nun anstehen. Heute mit dem Musiker Pirmin Schädler. 

04. Jul 2020 / 07:00
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